Digitale Gefahren

28. März 2020
Quelle: Distrikt Österreich

Wenn ihr mit Christus auferstanden seid, so suchet, was droben ist, wo Christus ist, sitzend zur Rechten des Vaters. Sinnt auf das, was droben ist, nicht auf das Irdische (Kol 3,1-2).

Liebe Gläubige, Freunde und Wohltäter!

Was wir in der Fastenzeit gelernt haben, das wollen wir nun verwirklichen, da unser Herr den Tod und das rein Irdische besiegt hat.

„Quæ sursum sunt sapite ... Sinnt auf das, was droben ist, nicht auf das Irdische“ (Kol 3,1-2). – Diese Worte betet die Kirche während der Osterzeit täglich im Göttlichen Offizium. Und wir alle werden durch dieses österliche Motto wieder daran erinnert, wie wir mit geschaffenen Dingen richtig umgehen sollten. Diese sind dafür da, daß sie uns helfen und nicht hindern, unser Ziel, zu dem wir geschaffen sind, zu erreichen. Wir müssen also entschieden die irdischen Dinge lassen, auf sie verzichten, sobald sie für uns ein Hindernis werden.

Diesen allgemeinen Grundsatz wollen wir nun ganz besonders auf die elektronischen und digitalen Hilfsmittel und Geräte anwenden.

Es soll nur vorausgeschickt werden: Die Gefahr der digitalen Medien ist subtiler als die des Fernsehens. Kaum jemand, der in der heutigen Welt arbeiten oder studieren will, kann ohne einen Computer auskommen. Auf den Fernseher kann und soll man ganz verzichten, aber der Computer ist heute fast für jede Firma, für jede Schule unentbehrlich – das ist eine Gegebenheit unserer Welt. Die Lösung besteht also im richtigen Gebrauch der digitalen Medien. Es ist in der Tat ein komplexeres Problem als das Fernsehen.

Risiken und Gefahren

Über die objektiven Vorteile der digitalen Hilfsmittel kann heute fast jedes Kind lange reden. Damit möchten wir keine Zeit verlieren, sondern wir wollen jetzt über die eventuellen Risiken und Gefahren nachdenken.

(1) Die Elektronik raubt uns viel zu oft die kostbare Zeit, statt sie uns zu sparen. Der Grund ist einfach: Die Computer und das Internet haben zu viele Vorteile, der normale Mensch kann sie nicht alle ausnützen; die Bildschirmmedien bieten zu viel an, der in sich beschränkte Mensch wird überflutet mit Möglichkeiten, Angeboten, Informationen; so verliert man sich leichter, als man denkt. Man kann mit den digitalen Medien sehr leicht unmäßig viel Zeit vergeuden, so daß aus einem Hilfsmittel plötzlich ein Hindernis wird, das uns die Zeit nicht erspart, sondern raubt.

Kürzlich berichteten die Zeitungen: 41 Prozent der österreichischen Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren [also Kinder, die noch nicht lesen können] nutzen regelmäßig das Internet. Das ergab neulich eine Umfrage. Der hohe Prozentsatz hat sogar die Fachleute überrascht. Die kleinen Kinder surfen schon intensiv, ihre Lieblingsbeschäftigungen sind im Internet Spiele, Fotos und Videos. Die Zeit, welche die Kinder im Internet verbringen, steigt mit der Internetaffinität der Eltern.

(2) Nur am Rande bemerkt: Wir wollen die moralischen Gefahren nicht ausführlich behandeln, sie sind allerdings sehr, sehr groß. Das Internet verbirgt in sich furchtbare moralische Abgründe und Kloaken (Pornographie, Drogen, Terrorismus, aggressiver Atheismus). Sie richten sich also nicht nur gegen das sechste Gebot, sondern verstoßen ganz schwerwiegend auch gegen das erste, fünfte, achte und überhaupt gegen alle Gebote. Wir dürfen nicht naiv sein, diese furchtbare Tatsache dürfen wir nicht verharmlosen. Schon das Bewußtsein dieses ungeheuren Übels sollte uns äußerst vorsichtig machen. Seien wir keine moralischen Idioten!

