Die Grundsatzerklärung vom 21. November 1974

21 November, 2019
Quelle: Distrikt Österreich

Vor 45 Jahren verfasste Erzbischof Marcel Lefebvre seine berühmte Grundsatzerklärung, die mit den Worten beginnt: „Wir hängen mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele am katholischen Rom." Sie entstand am 21. November 1974, dem Fest Mariä Opferung, in Rom (Priorat in Albano) und war eine Antwort auf die kanonische Visitation des Seminars von Ecône wenige Tage zuvor. Es ist nützlich, den Kontext der Grundsatzerklärung zu verstehen.

Mit dem Jahr 1974 begann in den Massenmedien, vor allem in Frankreich und in der Schweiz, eine Kampagne, die sich gegen die Traditionstreue des internationalen Priesterseminars richtete. Am 26. März 1974 fand in Rom unter dem Vorsitz von Kardinal Gabriel-Marie Garrone (1901–1994) eine Besprechung statt, an der u.a. auch Bischof Pierre Mamie (1920–2008) von Lausanne, Genf und Freiburg und Bischof François-Nestor Adam (1903–1990) von Sitten, in dessen Diözese das Seminar von Ecône lag, teilnahmen. Man beschloss, zunächst einen Bericht über die Priesterbruderschaft anzufordern, der einige Tage später vom Generalvikar von Msgr. Mamie zusammengestellt wurde.

Am Fest Peter und Paul 1974 weihte Erzbischof Lefebvre in Ecône einen Priester. Am 1. Oktober konnte der Prälat den Freunden und Wohltätern der Bruderschaft mitteilen, dass 130 Anfragen von Aspiranten für das neue Studienjahr vorlägen. Eine Zahl, die vor allem im französischen Episkopat große Unruhe auslöste.

In Rom wurde in aller Eile eine Kardinalskommission eingesetzt, die eine kanonische Visitation des Seminars veranlasste. Kardinalstaatssekretär war damals der Franzose Jean Villot (1905–1979), der dem französischen Episkopat versprochen hatte, die Angelegenheit zu regeln. Der einflussreiche Bischof Roger Etchegaray (geb. 1922) – heute Kardinal – versicherte, dass es „in sechs Monaten um Ecône geschehen sein würde".

Visitation
Diese Visitation wurde vom 11. bis 13. November 1974 durch Erzbischof Albert Descamps (1916–1980), Sekretär der Päpstlichen Bibelkommission, und Msgr. Willy Onclin (1905–1989), Untersekretär der päpstlichen Kommission für die Revision des Kirchenrechtes, vorgenommen. Die Prälaten befragten Erzbischof Marcel Lefebvre, 10 Professoren und 20 der 104 anwesenden Alumnen.

Wenn sie auch erklärten, „vom Seminar einen guten Eindruck gehabt zu haben", skandalisierten sie dennoch die Seminaristen, „indem sie es als normal und schicksalsnotwendig bezeichneten, dass verheiratete Männer geweiht werden sollten. Sie gestanden nicht zu, dass es eine unveränderliche Wahrheit gibt, und zogen die Wirklichkeit der leiblichen Auferstehung Christi in Zweifel. Sie begaben sich nie in die Kapelle und legten Msgr. Lefebvre bei der Abreise keinerlei Protokoll ihrer Visitation zur Unterschrift vor."[1] Drei Tage später, am 16. November, reiste Erzbischof Lefebvre nach Rom.

„Während er sich am 21. November zu einer der Kongregationen begab, die er aufsuchen wollte, wandte sich ein Schweizer Gardist, der bisher völlig unbeteiligt dagestanden war, plötzlich an ihn: ‚Monseigneur, erwarten Sie tatsächlich noch etwas von diesen Leuten?'

Ganz verblüfft sagte der Erzbischof kein Wort, er rief sich die kanonische Visitation ins Gedächtnis zurück, begriff, dass er von den Kongregationen nichts mehr zu erwarten habe, und verfasste nach seiner Rückkehr nach Albano, ‚in einer Aufwallung von Empörung', wie er sagte, mit einem einzigen Federzug, ohne irgendetwas auszustreichen, eine bewundernswerte Grundsatzerklärung, die er am 2. Dezember der Gemeinschaft von Ecône unterbreitete und kommentierte."[2] Erzbischof Lefebvre hatte seine Erklärung noch nicht zu Ende gelesen, „und schon klatschten die Seminaristen ihm Beifall, denn sie erkannten, dass sie einen ganz wichtigen Augenblick durchlebten. Der Prälat hatte – unter Missachtung aller menschlichen Vorsicht – der Gesamtheit der nachkonziliaren Reformen mit einem Blick des Glaubens offen den Krieg erklärt."[3]

