Ich komme wieder und euer Herz wird sich freuen!

25. Mai 2022
Quelle: Distrikt Österreich

Predigt zum Fest Christi Himmelfahrt, Hl. Leo der Große (Papst)

Wie wir uns am Osterfest über die Auferstehung des Herrn gefreut haben, so ist jetzt Seine Himmelfahrt Gegenstand unseres Jubels. Heute begehen und feiern wir ja, wie es sich gebührt, den Tag, an dem Christus unsere niedrige Natur über alle himmlischen Heerscharen, über alle Chöre der Engel und all ihre erhabenen Mächte auf den Thron Seines Vaters emporhob. Unserer Festigung, unserer Förderung diente diese Aufeinanderfolge der Taten des Herrn: Sollte sich doch die Wirksamkeit der göttlichen Gnade in noch wunderbarerem Lichte offenbaren, wenn dem Blicke des Menschen entzogen wird, was notwendig Ehrfurcht erwecken muß, und trotzdem der Glaube nicht versagt, die Hoffnung nicht wankt und die Liebe nicht erkaltet.

Denn darin zeigt sich die Stärke großer Geister, darin die Erleuchtung gläubiger Seelen, dass sie bereitwillig für wahr halten, was sie nicht mit körperlichem Auge sehen, dass sie dorthin ihr Sehnen richten, wohin ihr Blick nicht zu dringen vermag. Wie könnte aber dieser fromme Sinn in unserem Herzen entstehen oder jemand Rechtfertigung durch den Glauben finden, wenn unser Heil nur auf dem beruhte, was sich unseren leiblichen Augen darbietet? Darum sprach auch der Herr zu Thomas, der an der Auferstehung Christi zu zweifeln schien, wenn er nicht an dem Leibe Jesu selber die Wundmale Seines Leidens durch Beschauen und Betasten als wahr befunden hätte: „Weil du Mich gesehen hast, hast du geglaubt; selig sind diejenigen, die nicht gesehen und doch geglaubt haben“.

Damit wir nun dieser Seligkeit teilhaftig werden könnten, ist unser Herr Jesus Christus am vierzigsten Tage nach Seiner Auferstehung vor den Augen Seiner Jünger in den Himmel erhoben worden, nachdem Er alle Anordnungen getroffen hatte, welche die Verkündigung des Evangeliums und die Gnadengeheimnisse des Neuen Bundes forderten. Er hörte auf, leibhaftig unter uns zu weilen, da Er zur Rechten des Vaters bleiben wollte, bis die Zeiten vorübergegangen wären, die Gott im voraus für die Mehrung der Kinder der Kirche festgesetzt hatte, bis Er in demselben Fleische, in dem Er aufgefahren war, wieder kommen würde, um Gericht zu halten über die Lebenden und die Toten. Was also an unserem Erlöser sichtbar war, ist übergegangen in die Sakramente. Damit unser Glaube verdienstlicher und fester würde, ist an die Stelle der „sinnlichen Wahrnehmung“ die „Lehre“ getreten, deren gewichtigem Worte die von himmlischen Strahlen erleuchteten Herzen der Gläubigen folgen sollen!

Zuvor Furcht, nun aber Freude

Diesen Glauben, der durch die Himmelfahrt des Herrn vermehrt und durch die Sendung des Heiligen Geistes gekräftigt wurde, vermochten weder Fesseln noch Kerkerstrafen, weder Verbannung noch Aushungerung, weder Verbrennung noch Zerfleischung durch wilde Tiere, noch die von seinen Verfolgern angeordneten ausgesuchten grausamen Todesarten zu erschüttern. Auf der ganzen Welt wetteiferten Männer und Frauen, unmündige Knaben und zarte Mädchen für diesen Glauben ihr Blut zu vergießen. Dieser Glaube hat böse Geister gebannt, Krankheiten geheilt und Gestorbene zum Leben erweckt . Darum wurden auch die heiligen Apostel, die angesichts des furchtbaren Leidens des Herrn in Verwirrung geraten waren und auch Seine tatsächliche Auferstehung nicht ohne Vorbehalt vernommen hatten, obwohl sie doch durch so viele Wunder gestärkt und durch so viele Predigten belehrt worden waren, erst durch Seine Himmelfahrt so in ihrem Glauben gefördert, dass für sie alles, was ihnen vorher Furcht eingeflößt hatte, nunmehr ein Grund zur Freude wurde. All ihre Blicke waren jetzt zu Dem emporgerichtet, Der als Gott zur Rechten des Vaters thront. Nicht mehr hinderte sie die Schranke ihres leiblichen Auges, Den in ihrem Geiste zu schauen, Der sich weder durch Sein Herniedersteigen zur Erde vom Vater entfernt, noch durch Seinen Aufstieg zum Himmel von Seinen Jüngern getrennt hatte.

