Exklusivinterview mit Pater Davide Pagliarani

2018
Quelle: fsspx.news
Pater Davide Pagliarani, Generaloberer der Priesterbruderschaft St. Pius X.

Pater Davide Pagliarani, Generaloberer der Priesterbruderschaft St. Pius X., gab der Porte Latineein Exklusivinterview, in dem er an die Fruchtbarkeit des Kreuzes für die Berufungen und die Familien erinnert. Er betont insbesondere die Notwendigkeit, den unverfälschten Geist des Gründers, Erzbischof Marcel Lefebvre, zu bewahren, "den Geist der Liebe zum Glauben und zur Wahrheit, zu den Seelen, zur Kirche" angesichts der kürzlichen Heiligsprechung von Paul VI. und der Förderung der Synodalität in der Kirche.

« Die Zukunft der Kirche und der Berufungen liegt bei den Familien, in denen die Eltern das Kreuz Unseres Herrn aufgepflanzt haben. »

La Porte Latine –Es ist nun fünf Monate her, dass Sie für eine Amtszeit von zwölf Jahren zum Generaloberen der Priesterbruderschaft St. Pius X. gewählt wurden. Diese fünf Monate haben es Ihnen sicherlich ermöglicht, einen ersten Blick auf das von Erzbischof Lefebvre gegründete Werk zu werfen, der Ihre bereits reiche persönliche Erfahrung ergänzt. Haben Sie einen ersten Gesamteindruck gewonnen, können Sie die ersten Prioritäten für die kommenden Jahre festlegen?

Die Bruderschaft ist ein Werk Gottes, und je mehr wir es entdecken, desto mehr lieben wir es. Zwei Dinge packen mich bei dieser Entdeckung am meisten: Zunächst der Vorsehungscharakter der Bruderschaft. Er ist das Ergebnis der Entscheidungen und Beschlüsse eines Heiligen, der allein von übernatürlicher und "prophetischer" Klugheit geleitet wurde. Seine Weisheit ist im Lauf der Jahre und in dem Maß, wie sich die Krise der Kirche vertieft, noch mehr zu schätzen. Im Weiteren konnte ich noch einmal feststellen, dass wir nicht das Privileg haben, verschont zu werden: Der liebe Gott heiligt alle unsere Mitglieder und Gläubigen durch Misserfolge, Prüfungen, Enttäuschungen, in einem Wort durch das Kreuz und nicht etwa mit anderen Mitteln.

Die Berufungen kommen aus Familien, in denen der Bitterkeit und der Kritik an den Priestern kein Raum gegeben wird.

La Porte Latine– Mit 65 neu eingetretenen Seminaristen in diesem Jahr hält die Bruderschaft ihren Rekord der letzten dreißig Jahre. Sie selbst waren fast sechs Jahre lang Regens des Seminars in La Reja (Argentinien). Wie wollen Sie die Entwicklung immer zahlreicherer und gefestigter Berufungen fördern?

Ich bin überzeugt, dass die wirkliche Lösung zur Erhöhung der Zahl der Berufungen und ihrer Beharrlichkeit nicht in erster Linie in menschlichen und so zu sagen "technischen" Mitteln wie Rundbriefen, apostolischen Reisen oder Werbung liegt. In erster Linie braucht eine Berufung zum Aufblühen ein Zuhause, in dem Unser Herr Jesus Christus, sein Kreuz und sein Priestertum geliebt werden; ein Zuhause, in dem keine Bitterkeit und keine Kritik an den Priestern Platz haben. Eine Berufung wird durch Osmose geweckt, im Kontakt mit wahrhaft christlichen Eltern und mit Priestern, die tief vom Geist Unseres Herrn erfüllt sind. Auf dieser Ebene müssen wir mit aller Kraft weiterarbeiten. Eine Berufung ist niemals das Ergebnis spekulativer Überlegungen oder einer Lektion, die ein junger Mensch erhalten hat und mit der er intellektuell einverstanden ist. Solche Elemente können helfen, auf den Ruf Gottes zu antworten, aber nur unter der Voraussetzung dessen, was ich eben gesagt habe.

La Porte Latine– Am vergangenen 14. Oktober hat Papst Franziskus den Papst heiliggesprochen, der alle Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils unterzeichnet hat, den Papst der neuen Messe, den Papst, dessen Pontifikat von den 80.000 Priestern geprägt wurde, die ihr Priestertum aufgegeben haben. Zu welchen Gedanken bewegt Sie diese Heiligsprechung? 

