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29. Wie bekamen die Liberalen das Konzil in ihre Hand?

10. Januar, 2018

100 Fragen zur aktuellen Lage der Kirche

Dank der Unterstützung von Johannes XXIII. und Paul VI. konnten die liberalen und neomodernistischen Kräfte viele ihrer Positionen in die Konzilstexte einbringen, viel mehr sogar, als sie anfangs erhofft hatten. Die von der vorbereitenden Kommission vor dem Konzil sorgfältig vorbereiteten Schemata, die den Glauben der Kirche wiedergaben und über die auf dem Konzil diskutiert und abgestimmt werden sollte, wurden in der ersten Sitzungsperiode verworfen und durch neue, von den Liberalen vorbereitete Schemata ersetzt – mit Ausnahme des Schemas über die Liturgie!

Es gab auf dem Konzil eine Gruppe von etwa 250 bis 270 Bischöfen, welche die Tradition der Kirche verteidigen wollten und die sich später zum Coetus Internationalis Patrum zusammenschlossen. Diesen gegenüber stand aber eine Gruppe von liberalen Kardinälen und Bischöfen, die sich in der sogenannten «Rheinischen Allianz» zusammengefunden hatten und bestens organisiert waren. Der Name «Rheinische Allianz» kommt daher, daß deren Führer fast alle Bischöfe waren, deren Bistümer an den Ufern des Rheins lagen. Diese Gruppe überschwemmte das Konzil täglich mit Druckschriften, in denen den Bischöfen gesagt wurde, wie sie abstimmen sollten. Die Mehrheit der Bischöfe war unentschieden und wäre auch bereit gewesen, den Konservativen zu folgen. Da sie aber sahen, daß die Führer der «Rheinischen Allianz» die persönlichen Freunde des Papstes waren und einige von ihnen, nämlich die Kardinäle Döpfner, Suenens und Lercaro sogar zu Moderatoren des Konzils bestimmt wurden, folgten sie ihnen.

Ein Theologe der progressiven Partei, Hans Küng, gab während des Konzils einmal seiner Freude darüber Ausdruck, daß sich der Traum einer kleinen Minderheit auf dem Konzil verwirklicht habe: «Niemand, der zum Konzil hier war, wird so heimkehren, wie er gekommen ist. Ich selbst hätte niemals so viele kühne und ausdrückliche Erklärungen von Bischöfen auf dem Konzil erwartet».[66] Welchen Geistes Kind Küng ist, hat sich inzwischen deutlich gezeigt. Neben der Unfehlbarkeit des Papstes und der Gottheit Christi leugnet dieser Mann die meisten christlichen Dogmen, so daß ihm selbst vom nachkonziliaren Rom die Lehrbefugnis entzogen wurde.

Nicht viel besser steht es mit Karl Rahner, der, wenn auch vorsichtiger und verklausulierter, ähnliche Thesen in seinen Werken verbreitet hat und unter Pius XII. von Rom gemaßregelt wurde. Er gelangte auf dem 2. Vatikanischen Konzil zu ungeheurem Einfluß und Ralph Wiltgen geht so weit, ihn den einflußreichsten Theologen auf dem Konzil überhaupt zu nennen: «Da die Stellungnahme der deutschsprachigen Bischöfe regelmäßig von der europäischen Allianz [= Rheinische Allianz] übernommen wurde und da die Stellungnahme der Allianz im allgemeinen vom Konzil übernommen wurde, hätte ein einzelner Theologe erreichen können, daß das ganze Konzil seine Ansichten übernimmt, falls sie von den deutschsprachigen Bischöfen übernommen worden wären. Einen solchen Theologen gab es: P. Karl Rahner S.J.»[67]

