50 Jahre FSSPX: Einer der ersten Seminaristen der Bruderschaft erinnert sich

14 Januar, 2020
Quelle: Distrikt Deutschland

Von Pater Jean-Yves Cottard

Die Priesterbruderschaft St. Pius X. hat eine Geschichte schon vor ihrer kanonischen Errichtung am 1. November 1970. Die ersten Seminaristen empfing Msgr. Marcel Lefebvre schon im Jahr 1969 im Schweizer Fribourg. Aber schon als Generaloberer der Spiritaner hatte er 1967/68 seine schützende Hand über eine Gruppe von Priesteramtskandidaten gehalten. Einer von ihnen war Pater Jean-Yves Cottard (74), heute eines der ältesten Mitglieder der Bruderschaft. Der Hausgeistliche im französischen Mutterkloster der Schwestern der Bruderschaft St. Pius X. erinnert sich:

„Ich habe euch erwählt.“ (Joh 15,16) Diese Worte Unseres Herrn Jesus Christus lassen sich auf jeden von uns Priestern anwenden. Wenn mein Vater nicht in den Jahren 1959–1962 als Offizier, als Kommandant der Luftwaffenbasis Brazzaville, Msgr. Lefebvre gekannt hätte, der damals Apostolischer Delegat für Afrika war, wäre mein Leben zweifellos anders verlaufen.

Als ich mich ihm eröffnete mit meinem Wunsch, ins Seminar einzutreten, sagte mein Vater: „Höre, ich kenne nur einen einzigen Bischof, der den Glauben bewahrt hat und dem man vertrauen kann, das ist Msgr. Lefebvre. Ich werde ihn aufsuchen.“

Das war im Jahr 1967. Damals hatte Monseigneur dann meinen Vater geraten, mich ins Französische Seminar in Rom zu schicken. Er hatte ihm einen Empfehlungsbrief für den Bischof unserer Diözese Poitiers, Msgr. Henri Vion (1902–1977), gegeben. Sie hatten einander auf dem Konzil gekannt, und Msgr. Vion war dem „Coetus Internationalis Patrum“1 beigetreten.

Jedoch wünschte mein Vater, dass ich ein Jahr die Universität besuchte, bevor ich ins Seminar einträte. Ich war im Kolleg [Internat] gewesen und hatte dann in Paris als Externer meine Abschlussprüfung gemacht. „Du kommst aus einem absolut künstlichen Milieu“, sagte mein Vater, „aus dem Schulstudium; ich möchte, dass du noch etwas anderes siehst, bevor du ins Seminar eintrittst.“

Er ließ mich also in der Sorbonne2 immatrikulieren, damit ich dort mein Lizenziat in Philosophie machte. Aber es war der Mai 1968! Und am Jahresende konnte ich kein Examen machen! „Was soll ich tun?“, fragte ich meinen Vater. „Soll ich versuchen, weiterzumachen?“ – „Nein“, antwortete er, „das genügt. Du kannst ins Seminar eintreten.“

Ich kam nach Rom in dem Jahr, in dem Abbé Aulagnier nach seiner Militärzeit noch einmal im Französischen Seminar vorbeikam, um seine Sachen zu holen. Zu jener Zeit logierte Msgr. Lefebvre bei den Klosterfrauen in der Via Casalmonferrato3, wo er auch noch nach den Anfängen des Seminars in Freiburg i. Ue., im Foyer Don Bosco4, blieb.

Sooft er nach Rom zurückkehrte, besuchten wir ihn und sagten: „Monseigneur, hören Sie, was wieder im Französischen Seminar vor sich geht!“

Im Jahr 1967, als mein Vater ihn konsultierte, hoffte Msgr. Lefebvre noch den Dunst sich zerstreuen zu sehen, dank einer Gruppe von etwa zwanzig Seminaristen, die er hingeschickt hatte.

In Wirklichkeit hatten die anderen sehr geschickt manövriert und es fertiggebracht, jene Gruppe Seminaristen an den Rand zu drängen, indem sie eine Opposition zwischen zwei Strömungen hervorriefen. Darauf traten etwa ein Dutzend Seminaristen en bloc aus und fanden sich entsprechend dem Rat, den Kardinal Siri (1906–1989) Msgr. Lefebvre gab, bei Pater Theodósios Sgourdélis (1909–1989)5 wieder.

