Die Reue

28 März, 2019
Quelle: Eucharistic Crusade

Auszug aus dem Büchlein: Das Sakrament der Beichte.

Als zweites großes Wesenselement [nach der Gewissenserforschung] des Beichtsakramentes, und zwar das wichtigste von allen fünfen [die sogenannten fünf „B“: Besinnen, Bereuen, Bessern, Beichten, Büßen] ist die Reue zu nennen. Zitieren wir das Konzil von Trient in seiner 14. Sitzung: „Die Reue, die unter den genannten Betätigungen des Büßenden den ersten Platz einnimmt, ist der Schmerz der Seele und der Abscheu über die begangene Sünde mit dem Vorsatz, fortan nicht mehr zu sündigen. Jederzeit war diese Seelenstimmung der Reue zur Erlangung der Sündenvergebung notwendig. Im Menschen, der nach der Taufe fällt, ist sie insofern eine Vorbereitung zur Nachlassung der Sünden, als sie mit dem Vertrauen auf die göttliche Barmherzigkeit und dem Vorsatz verbunden ist, das übrige zu tun, was zum richtigen Empfang dieses Sakraments erfordert wird. So erklärt also die heilige Kirchenversammlung, dass die Reue nicht nur das Aufgeben der Sünde und den Vorsatz und Beginn eines neuen Lebens, sondern auch den Abscheu vor dem vergangenen Leben einschließt nach dem Wort: „Werft von euch alle Sünden, die ihr begangen habt, und schafft euch ein neues Herz und einen neuen Geist“ (Ez 18,31). Und wer unter anderem jene Rufe der Heiligen überdenkt: „Gegen dich nur habe ich gefehlt, und was böse vor dir war, habe ich getan“ (Ps 50,6); „vor Stöhnen bin ich erschöpft, Nacht für Nacht benetze ich mit Tränen mein Lager“ (Ps 6, 7); „in der Bitterkeit meines Herzens will ich alle meine Jahre vor dir überdenken“ (Is 38,15), der wird leicht einsehen, dass sie aus einem tiefen Hass vor dem vergangenen Leben und aus einer großen Abscheu vor der Sünde stammten.“

Die Sünde ist die Feindin Gottes, seine Erzfeindin. Die Todsünde löscht dabei nicht nur das Gnadenlicht in unserer Seele aus, sie würde Gott töten, wenn dies möglich wäre. Und in einem gewissen Sinn ist dies möglich und es war möglich, denn sie war Christi, des fleischgewordenen Gottes, Tod. Unsere Sünden haben ihn ans Kreuz geheftet. Wir haben Gott, unseren Vater, gemordet. Davon spricht der hl. Paulus, wenn er sagt, einer, der die Gabe Gottes verkostet habe und dann vom Glauben abgefallen sei, schlage den Sohn Gottes ans Kreuz und gebe ihn dem Gespött preis (Hebr 6,6). Es gibt keine Koexistenz, kein friedliches Zusammenleben zwischen Gott und der Sünde, zwischen Licht und Finsternis, zwischen Christus und Belial. Wir haben Gott Unrecht getan, das Angesicht des menschgewordenen Gottes bespien und ihn ins Gesicht geschlagen; wir haben ihn zum Tod verurteilt. Folglich muss unser Herz vom Schmerz darüber zerknirscht sein, müssen darüber wenigstens innere Tränen der Reue fließen.

Führen wir uns einige Beispiele wahrer Reuegesinnung aus der Heiligen Schrift vor Augen.

David, der sehr gerechte König des auserwählten Volkes des Alten Testaments; David der Verfasser der meisten Psalmen; David, der mutige Kämpfer gegen die Feinde Gottes, hat schwere Schuld auf sich geladen; er hat einen Ehebruch und dazu noch einen Mord begangen. Als ihm Nathan, der Prophet, seine Sünde vor Augen führt – er ist nämlich so verblendet, dass er sein verwerfliches Tun nicht einmal sieht - , da geht der König in sich; er hat nur ein einziges Wort, um seine Reuegesinnung zum Ausdruck zu bringen: „Peccavi Domino – ich habe gegen den Herrn gesündigt“ (2 Kg 12,13). Diese Reue ist so echt, so erschütternd in ihren knappen Worten, dass der Prophet ihm sagen kann: „Der Herr hat dir deine Schuld vergeben; du wirst nicht sterben“ (2 Kg 12,13). Als Ausdruck dieser Reue verfasst der zerknirschte König den Miserere-Psalm, der sich so gut eignet als Vorbereitungsgebet zur Beichte: „Erbarm dich meiner, Gott, und sei mir gnädig; nach deiner großen Güte tilge meine Schuld. Herr, wasche mich rein von meinen Missetaten, von meinen Sünden reinige mich...“

Es kommt also bei der Reue nicht auf viele Worte an, sondern auf den wahren Reueschmerz. Reue ist auch nicht so sehr der Ausdruck rührender Gefühle, sondern viel eher der ernste Wille, die Sünde ungeschehen zu machen, wenn man es nur könnte. Wer sein vergangenes Leben bereut, gleichzeitig aber ein sündhaftes Verhältnis oder Tun nicht aufgeben will, der hat keine wahre Reue.

