In einer Welt der Lüge und Gewalt

01. Dezember 2023
Quelle: Distrikt Österreich
Darstellung des Weltgerichtes, Kathedrale von Amiens, Frankreich

Das Wort des Distriktoberen - Dezember 2023

Einige Gedanken zur Vorbereitung auf das Weihnachtsfest  

Hochwürdige Mitbrüder, ehrwürdige Brüder und Schwestern im Ordensstand, liebe Gläubige, Freunde und Wohltäter! 

Als die kirchliche Wartezeit vor Weihnachten ist der Advent eine kurze Weile des Wachens, aber nicht im gewöhnlichen Sinn dieses Wortes, sondern in einem ganz besonderen. Denn in einer Welt voller Gefahren, in der Lüge und Gewalt alles erreichen, ist das Wachen immer Folge der Angst. Man muss wachen, immer wachsam sein, damit die anderen uns nicht verletzen, nicht zertreten, nicht überholen, nicht betrügen. Aber wachen aus Angst ist immer ein bisschen egoistisch und Angst bringt kaum gute Früchte hervor. Man denkt dabei nur an sich selbst, sich zu beschützen, sich zu retten, sich durchzusetzen, man sieht überall Gespenster, wird misstrauisch, aggressiv, traurig und ungeduldig. 

Wachsam sein aus echter Liebe 

Ganz anders ist das Adventwachen, das die Kirche uns empfiehlt. Am Anfang dieser kostbaren Zeitspanne werden wir aufgerufen, uns vom Schlaf zu erheben. Wie sollen nicht aus Angst Wache halten, sondern aus Liebe. Wachsamkeit heißt für den Katholiken Öffnung des Herzens für Gott und den Nächsten, Wunsch nach der Begegnung mit dem kommenden Christus und Sammlung aller Kräfte der Seele um die Person des Geliebten, der da vor der Tür schon steht und anklopft. Es ist die Wachsamkeit, die alle Liebenden kennen, die keine Arbeit, keine Beschäftigung stören oder durchbrechen könnte. Echte Katholiken, also gläubige Menschen, sind immer im Einsatz und zugleich immer in Erwartung.

Wir putzen wieder und wieder Haus und Seele, Kopf und Herz mit Besen und Beten, mit Seife und Beichte, alle Flure, alle Winkel dieser staubigen Welt, gerade weil wir möchten, dass Jesus an uns und an dieser Erde Freude habe, wenn Er kommt. Wir bekämpfen das Böse, das Hässliche in uns und auch um uns, entschlossen und ohne Menschenfurcht, weil Jesus unser Leben und unsere Welt angenommen und bejaht hat, um alles zu heilen und zu heiligen. Darum bemühen wir uns Tag für Tag und bewahren doch immer die Ruhe, das Vertrauen und die Stille im Herzen und das Lächeln um den Mund, weil die Liebe, die die Himmel tauen und den Sohn Gottes herabsteigen lässt, stärker ist als der Tod und all unsere Fehler und Sünden. 

Katastrophen, Ruinen, Verzweiflung und das Licht der Hoffnung 

Es beginnt das liturgische Jahr, das Kirchenjahr, mit einem, nur dem gläubigen Christen, dem innerlichen Menschen, verständlichen Jubelschrei: in ein und derselben Rede, in einem Atemzug dieses Evangeliums (Lk 21) schließen sich alle möglichen Verzweiflungen und alle möglichen Hoffnungen zusammen. Fürchterliche Katastrophen, die Himmel und Erde erschüttern, panische Angst und Bestürzung bei Menschen aller Völker, Tragödien über Tragödien türmen sich in dieser Beschreibung unseres Herrn auf, und doch entspringt all diesen Ruinen und kraft derselben Weissagung das klare Licht einer untrüglichen Hoffnung.  

Gott allein vermag dem Menschen diese unglaubliche Möglichkeit zu erschließen, gerade bei Dingen und Stunden aussichtslosester Verlorenheit den Grund seiner höchsten Hoffnung zu finden. Der Herr des Sichtbaren und Unsichtbaren kann mit einem einzigen Wort alles umfunktionieren. Denn wenn der Mensch imstande ist, das, was Gnade und Leben aufbringt, in Sünde und Tod umzukehren, ist Gott viel mehr imstande, das, was Sünde und Tod bewirken, in Leben und Gnade zu verwandeln. Alle unsere Begriffe werden hier umgewälzt. Jedes Böse erscheint hier als vergänglich, als bloßes Trugbild und sogar als fügsames Werkzeug des Guten.  

Liebe und Vorsehung Gottes 

Die ganze Weltgeschichte muss unter diesem Licht, das Jesus bringt und uns hinterlassen hat, betrachtet werden. Und so erscheint sie, die ganze Weltgeschichte, wie ein einziges ausgedehntes, umschlungenes Zeugnis der Liebe und der Vorsehung Gottes. Wenn das alles zu geschehen beginnt, richtet euch auf und erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung naht! Dieser Zusammenhang, diese unwahrscheinliche Verkettung wurde ein für alle Mal genau unverrückbar durch Den festgelegt, Dessen Worte niemals vergehen werden. 