Diese Heiligsprechung muss uns zu einem tiefergreifenden Nachdenken anregen, jenseits der medialen Emotionen, die einige Stunden gedauert und weder bei ihren Befürwortern noch bei ihren Gegnern tiefe Spuren hinterlassen haben. Im Gegenteil, nach ein paar Wochen können diese Gefühle leicht in Gleichgültigkeit umschlagen. Wir müssen uns in Acht nehmen, nicht in diese Falle zu treten.

Zunächst erscheint es mir ganz offensichtlich, dass mit den Seligsprechungen bzw. Heiligsprechungen aller Päpste der neuesten Zeit seit Johannes XXIII. der Versuch unternommen wurde, in gewisser Weise das Konzil und das vom Konzil geschaffene neue Verständnis der Kirche und des christlichen Lebens "heiligzusprechen", wie sie alle diese Päpste befördert haben.

Dies ist ein neues Phänomen in der Geschichte der Kirche. So kam es der posttridentinischen Kirche nie in den Sinn, alle Päpste von Paul III. bis zu Sixtus V. ohne Unterschied heiligzusprechen. Sie hat nur Pius V. heiliggesprochen, und zwar nicht etwa wegen seiner Verbindung zum Konzil von Trient oder dessen Umsetzung, sondern wegen seiner persönlichen Heiligkeit, die für die ganze Kirche als vorbildlich gilt, und die er als Papst in den Dienst der Kirche gestellt hat.

Das Phänomen, das wir derzeit erleben, erinnert uns eher an die Namensänderung der Hauptplätze und Prachtstraßen nach einer Revolution oder einem Regimewechsel.

Aber diese Heiligsprechung muss auch im Licht des gegenwärtigen Zustandes der Kirche gelesen werden, denn die Bereitschaft, die Päpste des Konzils heiligzusprechen, ist ein relativ junges Phänomen, und sie hat ihren offensichtlichsten Ausdruck in der fast sofortigen Heiligsprechung von Johannes Paul II. gefunden.

Diese Entschlossenheit, "schnell zu handeln", zeigt einmal mehr die Gebrechlichkeit, in der sich die aus dem Konzil hervorgegangene Kirche derzeit befindet. Ob man es zugeben will oder nicht, das Konzil wird von einem ganzen ultraprogressiven und pseudoreformatorischen Flügel als überholt angesehen. Ich denke zum Beispiel an den deutschen Episkopat. Und auf der anderen Seite sehen sich die Konservativsten auf Grund der Tatsachen gezwungen festzustellen, dass das Konzil einen Prozess ausgelöst hat, der die Kirche in eine zunehmende Unfruchtbarkeit führt. Angesichts dieses anscheinend unumkehrbaren Prozesses ist es verständlich, dass die gegenwärtige Hierarchie versucht, mittels dieser Heiligsprechungen dem Konzil einen gewissen Wert zurückzugeben, um die unaufhaltsame Tendenz der Fakten zu bremsen.

Ich komme zurück auf den Vergleich mit der Zivilgesellschaft: Jedes Mal, wenn sich ein Regime in einer Krise befindet und dessen gewahr wird, versucht es, die Verfassung des Landes, seine Sakralität, seine Beständigkeit, seinen transzendenten Wert neu ins Bewusstsein zu rufen... In Wirklichkeit ist es jedoch ein Zeichen dafür, dass alles, was aus dieser Verfassung hervorgeht und auf ihr beruht, in Gefahr ist zu sterben, und dass es darum geht, sie mit allen möglichen Mitteln zu retten. Die Geschichte zeigt, dass diese Maßnahmen in der Regel nicht ausreichen, um das wieder zum Leben zu erwecken, dessen Zeit abgelaufen ist.

Nur die Bruderschaft kann der Kirche helfen, indem sie daran erinnern, dass die Kirche eine Monarchie und nicht eine chaotische moderne Vereinigung ist

La Porte Latine– Vor drei Jahren (am 17. Oktober 2015) hielt Papst Franziskus eine wichtige Rede zur Förderung der "Synodalität" in der Kirche und lud die Bischöfe ein, "auf Gott zu horchen, bis sie mit ihm den Ruf des Volkes hören, und auf die Menschen zu hören, bis sie den Willen einatmen, zu dem Gott uns ruft". Abgestützt auf diese neue Synodalität erließ er nach seinen eigenen Worten (Rede vom 25. November 2017) die neuen Gesetze zur Vereinfachung der Ehenichtigkeitsverfahren, oder schrieb er Amoris Laetitia im Anschluss an die Synode über die Familie. Erkennen Sie darin die Stimme des Hl. Geistes? Was können Sie uns über diesen neuen Ausdruck sagen, der heute von den Amtsträgern der Kirche verwendet wird?

