Der heilige Abt Berthold von Garsten

26. Juli 2022
Quelle: Distrikt Österreich

Das Kloster St. Blasien war eine Benediktinerabtei im Schwarzwald und wurde um das Jahr 948 n. Chr. gegründet. In dieses Kloster trat an einem uns nicht bekannten Tag im späten 11. Jahrhundert ein junger Mann namens Berthold ein, der höchstwahrscheinlich aus dem heutigen Niederösterreich stammte. Sein Bruder Hugo lebte mit seiner Familie im Viertel unter dem Manhartsberg, eine Verwandtschaft mit den Grafen von Raabs a.d. Thaya lässt sich nachverfolgen und dadurch auch eine solche mit den Babenbergern. Vom Kloster St. Blasien verbreitete sich zu dieser Zeit die Reformbewegung der Benediktiner in die süddeutschen und österreichischen Gebiete, welche in Cluny/Frankreich ihren Anfang genommen hatte. Diese Reform wendete sich gegen den moralischen Niedergang der Kirche und des Papsttums, denn während dieser Epoche der Kirchengeschichte hatten sich schwere Mißstände verbreitet, auch in den Klöstern. Mit der Ordensreform kam es nun zu einer erneuten und intensiven Zuwendung und Befolgung der Regeln des hl. Benedikts.

Über diese Zeit im Leben des jungen Mönches Berthold wissen wir nicht sehr viel, aber bald schon nach seinem Eintritt wurden ihm wichtige Ämter im Kloster übertragen. Er wurde Bibliothekar und das war in einem mittelalterlichen Kloster und lange vor Erfindung des Buchdrucks ein besonderer Vertrauensposten. Die erste gesicherte Jahresangabe im Leben des hl. Berthold ist das Jahr 1094: er wird zum Subprior und somit zum zweiten Stellvertreter des Abtes ernannt.

Abt der jungen Klostergründung Garsten

Im Winter des Jahres 1107/08 holt ihn Hartmann, der frühere Prior von St. Blasien und jetzige Abt von Göttweig, zu sich und ernannte ihn zum Prior in Göttweig. Da Abt Hartmann auch das Kloster St. Lambrecht in der Steiermark verwaltete und somit oft abwesend war, konnte er nur einen Mann an diese Stelle setzen, dem er die Führungsposition zutraute und auf den er sich unbedingt verlassen konnte. Auf diesem Posten dürfte sich Berthold ausgezeichnet bewährt haben, denn im Jahr 1111 wird er zum Abt der jungen Klostergründung in Garsten gewählt. Der hl. Benedikt schreibt in seiner „Regula“ über den Abt, dass dieser "ein keuscher, nüchterner und milder Mann sein müsse, der mehr Wert darauf legt, vorzusehen als vorzustehen", Kriterien, die alle auf Berthold zutrafen.

Markgraf Ottokar II. von Steyr hatte in Garsten ein kirchliches Zentrum geschafffen, von dem aus das Enns- und Steyrtal geistlich, kulturell und wirtschaftlich erschlossen werden sollte. Dorthin berief er unter Mitwirkung seines Schwagers, Leopold des Heiligen, Kanoniker, d.h. Weltpriester, die sich zu einem gemeinsamen Leben verpflichteten, aber kein Gelübde abgelegt hatten. Bald schon aber missfiel dem Markgrafen der Lebensstil der geistlichen Herren, die in der Enns badeten und sich dort belustigten. Als Grundherr fühlte er sich berechtigt, die Kanoniker zum Eintritt in den Benediktinerorden zu zwingen. Für den weiteren Aufbau der jungen Klostergründung unter diesen schwierigen Voraussetzungen suchte man nach einem im Glauben gefestigten Mann mit Führungsqualitäten und viel diplomatischem Geschick.  Die Wahl fiel auf Berthold und als dieser in Garsten eintraf, war die Mönchsgemeinschaft dort durchaus nicht einheitlich. Auf der einen Seite waren die ausgebildeten Benediktiner, die herbeigerufen wurden, auf der anderen Seite waren die ursprünglichen Hausherren, weltliche Kanoniker, die auf Druck des Markgrafen zu Benediktinern gemacht worden waren. Abt Berthold dürfte die Aufgabe, diese beiden Gruppen zu einer Gemeinschaft zu verbinden, mit viel Diplomatie und Einfühlungsvermögen zu aller Zufriedenheit bewältigt haben. Darüberhinaus gelang es ihm, eine Reihe frommer und idealistisch gesinnter Männer für den Eintritt in das Kloster zu begeistern. Das Kloster Garsten erlebte unter seiner Führung auch einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung. Die Benediktinerabtei wurde Mittelpunkt zahlreicher Rodungszentren im Steyr- und Ennstal zur Urbarmachung des großen Waldbesitzes und Schaffung von neuem Siedlungsraum.