Zu wiederholten Malen bat ich Msgr. Lefebvre, ihm nach Freiburg nachkommen zu dürfen, aber er antwortete: „Nein, warten Sie noch. Dort läuft es nicht besonders gut. Wir wissen nicht, wo wir hingehen. Bleiben Sie, solange Sie irgend können, in Rom.“

Man hält der Gehirnwäsche nicht stand

Indessen verschlechterte sich die Lage im Seminar von Tag zu Tag mehr. Ich versuchte mich zu halten wie ein getauchtes U-Boot; ich wollte mich anstrengen und durch das alles hindurchkommen bis hin zum Priestertum. Ecône existierte noch nicht. Doch trotz der Festigkeit des Entschlusses, nicht zu weichen, hält man der Gehirnwäsche nicht stand. Es kommt ein Augenblick, wo man konstatiert, dass es einem nicht gelungen ist, sich wirklich ganz zu bewahren: Jeden Tag der Wassertropfen, der niederfällt, und immer auf dieselbe Stelle!

Doch arbeitete ich in meinem Zimmer. Ich machte von zwei bis vier Uhr offiziell Siesta, damit man mich in Ruhe lasse. Das ermöglichte es mir, „Itinéraires“6 zu lesen. Indem ich mir den hl. Thomas wieder vornahm, versuchte ich dem entgegenzuwirken, was man mich lehrte. Aber ich musste mir Rechenschaft geben, dass ich mich nach zwei Jahren hatte anstecken lassen.

Eines Tages stellte mir im Verlauf einer Diskussion ein Seminarist die Frage: „Was ist die Messe?“, und ich hörte mich „in petto“ antworten: „Sie ist die Versammlung des Volkes Gottes.“ Erster Alarm! Ich sagte mir: „Katastrophe! Wo landest du?“

Dann der zweite Alarm: Ich gehe in meinen Ferien in die hl. Messe in der Rue de la Cossonnerie7, wo Msgr. Ducaud-Bourget (1897–1994)8 amtierte, oder nach Laënnec.9 Ich ertappte mich, wie ich sagte: „O zum Henker, lateinisch!“

Da habe ich begriffen, dass es ihnen trotz allen meinen Anstrengungen gelungen war, mir schlechte Reflexe einzupflanzen, und dass ich mich hatte anknabbern lassen. „Wenn ich nicht sofort austrete, bin ich verloren“, sagte ich mir.

Ich machte es mir zunutze, dass die Seminaristen ein großes kommunistisches Wahlspruchband auf der Seminarterrasse gehisst hatten; das konnte ich als Argument gegenüber meinem Bischof benützen und gleichzeitig zu Msgr. Lefebvre sagen: „Nein, diesmal kann ich nicht bleiben. Es geht mir bis an den Hals!“ Als ich meinen Bischof aufsuchte, diskutierten wir miteinander. Er forderte mich auf, nachzudenken und in zwei Monaten wiederzukommen. Er hatte andere Bischöfe befragt, in Nachbardiözesen, und er sagte mir, dass sie wie er es unmöglich fänden, mich zu Msgr. Lefebvre zu schicken. Er wollte keine Verantwortung übernehmen. Da inzwischen Msgr. Lefebvre zu mir gesagt hatte: „Gut, also kommen Sie!“, sagte ich zu meinem Bischof: „Ich bin untröstlich, aber ich gehe trotzdem.“

In Freiburg i. Ue.

In Freiburg war es damals sehr angenehm. Wir waren nur eine kleine Zahl. Es gab nur einen einzigen Priester, der für uns die hl. Messe las, der uns geistliche Vorträge hielt und der unsere Ausbildung sicherte, und dieser Priester war Msgr. Lefebvre. Das war enorm.

In diesem Jahr [1970] trat, zusammen mit Abbé M.-Bernard Waltz (+2011)10, auch ich in Freiburg ein. Wir diskutierten miteinander, was die Bruderschaft tun könne und was sie leisten könne. Monseigneur wollte keine Pläne machen. Er wollte keine Ideen „a priori“ haben.

