Artikel vom kleinen großen Bruder: Heimatprimiz von Pater Emmerich Jeindl

22. August 2021
Quelle: Distrikt Österreich

Ein Tag der hektischen Vorbereitungen und schweißtreibenden Rennerei neigt sich dem Ende zu. Die letzten Punkte einer Checkliste werden endlich abgehakt und Zufriedenheit und Ruhe kehrt in die Gesichter der Helfer zurück, die den ganzen Tag Tische und Stühle an den rechten Ort geschaffen, alles Notwendige für Speis und Trank aufgestellt, und nicht zuletzt einen prächtigen Altar aufgebaut und reich mit Blumen geschmückt haben. In der Dunkelheit, die sich sanft über das Hügelland senkt, erwacht ein Leuchten über Krumbach. Die Form eines feurigen Kelches wird für alle, die gewillt sind, ihren Kopf zu heben, auf einer Anhöhe über dem Ort sichtbar, und kündigt das Geschehen des folgenden Tages an.

Vor der Pfarrkirche stellt sich die Blasmusik in Reih und Glied auf, und am Kircheneingang umklammert ein kleines blondes Mädchen in einem weißen Kleid aufgeregt den Hals ihrer Tante. Diese weiß nämlich genau, was der Kleinen bevorsteht, denn auch sie durfte vor 10 Jahren genau die gleiche Aufgabe erfüllen - sie war damals auch die Primizbraut. In der Sakristei werden noch die letzten Vorbereitungen getroffen. Endlich ist es so weit! Die Prozession kann beginnen. Der kleine Bruder – zwar schon seit Jahren von Gestalt her größer als ich – tritt nun in einem weißen Messgewand aus der Sakristei in die strahlende Sonne. Über seine Eltern spricht er noch einen Segen und dann setzt sich die Prozession in Bewegung.

Sie führt, begleitet von festlicher Blasmusik, durch die Gassen hin zu dem Altar, welcher mit so vielen wunderschönen Blumen geschmückt wurde und auf welchem bald die unblutige Erneuerung des Kreuzesopfers Jesu Christi vollzogen werden wird.

Orgel und Trompete begrüßen jubelnd den Zug der Kleriker und alle Augen sind auf den jungen Mann gerichtet, der erst vor zwei Wochen durch die Priesterweihe sein Leben vollkommen und unwiderruflich in den Dienst Gottes gestellt hat. Seine Hände wurden gesalbt und sind dazu bestimmt, täglich den heiligen Leib zu berühren. Ein Schauer läuft über meinen Rücken, wenn ich daran denke, dass es mein kleiner Bruder ist – oder eigentlich war, der da in einer so feierlichen Zeremonie plötzlich Vermittler zwischen Himmel und Erde wird, denn „kleinen Bruder“ kann ich ihn wohl jetzt nicht mehr nennen. Klein bin ich im Vergleich zu ihm geworden. Dies bezeugt auch die beeindruckende Geschichte in der bewegenden Predigt, die schildert, wie die gesalbten Priesterhände es mit Leichtigkeit vermögen, einen Besessenen zu halten, wo selbst die stärksten Männer versagen.

Viel Zeit darüber nachzudenken bleibt mir jedoch nicht, weil die in den letzten Wochen einstudierten Messgesänge zum Besten gegeben werden müssen. Alle Menschen, die von nah und vor allem fern so zahlreich erschienen sind, richten ihre Blicke auf das Geschehen am Altar. Die Blumen, die Gesänge, die Messgewänder, alles ist dazu bestimmt, die Seelen zu Gott zu erheben damit wir Ihn allein ehren und anbeten, da er nun am Altare gegenwärtig wird. Wie sollte es anders geschehen als in einem Ritus, der schon seit Jahrhunderten besteht?

Wieder erschallen triumphierend Orgel und Trompete und der Primiziant wird feierlich aus dem Saal geleitet. In allen Herzen macht sich Freude und Dankbarkeit breit – der Welt ist ein neuer Priester geschenkt!

Dies muss selbstverständlich auch mit Speis und Trank gefeiert werden! Die Krumbacher Blasmusik umrahmt die fröhliche Stimmung. Der heiße Sommertag verwandelt eine schattige Bank, ein kühles Bier und eine Leberkässemmel zu einem paradiesischen Genuss. Aber auch die Primiztorte regt zum Staunen an, denn mit ihrer Größe und dem herrlichen Geschmack übertrifft sie jede, noch so prächtige Hochzeitstorte. So eine Primiz feiert man schließlich nicht alle Tage!

Später halten wir in der Pfarrkirche zu Krumbach noch eine Abschlussandacht, um dem großen Gott für den Tag und die vielen Gnaden zu danken, die er geschenkt hat. Zum Schluss hilft jeder, der kann, beim Aufräumen. Wieder kehrt Zufriedenheit und stilles Glück in die Herzen und Gesichter der Helfer zurück, aber nicht nur in ihre, sondern auch in jedes anderen Menschen Herz, der die Mühen des weiten Weges nicht gescheut hat, um dieses Fest mitzuerleben.

Quelle: Ferdinand Jeindl