Die Erklärung war ursprünglich nur für die Kommunität gedacht.[4] Deshalb konnte er später eine gewisse Zuspitzung der Formulierung zugeben.[5] Die Bewegung „Forts dans la Foi" („Stark im Glauben"), die mit Erzbischof Lefebvre nicht in allem eines Sinnes war, veröffentlichte den Text im Dezember in hoher Auflage in einem Flugblatt. Und so verbreitete er sich in Übersetzungen in den verschiedensten Ländern.

Tribunal
Im Januar 1975 wurde Erzbischof Lefebvre nach Rom geladen. Am 13. Februar und am 3. März gab es zwei Sitzungen vor der Kardinalskommission, die sich als Tribunal entpuppten.

Im Mai 1975 fiel das Fallbeil. Die Kardinalskommission, die ihn vorgeladen hatte, ermächtigte den Bischof von Lausanne, Genf und Freiburg, die Bruderschaft aufzuheben.

In dem Schreiben der Kardinäle wird ausdrücklich Bezug genommen auf die Grundsatzerklärung des Erzbischofs: „Es ist selbstverständlich – und das sollen wir mit aller Klarheit mitteilen –, dass Erzbischof Marcel Lefebvre keinerlei Unterstützung mehr zuteilwerden darf, solange die im Manifest vom 21. November 1974 enthaltenen Gedanken das Gesetz seines Handelns bilden", und: „Bei unseren Besprechungen war es stets unser Wunsch, ... Sie zur Zurücknahme Ihrer Behauptungen zu bewegen. Aber das, so haben Sie gesagt, sei Ihnen unmöglich: ‚Selbst wenn ich den Text abändern sollte', so sagten Sie, ‚schriebe ich inhaltlich dasselbe.'"[6]

Erzbischof Lefebvre erinnerte sich in einer am 30. Mai 1975 aufgeschriebenen Sachverhaltsdarstellung [7] an sein Erscheinen vor den Kardinälen: „Voller Heftigkeit griff mich Kardinal Garrone wegen dieser Erklärung an; er ging dabei so weit, mich einen ‚Verrückten' (fou) zu nennen. Er sagte mir, ich spielte mich als einen ‚Athanasius' auf, und so ging es 25 Minuten."

Wie es der Erzbischof verstand
Erzbischof Lefebvre schrieb nur einen Tag später, am 31. Mai 1975, Papst Paul VI. einen Brief, der ganz die Sichtbarkeit und Einzigkeit der Kirche betont: „Sollte es zutreffen, dass der einzige Gegenstand der Anklage, an dem festgehalten wird, meine Erklärung vom 21. November 1974 ist, so flehe ich Eure Heiligkeit an, mich an die zuständige Behörde, die Heilige Kongregation für die Glaubenslehre, zu überstellen. Wie sehr wünschte ich, Eure Heiligkeit möchte eines Tages geruhen, die Mitglieder der Priesterbruderschaft St. Pius X. sowie ihren armen Oberen zu empfangen. Eure Heiligkeit würde ohne weiteres ihre tiefe Ergebenheit und Verehrung für den Nachfolger Petri feststellen und ihren einzigen Wunsch, der Kirche unter seinem Hirtenstab zu dienen." Diese Aussage ist der Schlüssel für das richtige Verständnis der Grundsatzerklärung, das auch Bischof Bernard Fellay bei seinen Unterredungen mit den römischen Autoritäten geleitet hat.

Die weiteren Ereignisse des Jahres 1975 – die große Credo-Wallfahrt nach Rom, die Ablehnung des Rekurses auf Weisung von Kardinal Villot, der Brief Pauls VI., der zur Unterwerfung aufforderte, die Weihen im Juni 1975 und die Weihe von Pater Franz Schmidberger – sind Geschichte.