Die periodisch wiederkehrende Debatte über die Synodalität ist nichts anderes als die nachkonziliare Projektion der Lehre des Konzils über die Kollegialität und die von ihr hervorgerufenen Probleme in der Kirche.

Tatsächlich wird sie oft erwähnt, auch in Debatten, in denen es um ein anderes Ziel oder Thema geht. Ich denke zum Beispiel an die letzte Synode über die Jugend, bei der das Thema zum x-ten Mal angesprochen wurde. Dies zeigt, dass die Hierarchie noch keine zufriedenstellende Lösung gefunden hat, und das ist unvermeidlich, da das Problem unlösbar ist.

Es ist so, dass die Kollegialität die Kirche in die andauernde Lage eines Quasi-Konzils versetzt, mit der Utopie, die universelle Kirche könne unter Beteiligung aller Bischöfe der Welt regiert werden. Dies hat seitens der nationalen Bischofskonferenzen zur Forderung nach einer systematischen und unersättlichen Dezentralisierung geführt, die nie enden wird. Wir stehen vor einer Art Klassenkampf der Bischöfe, der in einigen Bischofskonferenzen einen Geist hervorgebracht hat, der als vor-schismatisch definiert werden kann. Ich denke hier wiederum an den deutschen Episkopat, der ein sprechendes Beispiel für alle gegenwärtigen Verwerfungen darstellt. Rom befindet sich in einer Sackgasse. Auf der einen Seite muss es versuchen, gegenüber den nationalen Episkopaten seine untergrabene Autorität einigermaßen zu retten. Auf der anderen Seite kann es nicht auf die konziliare Lehre und ihre Folgewirkungen verzichten, ohne die Autorität des Konzils und damit die Grundlage der gegenwärtigen Ekklesiologie in Frage zu stellen. Tatsächlich gehen sie alle weiter in dieselbe Richtung, wenn auch mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten.

Die fortwährenden Debatten offenbaren dieses verdeckte Unbehagen und insbesondere die Tatsache, dass diese revolutionäre Lehre völlig im Widerspruch zum monarchischen Wesen der Kirche steht. Eine zufriedenstellende Lösung kann solange nicht gefunden werden, als sie nicht endgültig verworfen wird.

Es ist paradox, aber allein die Bruderschaft kann der Kirche helfen, indem sie die Päpste und Bischöfe daran erinnert, dass Unser Herr Jesus Christus eine monarchische Kirche und keine chaotische moderne Vereinigung gegründet hat. Der Tag wird kommen, an dem diese Botschaft gehört wird. Vorerst ist es unsere Pflicht, diesen tiefen Sinn für die Kirche und ihre Hierarchie zu bewahren, trotz des Schlachtfeldes und der Ruinen, die vor uns liegen.

La Porte Latine– Wie könnte die Kirche die Fehler des Konzils korrigieren? Ist es nach fünfzig Jahren noch realistisch, so zu denken?

Aus rein menschlicher Sicht ist es nicht realistisch, so zu denken, denn wir haben eine Kirche vor uns, die völlig umgestaltet ist, in allen Aspekten ihres Lebens, ohne Ausnahme. Es ist eine neue Auffassung von Glaube und christlichem Leben, die dementsprechend eine neue Art des Verständnisses der Kirche und des täglichen Lebens in ihr hervorgebracht hat. Menschlich gesehen ist es unmöglich, zurückzukehren.

Aber wir vergessen vielleicht zu oft, dass die Kirche in ihrer Grundlage göttlich ist, auch wenn sie in den Menschen und in der Geschichte der Menschheit verkörpert ist. Eines Tages wird ein Papst, entgegen allen Erwartungen und gegen alle menschlichen Berechnungen, die Dinge in die Hand nehmen und alles, was korrigiert werden muss, korrigieren, denn die Kirche ist göttlich und Unser Herr lässt sie nicht im Stich. Tatsächlich sagt er nichts anderes, wenn er feierlich verspricht, dass "die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen werden" (Mt 16,18). Die Strahlkraft der Göttlichkeit der Kirche wird umso stärker sein, als die Situation derzeit unumkehrbar erscheint.

La Porte Latine– In diesem Jahr 2018 begingen wir den dreißigsten Jahrestag der von Erzbischof Lefebvre in Écône erteilten Bischofsweihen, einer echten "Überlebensübung der Tradition". Sind Sie der Ansicht, dass diese Maßnahme von Natur aus einzigartig war und dass sie auch deshalb ein Erfolg war, weil die Bischöfe heute bereit sind, Weihen und Firmungen im überlieferten Ritus zu spenden, oder sind Sie der Meinung, dass nach so vielen Jahre neue Bischofsweihen in Betracht gezogen werden sollten?

