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51. Sind alle Menschen automatisch von Christus erlöst?

13. Juni, 2018

100 Fragen zur aktuellen Lage der Kirche

Christus ist zwar für alle Menschen gestorben, insofern alle die Möglichkeit haben, das Heil zu erlangen. Niemand ist davon ausgeschlossen. Damit der einzelne Mensch aber auch faktisch erlöst wird, ist es notwendig, daß er die Gnade, die Christus ihm verdient hat und anbietet, auch annimmt. Tut er dies nicht, sondern weist er sie zurück, bleibt er im Zustand der Unerlöstheit und wird ewig verdammt werden, wenn er bis zu seinem Tod in diesem Zustand verbleibt.

Die Allerlösung, also die These, daß alle Menschen tatsächlich und nicht nur der Möglichkeit nach erlöst sind, scheint Kardinal Wojtyla in den schon erwähnten Exerzitien gelehrt zu haben. Er sagt dort: «Die Geburt der Kirche im Moment des messianischen, erlösenden Todes Christi (war) im Grunde auch die Geburt des Menschen, und zwar unabhängig davon, ob der Mensch dies weiß oder nicht, dies annimmt oder nicht. In diesem Moment hat der Mensch eine neue Dimension seines Daseins erhalten, die von Paulus kurz und bündig ‚Sein in Christus’ genannt wird.»[135] «Alle Menschen seit dem Beginn und bis zum Ende der Welt sind von Christus durch sein Kreuz erlöst und gerechtfertigt worden.» [136] Wenn also jeder Mensch «unabhängig davon, ob er es weiß oder nicht, dies annimmt oder nicht», «Sein in Christus» hat und erlöst ist, dann sind alle gerettet und keiner wird verloren gehen. Auch als Papst scheint er dies noch vertreten zu haben, denn in seiner Antrittsenzyklika Redemptor hominis schrieb er: «Jeder einzelne Mensch ist gemeint, denn jeder ist vom Geheimnis der Erlösung betroffen, mit jedem ist Christus für immer durch dieses Geheimnis verbunden. ... Dies ist der Mensch im vollen Licht des Geheimnisses, an dem er durch Jesus Christus teilhat, ein Geheimnis, an dem jeder einzelne der vier Milliarden Menschen teilhat, die auf unserem Planeten leben, vom ersten Moment an, da er unter dem Herzen der Mutter empfangen wird.»[137] Wenn jeder Mensch vom ersten Augenblick seiner Empfängnis an mit Christus für immer verbunden ist, welche Notwendigkeit hat dann noch die Taufe und die Zugehörigkeit zur sichtbaren Kirche? Denken wir daran, daß der Autor dieser Zeilen Hans Urs von Balthasar zum Kardinal kreieren wollte, einen Theologen, der tatsächlich der Meinung war, man dürfe hoffen, daß die Hölle leer sei.

Dies steht jedoch ganz im Gegensatz zur Lehre der Heiligen Schrift, die an vielen Stellen von der Hölle spricht. Christus geht in seinen Gleichnissen vom Jüngsten Gericht eindeutig davon aus, daß es solche geben wird, die in die Hölle kommen: «Dann wird er zu denen zur Linken sprechen: Weichet von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das dem Teufel bereitet ist und seinen Engeln» (Mt 25,41). Es scheint sogar, daß es viele sind, die in die Hölle gehen: «Weit ist das Tor und breit ist der Weg, der ins Verderben führt, und viele sind es, die hineingehen auf ihm» (Mt 7,13). Auch die Kirche war bis in unsere Zeit hinein immer davon überzeugt, daß sehr viele Menschen ewig verloren gehen. Dies war ein Ansporn für ihre missionarische Tätigkeit: Viele Christen scheuten keine Mühe, um das Evangelium zu verkünden und auf diese Weise möglichst viele zu retten.

Wenn aber schon alle gerettet sind, dann hat die Mission keine besondere Wichtigkeit und Dringlichkeit mehr. Ihr einziger Sinn besteht dann nur noch darin, den Menschen zu sagen: Ihr seid schon, ohne es zu wissen, von Christus erlöst! In der Tat erklärt Kardinal Wojtyla auf diese Weise einen Text in Gaudium et spes Nr. 22, in dem es heißt: «Christus, der neue Adam, macht ... dem Menschen den Menschen kund». Dies solle bedeuten, daß Christus dem Menschen das offenbart, was mit ihm schon geschehen ist, daß er nämlich «Sein in Christus» hat: «Die Offenbarung besteht darin, daß der Sohn Gottes durch seine Menschwerdung sich mit jedem Menschen vereint hat.»138 So hat die Kirche die Mission aber nie verstanden. Mission bedeutete für sie, den Menschen durch die Verkündigung des Evangeliums und die Spendung der Sakramente das Heil zu bringen, und nicht, ihnen bloß zu verkünden, daß sie das Heil schon längst besitzen. «Wer glaubt und sich taufen läßt, wird gerettet werden. Wer nicht glaubt, wird verdammt werden» (Mk 16,16).

135 Wojtyla, K.: Zeichen des Widerspruchs, a.a.O. S. 108.
136 Ebd. S.103.
137 Redemptor hominis 13,3. Zitiert in: Dörmann, J.: Der theologische Weg Johannes Pauls II. Bd. II/1. Senden 1992. S.184.
138 Zeichen des Widerspruchs, a.a.O. S. 121.

Quelle: Katechismus zur kichlichen Krise, Pater Matthias Gaudron, Sarto-Verlag, 2017, 4. Auflage