Der kleine Toni: Das Marienkind

06. Juni 2018
Quelle: Distrikt Österreich

Pius X. war der Meinung, daß es heilige Kinder geben werde, wenn man die Bestimmungen seines Dekretes umsetzen, und den Kindern im rechten Alter die Hl. Kommunion reichen werde. Ein Beispiel dafür, daß er recht hatte, ist das Leben des kleinen Antonio, kurz Toni genannt, dessen Liebe zur Hl. Eucharistie wirklich erstaunlich ist.

Das Marienkind

Toni war eigentlich ein geborenes Kind Mariens. Seine Eltern hatten ihn sich erfleht bei einer Wallfahrt zu Unserer Lieben Frau von Zaragoza, und ihr weihte ihn seine fromme Mutter gleich im ersten Augenblicke seines Daseins. So war es denn auch nicht zu verwundern, daß unter den ersten Worten, die der kleine Knirps stammeln lernte, der Name der Himmelsmutter immer wiederkehrte. Und je älter er wurde, desto mehr erstarkte seine Liebe zu Maria,

In der Familie Martinez pflegte man allabendlich den Rosenkranz zu beten. Toni tat mit, so gut er konnte. Manchmal wurde es spät, und man wollte den Kleinen eher zu Bett bringen. Aber er duldete es nicht. „Nein,“ sagte er, „ich muß erst beten!“ Und einmal meinte er bei einer solchen Gelegenheit: „Es mag aus mir werden, was da will; die Himmelsmutter werde ich immer lieb behalten!“

Es steht fest, daß Toni von seinem siebten Lebensjahre an keinen Tag vorübergehen ließ, ohne den Rosenkranz gebetet zu haben. Als er dann anfing, beständig zu kränkeln, verlangte der Arzt, daß er gleich nach dem Abendessen um acht Uhr zu Bett gehe. Wenn ihn nun die Mutter zur Ruhe brachte, so jammerte er: „Mama, ich hab' ja den Rosenkranz noch nicht gebetet!“

Sie suchte ihn zu beruhigen: „Du brauchst doch den Rosenkranz gar nicht zu beten, Du hast dein Abendgebet gesprochen, das genügt. Schlaf nur bald ein, daß du stark wirst!“

Das war aber leichter gesagt als getan. Denn Toni schien es unmöglich, einzuschlafen, ohne den Rosenkranz gebetet zu haben.

So kam es denn oft vor, daß zu später Stunde, wenn die Großmutter ihr Schlafzimmer aufsuchte und beim Bett ihres kleinen Enkels vorüberging, dieser noch hellwach lag und sie anflehte: „Oma, sei so gut und bete mit mir den Rosenkranz!“

„Toni, du sollst schlafen“, drängte dann gewöhnlich die gute Großmutter. „Die Augen fallen dir ja zu, man sieht's. Und ich habe den Rosenkranz ja auch schon gebetet.“

Aber da half ihr keine Entschuldigung und kein Drängen. Sie mußte schließlich dem lieben Bettler den Gefallen tun und mit ihm beten.

Eines Abends geschah es, daß Toni während des Rosenkranzgebetes mit der Großmutter einschlief. Wie ihm das nachher leid tat! Nie und nimmermehr durfte das vorkommen! Und er wußte sich zu helfen.

Am andern Morgen begab er sich nach der Unterrichtsstunde nicht wie sonst in sein Spielzimmer, sondern eilte in die Schlafkammer, holte seinen Rosenkranz und ging damit zu den Dienstmädchen in die Küche.

„Ich möchte mit euch den Rosenkranz beten“, sagte er.

Verdutzt schauten ihn die Mädchen an. Aber willig folgten sie der Aufforderung ihres jungen Herrn. Und wie überraschte es sie, als der kleine Mann nicht nur alle Gesetzlein des Rosenkranzes schön und fehlerlos beten konnte, sondern auch die ganze Muttergotteslitanei auswendig wußte.

Von da ab hielt es Toni immer so. Er betete seinen Rosenkranz am Vormittag mit den Dienstmädchen.

Tonis Liebe zur Gottesmutter zeigte sich auch sonst auf mannigfache Art. So verging kaum ein Tag, ohne daß er einem Gnadenbilde der Schmerzhaften Mutter, das in der Franziskanerkirche zu Santander verehrt wurde, einen kurzen Besuch gemacht hätte. Gewöhnlich begleitete ihn auf diesen Gängen sein Vater oder auch die Erzieherin. „Ich habe die Himmelsmutter sehr lieb“, sagte er hie und da gleichsam zur Erklärung. „Ich habe auch keine Angst vor der Hölle; denn ich werde in den Himmel kommen, weil ich Maria so gern habe.“

Eine bezeichnende Begebenheit erzählt Frau Marina, Tonis Mutter, auch noch aus der letzten Krankheit ihres Kindes.

„Toni lag zu Bett,“ berichtet sie, „und ich hatte mich nicht weit von ihm mit einer Handarbeit auf einen Stuhl gesetzt, doch so, daß er mich nicht sah. Er wußte auch nicht, daß ich anwesend war. Auf einmal hörte ich ihn rufen: ‚Mutter, Mutter!‘ Ich schaute auf und fragte: ‚Was willst du denn, Kind?‘ Erstaunt drehte sich Toni nach mir um: ‚Ich habe nicht nach dir gerufen,‘ sagte er dann, ‚ich sprach mit der Himmelsmutter!‘“

Quelle: DER KLEINE TONI, Antoninho Martinez de la Pedraja, Ein Junge, der Jesus liebhatte, P. Heinrich Strake SVD, Missionsdruckerei Steyl, 1940