Die Zukunft der Bruderschaft liegt in den Händen der Vorsehung. Es liegt an uns, ihre Zeichen zu erkennen, so wie es unser Gründer getan hat, treu und ohne jemals der Vorsehung vorgreifen oder sie missachten zu wollen. Dies ist die schönste Lektion, die Erzbischof Lefebvre uns erteilt hat, und viele von denen, die sie zu seiner Zeit nicht verstanden hatten, haben ihr Urteil allmählich geändert.

Der wahre Geist unseres Gründers: ein Geist der Liebe zum Glauben und zur Wahrheit, zu den Seelen, zur Kirche, in einem Geist der wahren Nächstenliebe unter den Mitgliedern

La Porte Latine – Der Distrikt Frankreich ist der älteste und größte, auch wenn ihm der Distrikt der Vereinigten Staaten von Amerika "auf dem Fuß folgt". Welche menschlichen, materiellen oder apostolischen Prioritäten haben Sie seinem neuen Oberen, Pater de Jorna, gesetzt, der 22 Jahre lang Regens des Priesterseminars in Écône war?

Alle Schwerpunktsetzungen lassen sich in wenigen Worten zusammenfassen: Der neue Distriktobere hat die sehr schöne Aufgabe, dafür zu sorgen, dass der wahre Geist, den uns unser Gründer hinterlassen hat, in allen unseren Häusern und in allen Gliedern der Bruderschaft erhalten bleibt: ein Geist der Liebe zum Glauben und zur Wahrheit, zu den Seelen, zur Kirche, und vor allem, was daraus hervorgeht, ein Geist echter Nächstenliebe unter den Mitgliedern. In dem Maß, wie wir diesen Geist bewahren, werden wir einen guten Einfluss auf die Seelen haben, und wird die Bruderschaft noch viele Berufungen anziehen.

La Porte Latine – Das ist ein schönes und begeisterndes Programm! Aber es ist auch erforderlich, dass die Gläubigen sich ganz dafür einsetzen. Sie haben sie zu Tausenden zur letzten Wallfahrt nach Lourdes kommen sehen, bei der Sie das Hochamt am Christkönigssonntag gefeiert haben. Was verlangen Sie von ihnen? Was schlagen Sie ihnen vor?

Ich war tief berührt, Pilger jeden Alters in Lourdes zu sehen, vor allem viele Familien und Kinder. Diese Wallfahrt ist wirklich bemerkenswert und auch sehr wichtig. Sie erinnert uns daran, dass die Zukunft der Kirche und der Berufungen bei den Familien liegt, in denen die Eltern das Kreuz Unseres Herrn aufgepflanzt haben. Denn nur das Kreuz Unseres Herrn Jesus Christus und die aus ihm hervorgehende Großzügigkeit bringen kinderreiche Familien hervor. Vor unserer egoistischen und von Gott abgefallenen Gesellschaft, die mit ihrer eigenen Unfruchtbarkeit bestraft wird, gibt es kein edleres und kostbareres Zeugnis als das einer jungen Mutter, die von einer Kinderschar umgeben ist. Die Welt kann sich entscheiden, unsere Predigten nicht zu hören, aber sie kann nicht umhin, diesen Anblick vor Augen zu haben. Auch das verkörpert die Bruderschaft. Letztlich ist es dasselbe Ideal des Kreuzes – ich wiederhole es erneut –, das eine Seele dazu bewegt, sich Gott zu weihen, und das eine Mutter dazu befähigt, sich großzügig und uneingeschränkt der Erziehung und Heiligung aller Kinder zu widmen, die die Vorsehung ihr anvertrauen möchte.

Schließlich erinnert uns diese Wallfahrt auch und vor allem daran, dass jede Erneuerung nur unter dem Schutzmantel der allerseligsten Jungfrau Maria gelingen kann, denn in der gegenwärtigen Öde gibt es keinen Ort auf der Welt, der weiterhin die Seelen so sehr anzieht wie Lourdes.

Den Gläubigen Frankreichs sage ich ganz einfach: Vergesst nicht, dass diejenigen, die euch vorausgegangen sind, Kämpfer und Kreuzritter waren, milites Christi, und dass der gegenwärtige Kampf um die Verteidigung des Glaubens und der Kirche zweifellos der bedeutendste ist, den die Geschichte je gesehen hat.

Ich wünsche Allen ein reich gesegnetes Jahr 2019!