Schon am 27. November 1974 vertraute Erzbischof Lefebvre den Seminarprofessoren an:
„Wie auch immer die Strafmaßnahmen aussehen mögen, die gegen uns ergriffen werden, so stellt sich unter diesen Bedingungen nicht mehr die Frage des Gehorsams; vielmehr gilt es, den Glauben zu bewahren."[8]

ANMERKUNGEN
1 Msgr. Bernard Tissier de Mallerais, Marcel Lefebvre. Die Biographie, Stuttgart 2008, S. 508.
2 ibid., S. 508
3 ibid., S. 509
4 cf. Damit die Kirche fortbestehe, Stuttgart 1992, S. 75f.
5 Brief an Kardinal Garrone am 3. März 1975. cf. Msgr. Bernard Tissier de Mallerais, S. 508, FN 79.
6. Damit die Kirche fortbestehe, S. 82.
7. ibid., S. 100ff. (Sachverhaltsdarstellung)
8. Msgr. Bernard Tissier de Mallerais, S. 509.
 

Grundsatzerklärung

von Erzbischof Marcel Lefebvre
vom 21. November 1974

Wir hängen mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele am katholischen Rom, der Hüterin des katholischen Glaubens, und den für die Erhaltung dieses Glaubens notwendigen Traditionen, am Ewigen Rom, der Lehrerin der Weisheit und Wahrheit.

Wir lehnen es dagegen ab und haben es immer abgelehnt, dem Rom der neomodernistischen und neoprotestantischen Tendenz zu folgen, die eindeutig im Zweiten Vatikanischen Konzil und nach dem Konzil in allen daraus hervorgegangenen Reformen zum Durchbruch kam.

Alle diese Reformen haben in der Tat an der Zerstörung der Kirche, am Ruin des Priestertums, an der Vernichtung des heiligen Messopfers und der Sakramente, am Erlöschen des Ordenslebens, am naturalistischen und teilhardistischen Unterricht an den Universitäten, in den Priesterseminaren und in der Katechese beigetragen und weitergewirkt. Der Unterricht, der aus dem Liberalismus und dem Protestantismus hervorgegangen ist, wurde bereits einige Male vom Lehramt der Kirche feierlich verurteilt.

Keine Autorität, auch nicht die höchste Autorität in der Hierarchie, kann uns zwingen, unseren Glauben, der vom Lehramt der Kirche seit neunzehn Jahrhunderten eindeutig formuliert und verkündet wurde, aufzugeben oder zu schmälern.

Der hl. Paulus sagt: „Allein, wenn auch wir oder ein Engel vom Himmel euch ein anderes Evangelium verkündete, als wir euch verkündet haben, der sei ausgestoßen!" (Gal 1, 8). Besteht die Möglichkeit, dass uns der Heilige Vater dies heute ins Gedächtnis ruft? Wenn sich zwischen seinen Worten und seinen Taten auch ein gewisser Widerspruch ergibt, zum Beispiel bei den Akten der Dikasterien, dann wählen wir das, was immer gelehrt wurde. Gegenüber den zerstörerischen Neuerungen in der Kirche stellen wir uns taub. Man kann nicht tiefgreifende Veränderungen auf dem Gebiet der „lex orandi" – „der Liturgie" – vornehmen, ohne dadurch die „lex credendi" – „das Glaubensgesetz" – zu verändern. Die neue Messe beinhaltet einen neuen Katechismus, ein neues Priestertum, neue Seminare, neue Universitäten und eine charismatische, pentekostalische Kirche. Alle diese Dinge sind der Rechtgläubigkeit und dem Lehramt aller Zeiten entgegengesetzt.

Diese Reform geht vom Liberalismus und vom Modernismus aus und ist völlig vergiftet. Sie stammt aus der Häresie und führt zur Häresie. Dies ist selbst dann der Fall, wenn nicht alle ihre Akte direkt häretisch sind! Jedem wachen und treuen Katholiken ist es daher unmöglich, diese Reform anzunehmen und sich ihr, in welcher Weise auch immer, zu unterwerfen.

Die einzige Haltung der Treue gegenüber der Kirche und der katholischen Lehre besteht, um unseres Heiles willen, in der kategorischen Weigerung der Annahme der Reform. Deshalb setzen wir unser Werk der priesterlichen Ausbildung unter dem Stern des Lehramtes aller Zeiten fort, ohne Bitterkeit, Rebellion oder Groll. Wir sind davon überzeugt, dass wir der heiligen katholischen Kirche, dem Papst und den zukünftigen Generationen keinen größeren Dienst erweisen können.

Wir halten an allem fest, was von der Kirche aller Zeiten und vor dem modernistischen Einfluss des Konzils geglaubt und im Glauben praktiziert wurde: an der Sittenlehre, am Kult, am Katechismusunterricht, an der Priesterausbildung, an den kirchlichen Institutionen und an allem, was in den Büchern kodifiziert niedergeschrieben wurde.

Die Stimme des Erzbischofs