Und von dieser Stunde an soll der gläubige Christ diesen tiefen Blick besitzen und immer wieder diese wesentliche Erwägung und Schätzung aller großen und kleinen Menschen- und Weltereignisse, aller familiären und nationalen Revolutionen und Evolutionen, alle Natur- und Kulturkatastrophen anstellen. Niemand würde es wagen, wenn die Finsternisse des Krieges uns ständig bedrücken, wenn bis zu einem gewissen Alter und ab einem gewissen Alter und Gesundheitszustand Mord erlaubt wird, wenn in der Kirche alles Heilige attackiert und die Einheit zerbrochen wird, wenn durch allerlei Pseudopropheten der Sündensinn zu schwinden droht. Niemand würde es wagen, aber Christus als Herr und Erlöser der Zeit hat gerade dieses Paradoxon verkündet, dass alle Drangsale, alle Nöte als Zeichen Seiner Nähe gelesen werden sollen, auch die heutigen. Denn jedes Unglück und jede Bosheit sind nichts anderes als das Wanken am Rande des letzten Abgrunds, wo uns das Erbarmen Gottes vor dem endgültigen Sturz rettet. Die Nähe Gottes ist immer die Nähe des barmherzigen Samariters dem verwundeten Wanderer gegenüber, die Nähe des guten Hirten dem närrisch verirrten Schaf gegenüber, die unmittelbare Nähe der unendlichen Liebe besonders in der Stunde des Leidens. In dem Zustand der Sünde und der Schuld befindet sich der Mensch in einer desolaten Gottesferne, aber so wie die Gegensätze einander überall berühren, sind auch in der Tiefe der Seele Sünde und Gott ganz nahe.   

Es genügt ein Schrei, es genügt eine Träne und die dünne Trennwand bricht zusammen und es öffnet sich das Dunkel zum Licht. Wachen sollen wir, aber nicht aus Angst oder Misstrauen, sondern aus Liebe! Wachen der Hoffnung, Wachen der Liebe, damit Er, wenn Er ankommt, uns mit offenen Armen und weitem Herzen bereitfindet. Die Kränze und die Kerzen, die wir in diesen Tagen anzünden, sind ein Sinnbild dieser unserer Hoffnung, in der Erwartung, dass sie sich im Lauf der vier Adventwochen entfachen und Schwestern und Brüder zu erhellen und zu erwärmen vermögen.  

Rorateämter im Advent 

Die Liturgie der Kirche stärkt unseren Glauben. Und zum Schönsten und Tiefsten, das wir besitzen, und als besonderes Privileg in unseren Breiten, gehört die tägliche feierliche Votivmesse zur Allerseligsten Jungfrau Maria im Advent, die sogenannte Roratemesse. Ich ermuntere die Mitbrüder, das Rorateamt oft zu feiern und die Gläubigen, so oft es möglich ist, daran teilzunehmen. Wir lernen in einer besonders schönen und gnadenhaften Weise, in Liebe zu wachen und zu beten. Das Rorateamt stärkt unsere Hoffnung und richtet uns auf. 

Novene zur Unbefleckten Empfängnis  

Ich darf Sie herzlich ermuntern, in diesem Jahr das Fest der Unbefleckten Empfängnis vorzubereiten, etwa mit der traditionellen Novene in den Tagen zuvor, mit schönen Gebeten. Und feiern wir den Festtag in bester Weise, wir wollen in diesen adventlichen Tagen der Allerseligsten Jungfrau Maria ganz besonders nahe sein. Die Unbefleckte Empfängnis - die Immaculata, die allzeit reine Jungfrau Maria, die einzig Vollkommene, die Sündenlose von Anfang an, das Urbild, der Inbegriff der Kirche, die in ihrem Wesen die eine und heilige, die katholische und apostolische Kirche, die römische und die marianische ist und immer sein wird, auch wenn sie heute so verdunkelt erscheint. Flehen wir zur Immaculata für die Kirche!  

Vorbereitung auf Weihnachten – eine gute Beichte 

Schließlich darf ich Sie ermuntern in den Wochen vor Weihnachten eine gute, tiefe Beichte abzulegen und so wirklich auch die Voraussetzung zu schaffen, ein gutes Weihnachtsfest zu feiern. Ich darf hier auch eine klare Frage zur Gewissenserforschung stellen: Gibt es einen echten Frieden in Ihrer Familie, unter den Geschwistern, innerhalb der Generationen? Ringen Sie um echte Versöhnung, die Gnaden des Advents sind groß, aber wir sind gerufen zur Bekehrung! 

Von Herzen darf ich Ihnen allen fröhliche, selige und gnadenbringende Weihnachten wünschen, schließen wir besonders die Kranken und Leidenden in unsere Gebete mit ein. 

Gottes reichen Segen, 

Ihr
P. Johannes Regele