Mir, der ich praktisch in der Schule des hl. Benedikt gebildet worden war, gefiel das Konventleben, das Brevier sehr gut. Vielleicht weil ich in Afrika gelebt hatte, wo ich festgestellt hatte, dass man ein Land mit kleinen, voneinander entfernten, einer Zentrale unterstehenden Posten in der Hand hat – ebenso war ja auch Europa christlich geworden, als es durch Klöster gleichsam gitterförmig eingeteilt worden war. Ich sagte zu Msgr. Lefebvre: „Wir müssen wieder gleichsam Herdstellen der intellektuellen, spirituellen und liturgischen Ausstrahlung anlegen. Das wird den Wiederaufbau ermöglichen ...“

Ich hatte mich vom mönchischen Leben angezogen gefunden, vom Bedürfnis nach Gebet, nach Konventleben und kontemplativem Leben. Das war etwas Absolutes für mich, sodass ich einen Augenblick daran gedacht hatte, in die Abtei Randol einzutreten. Aber sie hatten bereits die Reformen Johannes’ XXIII. durchgeführt, und das brachte mich von meinem Vorhaben ab.

Eines Tages ins Ecône sagte Monseigneur in einem geistlichen Vortrag: „Wir müssen zusehen, welche Form wir unserem Apostolat geben wollen ...“ Und zu mir herschauend und ein wenig mit dem Auge zwinkernd fügte er hinzu: „Wir müssen Priorate schaffen, die Herde geistlicher, intellektueller, liturgischer Ausstrahlung sind ... Die Gläubigen bekommen damit Ankerplätze, wo sie beten können, mit unseren Priestern über doktrinelle Fragen diskutieren können und ein paar Tage Exerzitien machen können.“

Inzwischen war Monseigneur für uns die Quelle, an der wir uns satt tranken. Er hat uns alles gegeben ... vom intellektuellen Gesichtspunkt den hl. Thomas, vom geistlichen Gesichtspunkt ein sehr tiefes benediktinisches Gepräge ...

Erst später [1972], mit der Ankunft von Pater Ludovic-M. Barielle (+1983), sollte der hl. Ignatius noch den hl. Thomas und den hl. Benedikt ergänzen.

Und dann, eines Tages11, sahen wir bei der Mahlzeit Monseigneur mit Papieren in der Hand ankommen: „Sehen Sie, was ich bekommen habe. Ich hätte es nicht geglaubt!“ Und er zeigte uns das Dekret der Errichtung der Bruderschaft. „Jetzt existieren wir kanonisch!“ Wir betrachteten und lasen es zusammen ... Wir blickten uns an. Wir taten uns noch schwer, es zu glauben! „Wirklich, es ist so, jetzt existieren wir offiziell!“

Das war wirklich das providentielle Zeichen: Wir waren anerkannt als „von der Kirche“.

... 1973 wurde ich durch Msgr. Lefebvre in der Abtei Fontgombault zum Priester geweiht – dort, weil meine Eltern in dieser Gegend wohnten. Der Vater Abt hat einige Schwierigkeiten gemacht, weil die Riten gerade gewechselt hatten. Es war die letzte Weihe, die Monseigneur dort in der Abteikirche vornehmen konnte.

 

Anmerkungen

1 Vereinigung traditionstreuer Bischöfe auf dem Konzil

2 Pariser Universität

3 Litauisches Kolleg

4 Erzbischof Lefebvre hatte dort bei den Salesianern ein paar Zimmer für seine Seminaristen angemietet.

5 Der aus der griechischen ‚Orthodoxie‘ konvertierte Stifter der „Bruderschaft von der allerseligsten Jungfrau Maria“.

6 Im Jahr 1956 durch Jean Madiran (1920–2013) gegründete traditionstreue Zeitschrift.

7 Notkapelle im 1. Pariser Arrondissement

8 Später „Curé“ von Saint Nicolas-du-Chardonnet, der Pariser Kirche, die durch traditionstreue Katholiken 1977 wieder für die überlieferte Liturgie zurückerobert wurde.

9 Hospitalkapelle in der Rue de Sèvres in Paris

10 Ein ehemaliger Zisterzienser, später Einsiedler.

11 Am 7. November 1970