Advent und Liturgie

06. Dezember 2023
Quelle: Distrikt Österreich
Altar der Wiener Minoritenkirche, vorbereitet zum Rorateamt

3. Teil der Adventbetrachtungen aus dem Buch "Auf dem Weg nach Bethlehem" (mit freundlicher Genehmigung des Autors, P. Michael Gurtner)

Besondere Zeiten bedürfen besonderer Liturgien. Wenn die Kirche besondere Feste begeht oder sich auf selbige vorbereitet, so hat sie immer auch Besonderheiten in ihrer heiligen Liturgie hervorgebracht. Das gilt heute, jedoch noch vermehrt für frühere Formen des kirchlichen Kultes. Und dies ist nicht nur verständlich, sondern sogar gut und bisweilen notwendig: Nur das Besondere kann Besonderes greifbar machen, deshalb braucht es einen bestimmten Typus von Liturgie, der nicht zu kahl und zu nüchtern sein darf, und welcher deutlich sakral und gegenüber dem Alltäglichen „abgehoben“ sein muss, um jenes vermitteln zu können, was eigentlicher und wesensmäßiger Inhalt ist.

Die klassische Adventliturgie ist in dieser Hinsicht bestimmt das Rorateamt, welches seinen Namen vom Introitus des entsprechenden Meßformulares der klassischen römischen Liturgie erhalten hat: „Rorate, coeli, desuper, et nubes pluant iustum: aperiatur terra, et germinet Salvatorem“ (Jes 45,8). „Tauet von oben herab, ihr Himmel, und die Wolken mögen den Gerechten herabregnen: es eröffne sich die Erde und der Heiland keime hervor!“.

Auch wenn das Rorateamt für sich genommen eine gewöhnliche Votivmesse ist, so hat sich dennoch etwas Besonderes um diese Messe herum entwickelt: sie wird meist im Kerzenschein begangen und sie wird nur am ganz frühen Morgen gelesen, solange es noch dunkel ist. Das bringt die drängende Forderung des Heiligen Apostelfürsten Paulus zum Ausdruck, vom Schlafe aufzustehen, da der Tag vorangerückt ist: die Liturgie der Kirche ist im Grunde eine kosmische, d.h. eine die Schöpfung Gottes miteinschließende Liturgie, welche den übernatürlichen und eschatologischen Gehalt ihrer Botschaft mit natürlichen und daher auch dem Menschen besonders gemäßen Mitteln zu verdeutlichen versteht. So knüpft die Roratemesse den gesamten Advent hindurch an die Lesungen des ersten Adventsonntages an, in welchen Paulus von dem nahen Heil und der nahen Wiederkunft des Herrn spricht, und dies mit Bildern aus dem natürlichen Zeitenlauf tut. Indem dieser übernatürliche Gehalt des Glaubens durch die Art und Weise, wie die Roratemesse begangen wird (in der Dunkelheit am frühen Morgen bei Kerzenschein Anbruch des Tageslichtes) zum Ausdruck gebracht wird, stellt sie dem Menschen auf sinnenfällige Weise dieses Noch-Nicht-Aber-Bald vor Augen. Und wie könnte man sich dabei nicht an die Feier der Osternacht erinnert fühlen, welche auch den Nacht-Tag-Dualismus der Natur zu Hilfe nimmt um das Festgeheimnis eindrücklich zu untermalen? Der Anfang der Heilsgeschichte verweist so bereits auf das Ziel, welches dann selbst der neue, ewige Anfang vollendeten Seins wird.

Auch hier sagt uns die Liturgie: Christus ist noch nicht hier, es ist sozusagen noch dunkle Nacht um uns, aber wir sind knapp vor dem Einbrechen des Tageslichtes. Das bezieht sich sowohl auf die Weihnacht, welche kurz bevorsteht und auf welche wir uns vorbereiten, als auch auf die „endgültige Weihnacht“ des Jüngsten Gerichtes, auf die letzte Ankunft des Heilandes, welche kurz bevorsteht, deren genaue Stunde wir aber nicht kennen, was aber nur bedeutet, allzeit bereit zu sein wie die klugen Jungfrauen – „scientes, quia hora est iam nos de somno surgere“ – wissend, „daß die Stunde vom Schlafe aufzustehen bereits gekommen ist“, (Röm 13,11) wie es St. Paulus in der Epistel des ersten Adventsonntages so eindringlich formuliert. Die Rorateämter knüpfen also an diese Aufforderung des Apostels gewissermaßen an und bereiten den Menschen so einerseits auf das liturgische Fest der Niederkunft Christi vor 2000 Jahren vor, andererseits aber auch auf die erwartete Ankunft Christi zum Jüngsten Gericht.

Dass diese Vorbereitung nicht eine rein intellektuelle ist, sondern vornehmlich eine liturgische, braucht uns auch insofern nicht zu wundern, als dass die Parusie Christi selbst immer liturgisch geschieht: die Apokalypse, welche die letzte Wiederkunft Christi zum Thema hat, ist eindeutig eine himmlische Liturgie. Das Tun der Kirche zielt ebenso auf das Jüngste Gericht ab, weshalb das Tun der Kirche die „kleine Liturgie“ ist, welche die himmlische „große Liturgie“ widerspiegelt. Was ist aber rechte Liturgie sonst, wenn nicht die Anbetung des Lammes, wie die Apokalypse Christus umzeichnet?

