37. Müssen in einem katholischen Staat alle Bürger katholisch sein?

2018
Quelle: Distrikt Österreich

100 Fragen zur aktuellen Lage der Kirche

Ist die Bevölkerung in der großen Mehrheit katholisch, so muß, wie wir oben gesehen haben, die katholische Religion Staatsreligion werden. Dies bedeutet aber nicht, daß in einem solchen Staat die Bürger gezwungen werden, zum katholischen Glauben überzutreten. Dies ist im Gegenteil sogar streng verboten, da der Glaubensakt mit freiem Willen vollzogen werden muß und nicht erzwungen werden kann.

Die nichtkatholischen Religionen können und müssen oft sogar in einem katholischen Staat toleriert werden, wenn nämlich ein größeres Gut zu bewahren oder ein schlimmeres Übel zu verhindern ist.

Toleranz ist die Duldung eines Übels. Der katholische Staat betrachtet die falschen Religionen als ein Übel, vor dem er seine Bürger schützen will, und erlaubt ihnen darum keine oder nur eine eingeschränkte öffentliche Wirksamkeit. In die private Glaubensausübung mischt der Staat sich grundsätzlich nicht ein. Es gibt auch verschiedene Grade der Toleranz. Es ist eine Frage der Klugheit, den nichtkatholischen Religionen größere oder geringere Einschränkungen bei der öffentlichen Religionsausübung aufzuerlegen.

Kardinal Billot schrieb: «Die Frage, die zwischen den Liberalen und uns steht …, ist nicht, ob man angesichts der Schlechtigkeit des Jahrhunderts das mit Geduld ertragen muß, was nicht in unserer Gewalt steht, und gleichzeitig daran arbeiten, größere Übel zu vermeiden und alles noch möglich bleibende Gute zu wirken, sondern die Frage ist genau die, ob es sich geziemt … (den neuen Stand der Dinge) zu billigen, die Prinzipien zu preisen, die die Grundlage dieser Ordnung der Dinge sind, und sie durch Wort, Lehre und Werke zu befördern, so wie es die sogenannten liberalen Katholiken tun.»[93] Heute sind die Verhältnisse noch schlechter, als zur Zeit des Kardinals Billot und viele Prinzipien des katholischen Staates sind in der Praxis gar nicht anwendbar, da es keine katholischen Staaten mehr gibt (woran allerdings die nachkonziliare Kirche ihre Mitschuld hat). Wenn man also diesen Zustand zwar ertragen muß, folgt daraus nicht, daß man ihn auch gutheißen muß.

[93] Le cardinal Billot, lumière de la théologie, S. 58 f. Zitiert nach: Sie haben ihn entthront, S. 115.

Quelle: Katechismus zur kichlichen Krise, Pater Matthias Gaudron, Sarto-Verlag, 2017, 4. Auflage