Ein Fachmann warnt z. B.: „Das Internet ist voller scheiternder Sozialkontakte, die vom Vorgeben, daß man ein anderer sei, über Schummeln, Betrügen bis hin zur groben Kriminalität reichen. Es wird gelogen, gemobbt, abgezockt, aggressiv Stimmung gemacht, gehetzt und diffamiert, daß sich die Balken biegen!“ (Zeit-Fragen, Nr. 46, S. 7f.) – Treffend sprechen einige in diesem Zusammenhang vom „Infernet“.

(3) Aber auch wenn man von dem schwer Sündhaften absieht, verbirgt die digitale Welt in sich weitere unselige Wirkungen: Sie vermittelt in der Regel nur klippartige, bruchstückhafte Teilerkenntnisse; die Einzelheiten werden überbetont und das führt zur Unfähigkeit, das Allgemeine wahrzunehmen. Wegen zu vieler Bäume sieht man den Wald nicht. Man verliert leicht den Blick für das Ganze und den Sinn für das Tiefere.

Ein scharfsinniger Beobachter bemerkt dazu: „Die digitalen Mittel sind auch die Quelle einer Denkweise, die es liebt, sich hinter Details zu verstecken, und die es nicht mehr schafft, zu den Prinzipien vorzudringen.“

Das Internet reizt auch stark die Neugier, die Selbstdisziplin geht dann bald verloren. Man kann nicht mehr richtig das Wissenswerte vom Unnützen und Sinnlosen unterscheiden, die Denkfähigkeit degeneriert, aber so langsam, daß man es gar nicht merkt.

(4) Die digitale Welt suggeriert u. a. die Illusion, daß das Neueste auch das Beste sei, daß das letzte Update am vollkommensten sei. Es mag wohl in dem eng beschränkten technischen Bereich teilweise stimmen, aber man wird dadurch im allgemeinen zum falschen evolutionistischen Denken verleitet. Der digitale Mensch denkt sich: Das Spätere sei automatisch das Bessere, Richtigere, Wahrere. Man sucht nicht mehr nach dem Überzeitlichen, läßt sich fast alles durch den Zeitgeist diktieren. Der Mensch wird zu einem „Gefangenen des Augenblicks“ (Weaver, Richard, Ideas Have Consequences).

(5) Übertriebene Beschäftigung mit dem Computer/Internet macht langfristig ganz zerstreut. Medizinisch gesagt: „Das Internet zerstört die Fähigkeit zur Konzentration und Kontemplation, führt zu gestörter Aufmerksamkeit und zum aktiven Antrainieren von Oberflächlichkeit und Ineffektivität“ (Z-F, a. a. O.).

Es kann auch leicht (vor allem bei Kindern und Jugendlichen) zu echter Sucht führen, die z. B. bei Computerspielen schon ein pathologisches Massenphänomen ist. „Unsere Jugendlichen“, stellt ein deutscher Arzt fest, „verbringen täglich doppelt so viel Zeit mit Medien wie mit dem gesamten Unterricht“ (ebend.).

(6) Die zu häufige Nutzung der digitalen Medien bewirkt ungesunde Individualisierung, zersetzt die Gemeinschaft und macht den Einzelnen mit der Zeit kommunikationsunfähig und asozial. Ein trauriges Bild der heutigen Zeit sind Schulkollegen, die nebeneinander stehen, aber kein Wort wechseln, weil jeder mit seinem Smartphone oder mit seinem mp3-Player beschäftigt ist.