Die Anbetung ist der einzig rechte menschliche Akt, den er setzen kann, wenn er die Gottheit des Erlösers erkennt. Die Hirten, die Engel, die Sterndeuter, die Geheilten, die Frauen, die Apostel, sie alle beten Christus an. Auf den Knien steht der Mensch recht vor Gott. Die Liturgie ist dabei die kirchliche, offizielle Form kultischer Anbetung des Schöpfers. Und weil der Knabe in der armseligen Krippe unser Heiland, Schöpfer und Erlöser ist, die zweite Person der göttlichen Dreifaltigkeit, bereitet sich die Kirche auf die Niederkunft ihres Heilandes nicht in erster Linie durch Vorträge und Aktionen vor (so wichtig freilich auch die theologische Durchdringung der göttlichen Offenbarung ist), sondern vorrangig durch Liturgie, das heisst durch Anbetung der göttlichen Dreifaltigkeit. Venite adoremus! ruft uns die Kirche ganz besonders in dieser Zeit adventlicher Parusieerwartung zu. Die Liturgie nimmt zwar im Abendmahlssaal ihren Anbeginn, als hier das Golgothageschehen vorweggenommen wird – ohne das Kreuzesopfer bliebe jede Liturgie leer und ohne Seele –, aber sie zieht uns in das Gericht, zu welchem eben dieser König sitzt, der zu Weihnachten in die Welt gekommen ist, um uns aus unserer Sündenverstricktheit zu retten und um uns so überhaupt erst das Gericht halten zu können, ohne welches wir bereits vom Augenblick unserer Empfängnis an vorgerichtet gewesen wären!

Weil kirchliche Liturgie die höchste Form der Gottesanbetung ist, können wir nur dann recht vor Gott sein, wenn wir auch die Liturgie recht begehen. In dieser rechten Liturgie kann nicht der Mensch im Mittelpunkt stehen, sondern Gott allein. Liturgie kann und darf nicht Alltag sein, so wie es heute oft gesagt oder getan wird, sondern sie ist gerade das Gegenteil, sie ist Hinaustreten aus unserer normalen Welt und vorkostendes Eintauchen in die ewige Liturgie des Himmels: in der Liturgie, so sie recht begangen wird, stehen wir mit einem Bein in der ewigen Herrlichkeit Gottes!

Doch wenn dies bereits schon allgemein gilt, weshalb ist dann gerade Weihnachten und Ostern eine so stark liturgisch geprägte Zeit? Weshalb ist gerade hier die Liturgie so reich entfaltet und von besonders eminenter Bedeutung, wo wir doch in jeder Liturgie ein Stück weit in den Himmel eintreten?

Nun, eben gerade deshalb, weil Weihnachten und Ostern die Kristallisationspunkte sind, welche für unser Heil entscheidend sind. Und wo sich das Heil für den Menschen entscheidet, dort muss sich ganz klar auch die Anbetung der Kirche verdichten. Ohne Kreuz kein Heil, und ohne Menschwerdung kein Kreuz!

In der Fleischnahme des Sohnes wird Gott selbst sichtbar. Und wie der Vater im Sohn sichtbar und so dem Menschen offenbar wird, so bleibt diese Offenbarung und daher auch der Sohn in der Liturgie der Kirche sichtbar. Auf eine Formel gebracht, könnten wir das so sagen: der Vater kommt im Sohn, und der Sohn bleibt in der Liturgie Seiner Kirche. Die Liturgie ist das sichtbare Zeichen einer unsichtbaren Wirklichkeit, und der Sohn ist die sichtbare Person des verborgenen Gottes. In je unterschiedlicher und spezifischer Weise sind Menschwerdung und Liturgie offenbarende Momente: was im Sohne kommt und in Ihm offenbar wird, das bleibt in Liturgie präsent und offenbar. In der Liturgie erweist der einzelne Mensch wie auch die Kirche im gesamten Christus als einer einzigen, gottmenschlichen Wirklichkeit Anbetung und damit eine gemäße Verehrung. Von daher erschließt sich auch, weshalb der vielfach gehörte Satz: „ich kann Gott auch in der Natur oder zu Hause die Ehre erweisen und an ihn glauben, dazu muss ich nicht in die Kirche gehen“ von Grund auf falsch ist.

Wenn Liturgie allgemein Anbetung der Allerheiligsten Dreifaltigkeit ist, dann ist deren Gipfel und Höhepunkt das Heilige Messopfer: denn in diesem kommt Christus selbst herab auf Erden. Wenn wir also diesem hochheiligen Opfergeschehen in frommer Andacht beiwohnen, so tun wir im Grunde genommen nichts anderes als das, was die Hirten und die Weisen aus dem Osten getan haben: sie kamen zu Jesus, um ihn anzubeten.

Folglich ist die Liturgie und ganz speziell das Heilige Messopfer in besonderer Weise nicht nur dem Kargeschehen zugeordnet, sondern ebenso auch jenem göttlichen Akt, welcher mit dem Kreuzesopfer so untrennbar verbunden ist, nämlich der weihnachtlichen Herabkunft auf Erden in der Menschwerdung Gottes.

Die Liturgie weist also insofern gewisse Parallelen zum Gottessohn auf, als die Liturgie, wie Christus selbst, göttlich und menschlich ist, wobei die Liturgie selbstverständlich nicht Christus selbst ist, sondern auf diesen hinordnet. Deshalb ist Christus insofern göttlich und menschlich, als Er wesenhaft wahrer Gott und wahrer Mensch ist, während die Liturgie insofern göttlich und menschlich ist, daß sie Göttliches in sich trägt und das Menschliche auf das Göttliche ausrichtet und diesem unterordnet.