Die Vita Bertholdi

Wir besitzen eine Lebensbeschreibung Abt Bertholds, die nur wenige Jahre nach seinem Tod von einem Mönch des Klosters Garsten verfasst wurde, die sog. Vita Bertholdi. Die Aufzeichnungen dieses Zeitgenossen und somit Augenzeugen ist uns in sieben Handschriften erhalten (aufbewahrt in Wien, Melk, Göttweig und Linz). Berthold war ein Mann des Gebetes und der Betrachtung, er unterwarf seinen eigenen Leib einer strengen Zucht und Disziplin und lebte nach einer äußerst straffen Tagesordnung. Er schlief und aß wenig, er verzichtete auf die Privilegien beim Essen, die ihm als Abt aufgrund seiner vielfachen Verpflichtungen zugestanden wären. Fleisch war ohnehin für alle im Kloster verboten, er verzichtete aber auch auf Fisch. In der Wärmestube des Klosters war er im Winter kaum zu finden. Die Härte, mit der er an sich selbst arbeitete, verlangte er aber niemals von seinen Mitbrüdern, er war ein verständnisvoller und gütiger Vater für die Mönchsgemeinschaft, der durch sein beispielgebendes Verhalten bei weitem mehr erreichte, als er je durch übermäßige Strenge erreicht hätte. Durch sein Beispiel begeisterte er die jungen Mitbrüder und bald wurde das Kloster bekannt für die Frömmigkeit seiner Mönche.  

Unzählige Menschen suchten Hilfe an der Pforte des Klosters und die Anordnung des Abtes lautete, dass keiner von ihnen abgewiesen werden durfte, jeder sollte eine Gabe erhalten. Die Schenkungen des Markgrafen von Steyr ermöglichten Berthold, die benediktinische Gastfreundschaft zu üben. Den Armen wurden täglich die Füße gewaschen und sonntags war es immer der Abt, der diesen demütigen Dienst vollzog.

Eine Anekdote ist uns überliefert, die seine Kompromisslosigkeit zeigt, wenn es darum geht, Armen zu helfen. Abt Berthold wurde auf offener Straße von einem Bettler angesprochen. Da er selbst nie Geld bei sich hatte, nahm er den Bettler mit zur Klosterpforte, ließ den Kämmerer holen und gab diesem den Befehl, dem Mann eine bestimmte Summe zu übergeben. Dem Kämmerer aber war die Summe zu hoch und so beteuerte er, es sei nicht so viel Geld in der Klosterkasse. Der Abt kannte den Kämmerer wohl zu gut, er beauftragte andere Brüder nachzusehen und diese fanden einen Kübel voll mit Münzen. Der Abt handelte kurzentschlossen: Der Kämmerer verlor sein Amt und der Inhalt des Kübels wurde in die Enns entleert. Berthold meinte, dass „auf dem Geld, das der Geiz dem Armen verweigert hatte, kein Segen mehr ruhe“.  Eine Lehre, die wohl alle Mönche des Klosters verstanden. Abt Berthold war ein immer selbstkritisches Vorbild für seine Mitbrüder, wenn erforderlich aber auch ein energischer Zuchtmeister.