(7) Durch den unvorsichtigen Umgang mit den digitalen Geräten kann sich bei jedem Menschen leicht die sog. „Psychologie eines verwöhnten Kindes“ (Weaver) entwickeln. Man gewöhnt sich schnell daran, daß man alles, was man will, mit einem Knopfdruck oder nur mit einem Klick erreicht. Man meint dann, alles sofort und leicht haben zu müssen. Wer aber so empfindet, erreicht nie Geduld und Bescheidenheit und wird letztlich nur frustriert – gerade wie es bei verwöhnten Kindern der Fall ist.

Das geistliche Leben gefährdet

(8) Wichtig sind auch die negativen Auswirkungen auf das Seelenleben: Die zu häufige Nutzung der digitalen Medien macht den Gebetsgeist kaputt, mindert oder zerstört sogar die Innerlichkeit.

Das beweist die Erfahrung mit dem Fernseher in den nachkonziliaren Klöstern. Auch heute könnte man den Geist des Gebetes, die Innerlichkeit in jedem traditionstreuen Kloster leicht zerstören, wenn man den Mönchen einfach nur ein Smartphone mit Internetanschluß geben würde. Dadurch könnte nämlich die ganze Welt in jede gottgeweihte Seele Einzug halten und sie innerlich zersetzen.

Liebe Gläubige, halten wir uns nicht für stärker als die Mönche! Auch unser Seelenleben kann durch einen unvorsichtigen Umgang mit den digitalen Geräten schweren Schaden leiden.

(9) Die unmäßige Anhänglichkeit an die Elektronik macht aus uns auch mondäne Christen, verweltlichte Katholiken. Es ist in jedem Zeitalter notwendig, gegen den Strom zu schwimmen und dem Zeitgeist zu widerstehen. Wir dürfen uns die Themen, die Vorstellungen, die Sichtweise der digitalen Medien nicht aufzwingen lassen. Schwimmen wir mutig gegen den Strom, denn nur tote Fische lassen sich vom ihm mitreißen.

(10) Bei denen, die mit der Elektronik aufwachsen oder sich mit ihr übertrieben und unmäßig beschäftigen, droht die akute Gefahr einer neuen Krankheit, nämlich der sog. digitalen Demenz. Sie ist heute schon eine weit verbreitete Erscheinung. Dieses Krankheitsbild besagt: Die digitalen Medien befördern einen Prozeß des „geistigen Abstiegs“, d. h. der Demenz; durch die zu häufige Nutzung der digitalen Geräte verfällt das menschliche Gehirn.

Die Forschungsergebnisse sind alarmierend: Digitale Medien schaden langfristig dem Körper und vor allem dem Geist. Das Gedächtnis läßt durch Bildschirmmedien nach, die Lernfähigkeit wird bei Kindern und Jugendlichen drastisch vermindert. Die Folgen sind Lese- und Aufmerksamkeitsstörungen, Ängste und Abstumpfung, Schlafstörungen und Depressionen, Übergewicht, Gewaltbereitschaft und sozialer Abstieg.

Darum appelliert ein Arzt: „Lassen wir die Köpfe der Kinder und der Jugendlichen durch digitale Medien nicht systematisch vermüllen!“ (Z-F , a. a. O.)

Empfehlungen

Was sollten wir nun dagegen positiv tun? Wir müssen zunächst die Gefahren sehen, um sie überhaupt meiden zu können. Wir sollten darüber gut nachdenken, uns verläßlich informieren (vgl. z. B. den Artikel in Zeit-Fragen, Nr. 46 von R. Hänsel: „Die zu häufige Nutzung digitaler Medien vermindert die geistige Leistungsfähigkeit unserer Kinder“ oder das Buch von M. Spitzer: „Digitale Demenz“).

Die wichtigste Regel lautet hier: Nützen wir die digitalen Medien so wenig wie möglich, gebrauchen wir sie nur im notwendigen Maß. Schalten wir sie möglichst bald ab. Lassen wir uns möglichst wenig durch Displays und Bildschirme bestrahlen. Denn niemand von uns ist ganz immun gegen die digitale Demenz, gegen diesen geistigen Abstieg.

Unsere Kraft liegt im Bewußtsein unserer eigenen Schwäche, in unserer Demut, in der christlichen Selbstverleugnung.

