Herz Jesu – Pforte zum Himmel

18. November 2015
Quelle: Distrikt Österreich

Das heiligste Herz Jesu – die Pforte zum Himmel

Bild: Historisches Herz Jesu Bild, Dom zu Bozen

von Pater Andreas Mählmann (1. Teil)

Die Verehrung des heiligsten Herzens Jesu verdient es, wieder in das Zentrum der Spiritualität gerückt zu werden, so wie die hl. Messe. Früheren Generationen stand die Bedeutung des Herzens Jesu in seiner Beziehung zum Messopfer deutlicher vor Augen. Gerade im Kirchbaustil des Barock, der eine Antwort war auf den entseelten protestantischen Glauben ohne Priestertum und Messe, findet sich kaum ein Tabernakel oder Hochaltar, der nicht von einem flammenden Herzen gekrönt wäre. Und das ist von inhaltsschwerer Bedeutung in Hinblick auf das Geschehen am Altar. 

In den Himmel einzugehen bedeutet, in Gott zu wohnen 

In der Herz-Jesu-Litanei findet sich die Anrufung: „Heiligstes Herz Jesu, Haus Gottes und Pforte des Himmels, erbarme Dich unser.“ Einen solchen Stellenwert gibt die Kirche dem Herzen Jesu! Der Sohn, der „am Herzen des Vaters ruht“ (Joh 1,18), ist Mensch geworden, Er hat ein menschliches Herz angenommen, damit wir durch dasselbe zum Herzen des Vaters zurückkehren können, das uns als ewige Heimat bestimmt ist. In den Himmel - in das „Haus Gottes“ - einzugehen bedeutet gemäß dieser Anrufung aus der Herz-Jesu-Litanei, in das Herz Gottes einzutreten, in das Innenleben der heiligsten Dreifaltigkeit. 

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, wie die Geheime Offenbarung in ihren letzten beiden Kapiteln den Himmel beschreibt: in Form einer himmlischen Stadt, des himmlischen Jerusalems, die offenbar ganz in Gott eingetaucht ist. Da ist die Rede davon, dass es in dieser Stadt keine Sonne und keinen Mond mehr gibt: „Nacht wird nicht mehr sein, und man braucht nicht das Licht einer Lampe oder das Licht der Sonne, denn Gott, der Herr, wird über ihnen leuchten ...“. (Off 22,5) Desweiteren wird bemerkt, dass es keinen Tempel mehr geben wird, „denn ihr Tempel ist der Herr.“ (Off 21,22) Es ist der Ort, wo Gott alles in allem ist. In dieser Stadt zu sein heißt, in Gott seine Wohnstatt zu haben. 

Das Herz Jesu - die Tür zum Himmel

In der allgemein üblichen Darstellung Jesu mit Seinem heiligsten Herzen, wird uns der Zugang zum Heil sinnbildlich vor Augen geführt. Treffend hat der hl. Johannes den Lanzenstoß, der das Herz Jesu getroffen hat, beschrieben als eine „Öffnung“ Seiner Seite, bzw. als eine Öffnung Seines Herzens (vgl. das Evgl. vom Herz-Jesu-Fest). Er durfte Augenzeuge dessen sein, dass die Pforte zum himmlischen Jerusalem wieder geöffnet ward, die die Sünde verschlossen hatte. 

Der Herr weist mit Seinem Zeigefinger auf Sein geöffnetes Herz und spricht zu uns: „Ich bin die Tür. Wenn einer durch mich eintritt, wird er Heil erfahren.“ (Joh 10,9) Schon im Alten Testament ist dieser Zutritt zum Heil angedeutet worden und zwar in der Arche Noahs, die seitwärts eine Tür hatte: Durch sie konnte Noah mit den Seinen eintreten, um sich vor der drohenden Sündflut zu retten. Nun steht uns im Herzen Gottes eine neue Tür offen. Wer dem Untergang entgehen will, d. h. wer nach seinem Tod endgültig in den Himmel eingehen will, muss schon hier auf Erden durch dieses Herz in das Innenleben Gottes eingetreten sein: „Niemand kommt zum Vater, außer durch mich!“ (Joh 14,6) Dieses Wort unseres Herrn lässt keine Alternative zu. Niemand kommt zum Herzen des Vaters, außer durch das Herz des Sohnes. 

Gestorben aus Liebe und an der Liebe

In der üblichen Darstellung des Herzens Jesu, wie Er sich der hl. Margareta Maria Alacoque gezeigt hat, brechen aus der Herzwunde Flammen der göttlichen Liebe hervor. Wie sind diese zu verstehen? Halten wir uns die Tatsache vor Augen, dass unser Herr nicht an der Kreuzigung gestorben ist. Er war auch am Kreuz vollkommen Herr der Lage. Wäre Er wie alle anderen Gekreuzigten gestorben, wäre er erstickt, sobald er nicht mehr die Kraft gehabt hätte, sich an den Händen hochzuziehen, um neuen Atem zu schöpfen. So war es nicht bei Ihm. Er hat in dem Augenblick Sein Leben ausgehaucht, wann Er es wollte und wie Er es wollte. Er fand genügend Atem, um noch bis zum Ende vernehmbar zu sprechen, wie z. B. Lukas berichtet: „Jesus rief mit lauter Stimme: Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist. Nach diesen Worten verschied er.“ (23,46) Zwei andere Evangelisten berichten noch von einem lauten Schrei (Mt 27,50; Mk15,37), dann gab Er Seinen Geist auf. 

