Die O-Antiphonen

2018
Quelle: Distrikt Österreich

O-Antiphon ist die Bezeichnung für den Wechselgesang zum Magnificat (Gebet der Muttergottes) in der Vesper (Abendgottesdienst) der letzten sieben Adventstage vor dem Heiligen Abend, also vom 17. bis 23. Dezember. Die Antiphonen sind eineinhalb Jahrtausende alt und sind wunderbar vertont. Sie sind Höhepunkt des gregorianischen Chorals.

Sie beginnen jeweils mit einer dem Alten Testament entnommenen bildhaften Anrede des erwarteten Messias, preisen sein ersehntes Wirken und münden in den Ruf „Veni!“, „Komm!“. Die Bezeichnung der Antiphonen leitet sich von der Anrufung "O" her, mit der jede der Antiphone beginnt.

17. Dezember: 
O Weisheit, die Du, hervorgegangen aus dem Munde des Allerhöchsten, von einem Ende bis zum andern reichest und alles ordnest in Kraft und Milde, komm und lehre uns den Weg der Klugheit!

Betrachtung:
O unerschaffene Weisheit, die Du Dich bald sichtbar der Welt zeigen willst! Wie wohl bereitest Du alles vor für diesen Augenblick! Siehe, durch Deine göttliche Zulassung geschah es, dass der Kaiser Augustus ein Edikt erließ, um eine Zählung der Einwohner des Weltreiches zu veranstalten. Jeder Bürger des Reiches sollte sich in seiner Geburtsstadt eintragen lassen. Zu seinem Nutzen glaubte der Fürst in seinem Stolze, das ganze Menschengeschlecht aufgerüttelt zu haben. Zu Millionen mussten sich die Leute aufmachen und nach allen Richtungen hin das römische Reich durchwandern, um zu ihrer Geburtsstätte zu gelangen. Und alle diese glaubten, einem Menschen zu gehorchen und gehorchten Gott. Denn diese ganze Bewegung hatte nur einen Zweck: Einen Mann und ein Weib nach Bethlehem zu führen, welche ihre bescheidene Hütte zu Nazareth in Galiläa stehen hatten, damit dieses den Menschen unbekannte, dem Himmel teure Weib, am Ziele des neunten Monates der Empfängnis ihres Sohnes angekommen, diesen Sohn in Bethlehem gebären könne, von welchem der Prophet gesagt hat: ,,Und du, Bethlehem, bist nicht die geringste unter den Fürstenstädten Judas, aus dir wird hervorgehen der Herrscher in Israel, dessen Ausgang von Anbeginn ist, von Ewigkeit her."

O göttliche Weisheit, wie Du stark bist, Deine Zwecke auf eine obwohl den Menschen verborgene, doch unwiderstehliche Weise zu erreichen! Wie Du sanft bist, um trotz Deiner unwiderstehlichen Macht auch nicht die geringste Gewalt ihrer Freiheit anzutun; und zugleich wie väterlich in Fürsorge dessen, was wir bedürfen. Du wähltest Bethlehem zu Deiner Geburtsstätte, weil Bethlehem ,,Haus des Brotes" bedeutet. Du zeigtest uns damit, dass Du unser Brot sein willst, unsere Nahrung, unser Leben zu fristen. Genährt von einem Gotte, werden wir nimmer sterben. O Weisheit des Vaters! Lebendiges, vom Himmel herabgestiegenes Brot, komm bald zu uns, auf dass wir uns Dir nahen und von Deinem Glanze erleuchtet seien; gib uns jene Klugheit, welche zum Heil führt.

18. Dezember:
O Herr und Führer des Hauses Israel, der Du dem Moses in den Flammen des brennenden Dornbusches erschienen bist und ihm auf Sinai das Gesetz gegeben hast, komm, strecke Deinen Arm aus und erlöse uns!

19. Dezember:
O Wurzel Jesse, du bist zum Zeichen gesetzt über die Völker, vor dir werden Könige ihren Mund verschließen, die Nationen werden zu dir beten: komm, uns zu erlösen, säume nicht länger!

20. Dezember:
O Schlüssel Davis und Zepter des Hauses Israel! Was Du öffnest, kann niemand schließen; was Du verschließest, kann niemand öffnen: komm und führe den Gefesselten aus dem Hause des Kerkers, wo er sitzt in Finsternis und Todesschatten.

21. Dezember:
O Morgenstern, Glanz des ewigen Lichtes und Sonne der Gerechtigkeit! Komm und erleuchte uns, die wir sitzen in Finsternis und Todesschatten!

22. Dezember:
O König der Nationen, Sehnsucht der Völker, Du Eckstein, der aus beiden Eines macht; komm und erlöse den Menschen, den Du aus Erde gebildet hast.

23. Dezember:
O Emmanuel, unser König und Lehrer, Du Erwartung und Heiland der Völker! Komm, uns zu erlösen, Herr, unser Gott!