Erfahrungen von Pater Markus Buchmaier's Libanonreise

25. August 2021
Quelle: fsspx.news

Es ist drückend schwül. Die weiße Soutane ist zwar viel besser als die schwarze, aber auch sie verhindert nicht, dass mir der Schweiß über den Rücken und die Stirn fließt. Das liegt aber sicher auch an dem aufgeheizten Auto, mit dem ich durch die Straßen Beiruts kurve. In Österreich hätte ich wohl schon längst den Führerschein abgeben müssen. Passives Fahrverhalten und vorausschauendes Fahren sind im Libanon ein Fremdwort, ganz zu schweigen vom Einhalten der Geschwindigkeitsbeschränkungen und den Verkehrszeichen.

Eine völlig andere Welt. Eine freiere Welt; man fühlt sich freier und man ist freier, als im modern-kommunistischen Mitteleuropa, wo alles genau vorgeschrieben ist bis ins kleinste Detail des öffentlichen Lebens und leider jetzt immer mehr auch des privaten Lebens. „Um in Deutschland die 10 Gebote einzuhalten, braucht es 50 000 Gesetze“, sagte einst Dr. Albert Schweitzer; vielleicht war das auch ein Grund, der in bewog nach Afrika zu gehen. Was würde er wohl heute bei uns sagen? Tatsächlich fühle ich mich als junger Priester hier im Westen des Libanon sicherer und vor allem viel willkommener als in den Städten Europas.

Gerade haben wir Pech gehabt: Wir – das heißt ein Mitglied der Hilfsorganisation VOT und ich – müssen uns zwanzig Minuten bei einer Tankstelle anstellen, um das Auto wieder auffüllen zu können. Das Fahrzeug vor uns hat den letzten Tropfen Benzin aus dem Vorrat geschluckt. Jetzt müssen wir uns eine neue Tankstelle suchen. Wir müssen einen kleinen Umweg in Kauf nehmen: Dafür können wir dank Vitamin B die ganze Schlange überspringen und bekommen im Hinterhof das Auto sofort vollgetankt. Was täte man ohne Kontakte!?

Die Zeit drängt. Ich habe das Allerheiligste bei mir, weil wir mehrere alte, kranke Menschen besuchen werden, die Hilfsgüter von der Organisation erhalten, für die auch viele Gläubige in Österreich eifrig gespendet haben. Heute bekommen sie ein geistliches Hilfsgut: unseren Herrn Jesus Christus selbst und davor, wenn sie möchten, das Sakrament der Beichte. Manche von ihnen haben schon seit mehreren Jahren nicht mehr gebeichtet, umso größer ist die Freude bei diesen einfachen, herzlichen und so gastfreundlichen Menschen über den Besuch des Priesters und vor allem unseres Herrn und Heilandes selbst.

Schade, dass die Burschen aus Österreich – die einige Ferientage hier verbracht haben - an diesem Tag nicht mehr dabei sind. Die meisten sind schon wieder nach Österreich zurückgeflogen. Sie haben wirklich viel erlebt: Das hat schon beim Flug mit Turkish Airlines begonnen… Die Jugendlichen sind eingetaucht in die Welt des Orients, wobei ihnen unsere orientalischen Freunde mehr die unbeschwerten Seiten des libanesischen Alltags gezeigt haben: Schwimmen im Meer, Besichtigen der alten, byzantinisch-maronitischen Kirchen und der noch immer erhaltenen Kreuzfahrerfestungen, Fußballspielen in der glühenden Sonne, Besichtigen von alten Städten und Basaren, ein Restaurantbesuch in der Abendsonne und nicht zuletzt das Bestaunen der hohen, alten Zedern am Fuße der Bergketten des Libanon.

Ein Höhepunkt war wohl das Erkunden des Tales der Heiligen im bergigen Norden des Landes. Tal der Heiligen? Ja, Tal der Martyrer: Hier haben sich die Christen seit jeher vor den Muslimen versteckt. Viele Patriarchen und Einsiedler mussten trotzdem ihr Leben für den Glauben lassen: Damals war der Libanon arm, aber dafür heilig. Nun war er lange Jahre reich und dafür umso dekadenter. Die jetzige Inflation führt den Libanon rasend schnell in die Armut: Deswegen sind wir auch heute unterwegs, um den Leuten wenigstens ein bisschen in ihrem Elend beizustehen. Von all dem merkten unsere Burschen nicht so viel, als sie unserem Guide die entlegensten Pfade folgten, um die alten Verstecke der Mönche zu finden und teilweise auch noch deren leibliche Überreste.  Sie scheuchten dabei Schlangen auf, badeten in Flüssen und Tümpeln und fanden auch große Stacheln von Stachelschweinherden. Am Abend sangen sie in der Wildnis beim Lagerfeuer Lieder, nachdem sie in einem alten Kloster bei der hl. Messe ministriert und dort die Akustik der alten Gemäuer durch schönen Choralgesang zur Ehre Gottes erprobt hatten.

Die Familien, die ich heute besuche, sind alle sehr unterschiedlich. Manche sind so arm, dass sie sich nicht einmal das Notwendigste zum Essen leisten könnten. Die Kinder haben ihre Arbeit verloren, weil selbst Supermärkte nach und nach zusperren mussten, wo sie gearbeitet hatten. Nie vergessen werde ich die alte Frau, die an Elephantiasis – die schwerste Form des Lymphödems leidet und sich keinen Arzt leisten kann. Sie ist kein Einzelfall und bei weitem, leider, noch nicht das Schlimmste. Wie heuchlerisch kommt mir dabei unser Wohlstand in Europa vor und wie sehr schäme ich mich innerlich für alle „Probleme“, die wir in unseren eigenen Gemeinden in Österreich haben. Not lehrt beten, Not lehrt aber auch die Dinge wieder richtig einzuschätzen, Not schweißt zusammen und lehrt sich nicht über Details sinnlos zu streiten: Eine gute Lehre für mich als Seelsorger, mit so manchen „Problemchen“ anders umzugehen beziehungsweise auf manche Empfindlichkeitsstreitigkeiten gar nicht mehr einzugehen: Es geht uns einfach zu gut!

Vor einem Monat durfte ich hier einen 30-jährigen Mann taufen, der aus einem muslimischen Nachbarland extra dafür angereist kam und mehr als nur eine Gefängnisstrafe riskierte, sollte sein Konversion bemerkt werden. Wie es ihm wohl in seiner Heimat geht? Anscheinend gäbe es dort noch viel mehr „Muslime“, die sich schon seit Jahren nach der Taufe sehnen. Gott wird ihnen sicher die Gnade der Begierdetaufe schenken, während die Kirche in Europa vom Schreibtisch aus zu Tode regiert wird.