Als der Menschensohn, der Sohn Gottes, zur Herrlichkeit der Majestät des Vaters zurückkehrte, zeigte er sich, in größerem und überirdischerem Glanze. In wunderbarer Weise begann jetzt Der als Gott uns näher zu sein, Der als Mensch sich weiter von uns entfernt hatte. Jetzt begann auch der Glaube, dem ein tieferer Einblick zuteil geworden war, die mit dem Vater wesensgleiche Natur des Sohnes besser zu erkennen…

Die Engel als Zeugen

Während nun die Jünger voll staunender Verwunderung dem in den Himmel auffahrenden Herrn nachblickten, erschienen vor ihnen in wunderbar glänzenden Gewändern zwei Engel, die zu ihnen sprachen: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schauet gen Himmel? Dieser Jesus, Der von euch weg in den Himmel aufgenommen worden ist, wird ebenso wiederkommen, wie ihr Ihn in den Himmel habt eingehen sehen“. Durch diese Worte wurden alle Kinder der Kirche belehrt, zu glauben, dass Jesus Christus in demselben Fleisch, in dem er aufgefahren war, sichtbar wiederkommen wird. Auch sollte dadurch jeder Zweifel benommen werden, dass Dem alles untertan ist, Dem schon bei Beginn seiner Menschwerdung die Engel dienstbar waren! Wie nämlich ein Engel der seligsten Jungfrau die Empfängnis Christi vom Heiligen Geiste verhieß, so machten auch himmlische Chöre den Hirten die Geburt des Heilandes aus einer Jungfrau kund. Wie überirdische Boten zuerst bezeugten, dass Jesus von den Toten auferstanden sei, so erklärten auch dienende Engel, dass Er in seinem Fleische wiederkommen werde, um die Welt zu richten. Daraus sollen wir erkennen, welch gewaltige Mächte dem künftigen Richter zur Seite stehen werden, wenn schon so große Mächte ihm in dem Augenblicke dienten, wo er selbst dem Gericht entgegenging!

Wir sind zur Ewigkeit berufen

Lasst uns also in geistiger Weise jubeln und frohlocken, lasst uns in angemessenem Dank gegen Gott unsere Freude suchen und den ungetrübten Blick unseres Inneren zu jenen Höhen erheben, in denen Christus thront! Unsere für den Himmel bestimmten Seelen sollen nicht irdische Wünsche in die Tiefe ziehen! Die zur Ewigkeit Berufenen soll nicht die Vergänglichkeit in Bande schlagen! Die auf dem Wege der Wahrheit Wandelnden sollen nicht gleissende Lockungen in ihrem Vorwärtsschreiten hemmen! In der Erkenntnis, nur ein Fremdling in diesem Erdental zu sein, soll der Gläubige diese Zeitlichkeit durchwandern! Und wenn uns auch auf diesem Wege gar manches verführerisch erscheint, so sollen wir doch nicht sündhaft darnach haschen, sondern tapfer daran vorübergehen!

… Nichts ist wirksamer gegen des Satans List und Tücke als mildreiches Erbarmen und freigiebige Liebe, durch die jede Sünde entweder gemieden oder doch siegreich bezwungen wird. Allein diese herrlichen Tugenden erlangt man nicht eher, als bis man vernichtet hat, was ihnen widerstreitet. Was aber steht so im Gegensatz zur Barmherzigkeit und zur werktätigen Liebe als der Geiz, aus dessen Wurzel alle Übel emporkeimen? Wird dieser nicht in seinen ersten Trieben ertötet, so müssen notwendigerweise aus dem Herzen dessen, in dem dieses Unkraut wuchert, weit eher die Dornen und Disteln der Laster, als irgendwelche Keime wahrer Tugend hervorsprießen.

Laßt uns also den Kampf gegen dieses so verderbliche Übel aufnehmen! Befleißigen wir uns der christlichen Liebe, ohne die keine Tugend ihren Glanz entfalten kann, damit wir auf diesem Wege liebevollen Erbarmens, auf dem Christus zu uns herniedergestiegen ist, auch unserseits zu Ihm emporsteigen können, zu Ihm, Dem mit dem Vater und dem Heiligen Geiste Ehre und Herrlichkeit eigen ist in Ewigkeit! Amen.

Auszug aus Sermo LXXIV (2. Predigt über die Himmelfahrt des Herrn) von Leo dem Großen. Der hl. Leo der Große (400-461 n. Chr.) war der bedeutendste Papst des 5. Jahrhunderts. Er verteidigte die Lehre der katholischen Kirche in einer sehr schwierigen Zeit. Fast 100 wunderschöne Predigten und 150 seiner Briefe sind uns erhalten geblieben.