Ein gesuchter und verehrter Beichtvater

Nicht nur für die Mönche des Klosters Garsten war Abt Berthold ein weiser Ratgeber und verständnisvoller Beichtvater, sondern auch für jeden, der von außerhalb des Klosters Hilfe bei ihm suchte. Als Mann des Gebetes verfügte er über reichliche Gaben und übernatürliche Gnaden, und durch diese war er fähig, alle zu trösten und allen zu helfen, die ihn aufsuchten. Im Umgang mit den Angehörigen des Adels war er genauso geschickt, wie im Umgang mit Bauern, Handwerkern oder Bettlern. Alle suchten seinen Rat und schätzten sein Einfühlungsvermögen sowie sein Verständnis als Beichtvater. Soviele Menschen strömten zu ihm zur Beichte, dass er oft die Feier der hl. Messe bis in die Mittags- oder gar Abendstunden verschieben musste. Er war einfach für alle da, er belehrte die Unwissenden und war selbst oft in der Klosterbibliothek zu finden, wenn es seine Zeit zuließ. Die größten Sünder erlebten durch seine Fürsprache eine tiefe Bekehrung und manche von ihnen traten sogar in das Kloster ein. Er begab sich auch auf Reisen, wenn es sein Seeleneifer forderte und er die Hoffnung hegte, jemanden von seinem falschen Lebenswandel abbringen zu können.

Mehr als 30 Jahre lang stand Berthold der Mönchsgemeinschaft in Garsten vor und das Kloster war unter seiner Führung gewachsen und zu einem bedeutenden geistigen, schulischen, kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum geworden. Schon zu seinen Lebzeiten soll Berthold mehrfach Wunder gewirkt haben, wie wir seiner Lebensbeschreibung entnehmen können. Ob es sich um ein Fischwunder in der Enns handelt (deswegen wird er oft mit Fischen in der Hand dargestellt), ob es Krankenheilungen waren oder unerklärliche Bekehrungen, er selbst wollte nichts wissen davon, dass diese Wunder aufgrund seiner Fürsprache geschahen. Immer suchte er nach einer natürlichen Erklärung und fürchtete sich davor, im Mittelpunkt zu stehen. Wahrscheinlich war gerade seine überaus große Demut der Grund, dass seine Tugenden und seine Erfolge nicht in Vergessenheit gerieten und seine Persönlichkeit bis in unsere Zeit wirkt.

Die Stunde ist gekommen

Wir kennen das Geburtsjahr des Heiligen nicht, aber er stand vermutlich in seinem achten Lebensjahrzehnt, als er am 27. Juli 1142 seine unsterbliche Seele an seinen Schöpfer zurückgab.  Zuvor hatten sich die Mitbrüder um sein Lager versammelt und er hörte noch einmal die Beichte jedes Einzelnen. Demütig bat er darum, dass man ihm alles verzeihen möge, was er an ihnen gefehlt habe. Mit Tränen in den Augen standen die Mönche um ihn und so mancher von ihnen mag in dieser Stunde erst erkannt haben, welch fürsorglichen und besonderen Vater sie nun verlieren würden. Mit letzter Kraft richtete er noch einmal das Wort an sie: "Die Stunde ist nun gekommen, in der es hinübergehen heißt. Der Augenblick lässt sich nicht mehr verschieben, den ich so lange ersehnt und so schmerzlich erwartet habe. Ihr sollt aber wissen, dass ich euch nicht verlasse und diesem Ort wie ein treuer Helfer für immer zur Seite stehen werde." Der hl. Berthold wurde in einem Hochgrab in der Klosterkirche bestattet. Heute befindet sich sein Grab beim ersten Altar auf der Epistelseite der wunderschönen Barockkirche in Garsten.