Ein anderes Beispiel wahrer Reuegesinnung ist Maria Magdalena, von  welcher der Herr sieben Teufel ausgetrieben hat; er hat sie von allen Hauptsünden befreit. Sie ist eine Sünderin, eine öffentliche Sünderin; wir begreifen, um welche Art von Frau es sich handelt. Diese kommt zum Herrn und begießt seine Füße mit den Tränen ihrer Reue und trocknet sie ab mit ihrem eigenen Haarschmuck. Sie bedeckt die Füße des göttlichen Heilandes mit Küssen und salbt sie mit Salböl, jene Füße, die dem verlorenen Schaf nachgegangen sind und immer noch nachgehen. Und der Herr schenkt ihr Verzeihung und den Frieden der Seele: „Deine Sünden sind dir vergeben.“

Ein Gleiches finden wir beim verlorenen Sohn. Er hat die väterliche Freundschaft und Liebe verworfen, er ist aus dem Vaterhaus weggelaufen und in das ferne Land der Sünde gezogen, um dort sein Vermögen in einem liederlichen Leben durchzubringen. Da in jenem Land eine große Not ausbricht, geht er endlich in sich: „ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt wider den Himmel und vor dir; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen“ (Lk 15,18). Sogleich setzt er diesen Vorsatz in die Tat um, und der Vater verzeiht ihm nicht nur, sondern setzt ihn wieder in alle seine Rechte ein, lässt ihm das Festkleid anlegen, das die heiligmachende Gnade symbolisiert, lässt das Mastkalb schlachten und ein großes Freudenfest veranstalten; denn, so sagt er: „Dieser mein Sohn war tot, und er ist wieder lebendig; er war verloren, und er ist wieder gefunden.“

Von der gleichen Bußgesinnung ist Petrus beseelt, der in der Leidensnacht seinen göttlichen Meister dreimal verleugnet, schändlich verleugnet, nachdem er kurz zuvor noch Treue bis in den Tod geschworen hat. Doch der Hahn kräht, der Blick des Herrn fällt auf den Grund der Seele des Gefallenen, „da ging er hinaus und weinte bitterlich“ (Mt 26,75). Eine alte Überlieferung erzählt, Petrus habe am Ende seines Lebens zwei tiefe Furchen in die Wangen eingegraben gehabt ab all der Tränen, die er wegen seiner schmählichen Verleugnung geweint habe. Wir haben hier Beispiele wahrer Reue und Bußgesinnung.

Wir wollen uns jetzt ein Beispiel falscher Reue vor Augen führen: Judas, einer von den Zwölfen, der den Herrn verraten hat, wird, als er den Ausgang des Verfahrens gewahrt, von Reue ergriffen. „Er brachte die dreißig Silberlinge den Hohenpriestern und Ältesten zurück und sagte: „Ich habe gesündigt. Ich habe unschuldiges Blut verraten!“ (Mt 27,3-4). Judas bereut also seine Tat, doch welch ganz anderer Ausgang bei ihm im Vergleich zu Petrus! Dem Petrus wird Verzeihung zuteil, Judas verzweifelt und endet mit dem Strick. Worin liegt der Unterschied zwischen Petrus und Judas, da doch beide bereuen? Petrus bereut seine Sünde aus Liebe zum Meister; er sieht das Unrecht, das er dem Herrn zugefügt hat, und darüber weint er. Judas schämt sich allein über sich selbst. Hinter seiner „Reue“ steht als Motiv die gekränkte Eigenliebe, nicht mehr. Er ist nicht beseelt von übernatürlicher Reue, schon gar nicht aus Liebe zu Gott heraus. Der verletzte Stolz stürzt ihn schließlich in den Abgrund.

Gott will unsere Reue, Er wartet darauf, um verzeihen zu können, wie ein  menschlicher Vater auf die Bitte um Verzeihung seines straffällig gewordenen Kindes wartet. Im 15. Kapitel des Lukasevangeliums erzählt der göttliche Meister drei Gleichnisse: das schon erwähnte vom verlorenen Sohn, vorausgehend das Gleichnis vom verlorenen Schaf und das Gleichnis von der verlorenen Drachme. Beim Gleichnis vom verlorenen Schaf schließt der göttliche Erzähler mit den Worten: „Ich sage euch: Ebenso wird auch im Himmel größere Freude sein über einen einzigen Sünder, der sich bekehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die der Bekehrung nicht bedürfen“ (Lk 15,7). Und im zweiten Gleichnis heißt es: „Ebenso sage ich euch, wird bei den Engeln Gottes Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der sich bekehrt“ (Lk 15,18). Groß ist also die Freude bei Gott und seinen Heiligen über einen Sünder, der in das Haus des Vaters zurückkehrt mit einem von Reueschmerz gebrochenen Herzen. Wie schon gesagt, ist die Reue das Entscheidendste, das Wichtigste bei der ganzen Beichte. Man kann unter Umständen eine gültige Beichte ablegen ohne ein vollständiges Bekenntnis der Sünden, wenn man z.B. durch Schwäche daran gehindert ist, oder wenn gar ein Stummer zur Beichte kommt, der seine Sünden nicht bekennen kann, aber seine Bußgesinnung lebendig zum Ausdruck bringt durch entsprechende Zeichen, Gesten oder Tränen. Dann kann ihm die Absolution gespendet werden, und Gott vergibt ihm wirklich seine Schuld. Aber ohne Reue ist keine Vergebung möglich.

Quelle: P. Franz Schmidberger, Das Sakrament der Beichte, Sarto, 2009, SS. 29-35.