Praktische Ratschläge

Was läßt sich noch konkreter empfehlen? Zunächst, für ältere Personen ist es äußerst ratsam, damit (v. a. mit dem Internet) gar nicht anzufangen. Man spart sich viel Ärger. Selig, wer sich heute noch sagen kann: „Offline [d. h. ohne Internetanschluß] bin ich geboren, offline habe ich gelebt und offline will ich auch sterben.“

Nicht nur für Kinder und Jugendliche gilt: Keine Computerspiele, keine sozialen Netzwerke (z. B. Facebook), kein Chatten, d. h. kein sinnloses digitales Plaudern. Auf diese Erfindungen läßt sich gut völlig verzichten, was viele gesund denkende Jugendliche mit Entschiedenheit bestätigen.

Ein gute Hausfrau sagte: „Ich gehe nie in ein Geschäft ohne einen Einkaufszettel.“ Ähnlich sollte man auch nicht ins Internet gehen ohne ein klares und bestimmtes Ziel zu haben, und sobald man es erreicht hat, soll man das Internet auch unverzüglich wieder verlassen.

Es soll auch eine elementare Anstandsregel sein, daß man mit einem Handy oder Tablet nicht während der Mahlzeiten am Tisch spielt, und auch nicht beim Gespräch mit anderen. (Es erübrigt sich, zu erwähnen: In die Kapelle gehört ein eingeschaltetes Handy überhaupt nicht.)

Die elektronischen Geräte sollten für uns auch kein Entspannungsmittel sein! Sie sollten nicht unsere Erholungszeiten „bereichern“ oder gar füllen. Suchen wir uns gesündere und sinnvollere Entspannungsalternativen (Spazieren, Sport, Musik, gute Bücher ...).

Es ist sehr wichtig, daß man sich gewisse Regeln der Selbstdisziplin setzt: z. B. den Computer nicht vor dem Frühstück einschalten, nach dem Abendessen nicht mehr ins Internet gehen. Man soll sich auch Tage (oder Halbtage) konsequenter digitaler Abstinenz bestimmen. Die Ärzte bestätigen: Glücklich jeder Tag, an dem wir offline bleiben können!

Für Eltern

Für die Eltern gilt bei der Kindererziehung, im allgemeinen wachsam zu bleiben und nicht leichtsinnig zu sein. Der Computer/Bildschirm darf kein Babysitter sein. Das Handy ist kein Spielzeug für kleine Kinder.

Den Jugendlichen kann nicht alles verboten werden, aber man soll an ihre eigene Verantwortung appellieren. Man muß sie gut formen, sie zu selbständig denkenden, starken Per- sönlichkeiten erziehen, die sich durch den Strom des Zeitgeistes nicht mitreißen lassen, die im Glauben fest verwurzelt sind und den Gebetsgeist pflegen.

Sehr wichtig ist das eigene gute Beispiel der Eltern. Die Fachleute raten allen Eltern, den Medienkonsum auf ein notwendiges Minimum zu beschränken – bei den Kindern wie auch bei sich selbst.

Gehen wir in die Tiefe!

Liebe Gläubige, bewahren wir die innere Freiheit für das höchste Gut, für Gott. Surfen wir nicht an der Oberfläche, sondern gehen wir in die Tiefe. Suchen wir nicht das Neueste, sondern das Überzeitliche. Sehnen wir uns nicht nach dem Modernen, sondern nach Gerechtigkeit und Heiligkeit.

Nehmen wir uns die österliche Mahnung des heiligen Paulus wirklich zu Herzen: „Wenn ihr mit Christus auferstanden seid, so suchet, was droben ist, wo Christus ist, sitzend zur Rechten des Vaters. Sinnt auf das, was droben ist, nicht auf das Irdische“ (Kol 3,1-2).

Mit priesterlichem Segensgruß

Pater Jaromír Kučírek

Innsbruck, 26. März 2013