Müssen wir nicht annehmen, dass dieser Schrei Ausdruck dessen war, dass Sein Herz in diesem Augenblick für uns in übergroßer Liebe gebrochen ist? Vom hl. Philipp Neri berichtet uns die Brevierlesung an seinem Fest: „Die Glut der Liebe Gottes hatte sein Herz so verwundet, dass es keinen Raum mehr hatte in seiner Brust und ihm sogar zwei Rippen sprengte.“ - Die Liebe des Herzens Jesu ist die vollkommenste, die es gibt. Er ist wesensmäßig die Liebe. Darum konnte Sein Tod nichts anderes sein, als absolute Ganzhingabe, ein Sterben aus Liebe und an der Liebe, die das Gefäß Seines menschlichen Herzens schließlich nicht mehr fassen konnte und es somit sprengte. „Er starb in den Flammen der Liebe als vollendetes Schlachtopfer für die Sünden der Welt“, so beschreibt der hl. Franz von Sales diesen Tod. 

Gottes Werben um die Liebe Seiner Geschöpfe

Die Flammen der göttlichen Liebe, die aus dem geöffneten Herzen Jesu hervorbrechen, bringen zum Ausdruck, dass es ein brennendes Verlangen Gottes ist, uns in Sein Innenleben eintreten und an Seinem göttlichen Leben teilnehmen zu lassen. Er, der uns nicht bräuchte, hat doch eine brennende Sehnsucht danach, uns an Seiner Herrlichkeit teilnehmen zu lassen. Unser Herr spricht im Evangelium so klar davon: „Wenn ich am Kreuz erhöht bin, werde ich alle an mich ziehen!“ (Joh 12,32) Dem Verlangen des Heilandes nach ist schon ein jeder Mensch, der das Licht der Welt erblickt, in Sein heiligstes Herz hineingeboren, denn sein Wille ist es, „dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1 Tim 2,4). 

Aber Er wollte auch, dass es nicht allein von Seinem Willen abhängt. Er will, dass wir uns mit einem freien Ja aus Liebe für Ihn entscheiden. Darum zwingt Er uns nicht, wirbt aber mit aller Kraft um unsere Liebe: „Da Er die Seinen, die in der Welt waren liebte, so liebte Er sie bis zum Äußersten“. (Joh 13,1) Vielen erscheint das Kreuz als eine Torheit. Aber jene, die Ihn wirklich erkannt haben, stehen am Fuß des Kreuzes fassungslos vor einer Liebe, „die alles Begreifen übersteigt“. (Eph 3,19) Die Kirche findet dafür am Fest der Sieben Schmerzen Mariens die wunderbaren Worte, die sie im Angesicht des Gekreuzigten spricht: „Seine ganze Gestalt haucht Liebe aus, um wiedergeliebt zu werden: das Haupt geneigt, die Hände ausgebreitet, die Seite geöffnet.“ (Erstes Responsorium der Matutin) So wirbt Er am Kreuz um unsere Liebe: das Haupt uns zugeneigt, um uns noch im Sterben einen Blick voll Erbarmen zu schenken; die Hände ausgebreitet, um uns an sich zu ziehen; die Seite geöffnet, um uns in das Heiligtum Seines heiligsten Herzens eintreten zu lassen. An diesem Werben Christi um die Liebe der Seelen nehmen die Priester teil durch ihr Predigtamt. Die Predigt soll den Verstand ansprechen, aber nicht allein, auch das Herz. Wenn die Herzen nicht erwärmt werden für die großartige Liebe, die Gott ihnen erweist, wenn sie nicht herausgefordert werden mit ihrem ganzen Leben eine entsprechende Antwort auf diese unfassbare Liebe zu geben, was bleibt dann von einer Predigt? Es hatte offenbar nicht nur den Sinn des Besser-verstanden-werdens, dass früher die Kanzeln im allgemeinen ihren Platz mitten im Volk hatten. Auf der Kanzel stehend konnte der Prediger zu den meisten Gläubigen beim Sprechen keinen Blickkontakt halten. Doch genau gegenüber der Kanzel war sehr häufig ein lebensgroßes Kreuz angebracht, das ihm bei der Erfüllung seines Amtes direkt vor Augen stand. Im Blickkontakt mit Ihm, dem Gekreuzigten, dem er in diesen Augenblicken seine Zunge leiht, um die Seelen zu Ihm zu führen, sollte es ihm leichter fallen, die rechten Worte zu finden und den rechten Ton zu treffen, der die Herzen aufzuschließen vermag, nach dem Vorbild des hl. Paulus: „Als ich zu euch kam, Brüder, trat ich nicht mit überlegener Rede und Weisheit auf, als ich euch Kunde brachte vom Zeugnis Gottes. Denn ich hatte mir vorgenmommen, nichts anderes unter euch zu wissen als Jesus Christus, und diesen als Gekreuzigten.“ (1 Kor 2,1) 

„Introibo ad altare Dei - Ich will hineingehen zum Altare Gottes!“

Der hl. Bonaventura wird am Herz-Jesu-Fest im Brevier zitiert mit Worten voll liebender Zuneigung, die er an den Gekreuzigten richtet: „Deine Seite wurde durchbohrt, damit wir freien Zutritt haben. Dein Herz wurde geöffnet, damit wir von äußeren Sorgen unbelästigt darin wohnen können.“ Das heiligste Herz Jesu eröffnet uns die ewige Wohnung, die Heimkehr zum Vater. Eine jede menschliche Seele ist ein einzigartiger Gedanke des Vaterherzens Gottes, den Er in einem Schöpfungsakt ins Dasein gesetzt hat. Durch das gottmenschliche Herz Jesu - dadurch dass Er mit dem Vater „eins“ ist (Joh 10,30) - können wir heimkehren, heim zum Vater, der uns erschaffen hat. Doch was bedeutet das konkret? Wo finden wir das Herz Jesu, das für uns offen steht, um uns Einlass zu gewähren? Darauf soll im 2. Teil eingegangen werden.