Nach seinem Tod riss die Verehrung Bertholds nicht ab, im Gegenteil. Hatte man ihn zu Lebzeiten als einen Vater geliebt, so verehrte man ihn jetzt als einen Heiligen des Himmels. Die Menschen pilgerten mit ihren Leiden, ihren Gebrechen und Sorgen zu seinem Grab und bestürmten ihn um seine Fürsprache. Und auch hier sind uns etliche Heilungen, oft mit Namen und Herkunftsangaben dokumentiert, durch die Vita Bertholdi bekannt. Viele Heilungen sind in den Annalen des Klosters verzeichnet. Und auch wenn die Menschen nicht geheilt wurden, so gingen sie doch getröstet von seiner Grabstätte weg. Sein Grab ist ein stummer Zeuge für die durch alle Jahrhunderte währende Verehrung. Im Volk nannte man ihn den „großen Wundertäter“ und sein Andenken wurde hoch in Ehren gehalten. Sein Todestag galt in Garsten und in der ganzen Umgebung als streng gebotener Feiertag, an dem die Arbeit ruhte. In großen Prozessionen pilgerte man zu seinem Grab und in den Urkunden wird er der „Selige“ oder der „Heilige“ genannt. Eine bischöfliche Heiligsprechung erfolgte im Jahr 1236 durch Rüdiger von Passau und eine Urkunde aus dem Jahr 1312 schließt mit dem Satz: „Gegeben am Fest des heiligen Berthold.“ Seit Jahrhunderten wurde im Kloster Melk sein Fest mit einem eigenen Messformular gefeiert und im Jahr 1842 kamen zum 700-Jahr-Jubiläum mehr als 60.000 Gläubige.

So stellt die Heiligsprechung im 20. Jahrhundert (1970 durch Papst Paul VI.) eine römische Kultanerkennung des seit undenklichen Zeiten verehrten Heiligen dar, eine sog. „Canonizatio aequipollens“, bei der der Papst die zuvor bestehende regionale Verehrung eines noch nicht offiziell heiliggesprochenen Dieners Gottes verbindlich auf die ganze Kirche ausweitet.  

Das Benediktinerkloster Garsten fiel der Josephinischen Reform zum Opfer und wurde am 1. Mai 1787 geschlossen. Zum Zeitpunkt der Aufhebung gehörten 47 Mönche zum Kloster, in deren Obhut sich 16 Pfarren mit rund 5000 Katholiken befanden. Im Jahr 1850 wurde im ehemaligen Kloster eine Strafanstalt eingerichtet, die sich auch heute noch dort befindet. Das Beispiel aber, das Abt Berthold als Priester und Mönch mit Leib und Seele während seines Lebens gegeben hat, kann wohl auch heute noch jedem Geistlichen unserer Tage eine sichere Richtschnur für sein Wirken für die Seelen der ihnen Anvertrauten sein. Und wenn wir uns fragen - von Wundern, die er zu Lebzeiten wirkte, abgesehen - was das Besondere an Abt Berthold war, so gibt es darauf nur eine Antwort: Er war ein wahrhaftiger, aufrechter und tugendhafter Christ, ein wahrer Jünger seines Herrn in seinem gesamten Tun und Wirken und als solcher sollte er auch für jeden von uns als Beispiel dienen.

 

Festtag: 27. Juli

Kirchengebet am Fest des hl. Berthold (Missale Romanum, Proprium Linciensis):

Gott, Du hast den heiligen Abt Berthold durch Tugenden und Wunder verherrlicht. Gewähre uns durch seine Fürbitte das Heil der Seele und des Leibes, damit wir in hingebender Nachahmung seines Beispiels von allen Übeln befreit werden und zu Dir zu gelangen verdienen.

 

 

Quellen:

- Abt Johannes Gartner OSB: Leben und Wunder des heiligen Abtes Berthold von Garsten

- Josef Lenzenweger: Berthold von Garsten

- St. Bertholdi-Büchlein, Steyr 1903