Ein weiteres Beispiel gibt Yves Congar. Auf die Frage, ob Rahner einen großen Einfluß auf die Theologische Kommission hatte, antwortete er: «Einen entscheidenden. Das Klima wandelte sich: Rahner dixit: Ergo, verum est [Rahner hat es gesagt, also ist es wahr]. Ich mache Ihnen ein Beispiel. Die Theologische Kommission bestand neben den Bischöfen auch aus einigen Ordensoberen, wie denen der Dominikaner oder der Karmeliten, und jeder von ihnen hatte einen Experten zur Seite. Nun standen auf dem Sitzungstisch zwei Mikrophone, aber Rahner nahm eins von ihnen praktisch allein für sich in Beschlag. Er war etwas aufdringlich, und im übrigen wandte sich der Wiener Kardinal Franz König öfters zu seinem Experten, um ihn zu fragen: ‚Rahner, quid?’ Natürlich ergriff er das Wort …»[68]

Für Karl Rahner war die überlieferte Lehre der Kirche aber nur «pianischer Monolithismus» und «Schultheologie». Welche Gesinnung er gegenüber dem Lehramt der Kirche hatte, erhellt ein Brief, den er in bezug auf die Übersetzung seines Theologischen Wörterbuches («Kleines Theologisches Wörterbuch») am 22.2.1962 schrieb: «Eben schreibt Scherer, ob ich dafür oder dagegen sei, daß man eine italienische Übersetzung des Lexikönchens mache. Sicher ist das Italienische wegen den Bonzen und Hütern der Orthodoxie in Rom ein besonderes Problem. Darum wurden ja auch meine Schriften nicht ins Italienische übersetzt. Andererseits bin ich … doch auch schon wieder in meiner Position gefestigt. Man könnte auch sagen, daß das Lexikönchen so abgefaßt ist, daß diese Leute es gar nicht verstehen und so gar nicht finden, was gegen ihre Beschränktheit gesagt ist.»[69] Als der Präfekt des Heiligen Offiziums, Kardinal Ottaviani, während einer Rede auf dem Konzil in Sorge um die Tradition der Kirche seine Redezeit überschritt und ihm darauf einfach das Mikrophon abgestellt wurde, kommentierte Rahner dies in einem Brief vom 5.11.1962 an Vorgrimler so: «Daß … Alfrink neulich Ottaviani das Wort entzog, weil er zu lang redete und man dann zu klatschen begann (was sonst ja nicht üblich ist), wirst Du gehört haben. Motto: Schadenfreude ist die reinste Freude.»[70]

Erzbischof Lefebvre erzählt auch von dem Besuch eines Vortrags, den Pater Congar den französischen Konzilsvätern hielt. Der Erzbischof war entsetzt über die Weise, wie der Pater den Bischöfen ihre Rollen verteilte, als wären sie Schulbuben: «Mgr. X, Sie sprechen über dieses Thema; Sie, Mgr. Y, Sie ergreifen das Wort bei jenem Thema. Machen Sie sich keine Sorgen, wir werden Ihnen den Text vorbereiten, Sie brauche ihn nur abzulesen.»[71]

Daß Männer wie Küng, Rahner und Congar auf dem Konzil Einfluß hatten, spricht nicht für dieses und für die Qualität seiner Reformen. Leider wirft es auch kein gutes Licht auf Papst Johannes Paul II., wenn man folgende Aussage von ihm lesen muß, die er 1963 (noch als einfacher Bischof) machte: «So hervorragende Theologen wie Henri de Lubac, J. Daniélou, Y. Congar, H. Küng, R. Lombardi, Karl Rahner und andere spielten eine außergewöhnliche Rolle bei diesen Vorbereitungsarbeiten.»[72]

[66] Wiltgen, Ralph M.: Der Rhein fließt in den Tiber. Feldkirch 1988. S.61.
[67] Ebd. S.82.
[68] 30 Tage in Kirche und Welt, Nr. 3/1993, S. 22.
[69] Vorgrimler, Herbert: Karl Rahner verstehen. Freiburg 1985. S. 175.
[70] Deutsche Tagespost vom 10.10.1992. S. 2.
[71] Bernard Tissier de Mallerais: Marcel Lefebvre – die Biographie, Stuttgart 2008, S. 315.
[72]  Malinski, M.: Mon ami Karol Wojtyla. Le Centurion 1980. S. 189. Vgl. zu de Lubac und Congar oben Frage 22.

Quelle: Katechismus zur kichlichen Krise, Pater Matthias Gaudron, Sarto-Verlag, 2017, 4. Auflage