Maria ist die Königin der Herzen

2019
Quelle: Distrikt Österreich

Zum Marienmonat Mai

Unser religiöses Leben ist immer in Gefahr, oberflächlich, gewohnheitsmäßig, ja äußerlich zu werden.

Unser Herr aber ist ein Gott des Herzens, er will unser Herz. Auch in dieser Hinsicht ist die vollkommene Andacht eine wunderbare Hilfe zu echter Innerlichkeit.

Maria ist Königin der Herzen. Ludwig- Maria Grignion von Montfort kommt die Ehre zu, auf diesen Titel aufmerksam gemacht zu haben. Auf der ganzen Welt hat sich seine vollkommene Andacht verbreitet.

Und so grüßen die Diener Mariens die heilige Jungfrau überall mit diesem für immer geheiligten Namen: Königin der Herzen.

Königin der Herzen: dieser Ausdruck besagt zunächst, dass das Königtum Mariens wie dasjenige Jesu, in unserem Inneren errichtet ist. Maria will vor allem im Innern der Menschen herrschen.

Wenn man sie als Königin des Universums, als Königin der ganzen sichtbaren Schöpfung grüßt, nimmt sie die Huldigung für diese materiellen Dinge entgegen, aber was sie in erster Linie wünscht, ist das Herz, ist die Seele.

Kein Mensch und kein Engel kennt den Wert der Seelen, die nach dem Ebenbild Gottes geschaffen wurden, so gut wie sie. Sie findet Gefallen daran, diese Meisterwerke des Allerhöchsten zu betrachten und zu bewundern, die wie Er mit Einsicht und Willen ausgestattet sind und die fähig sind, Ihn zu erkennen und zu lieben, ja bis zu Ihm erhoben zu werden.

Vor allem sieht sie in den Seelen die Gnade, die sie zu lebendigen Abbildern Gottes, zu Quellen des Lichtes und der Liebe macht. Und wie teuer haben Jesus und sie selbst die Seelen erkauft.

Königin der Seelen

In den Seelen will sie daher ihr Reich errichten. Sie wünscht sich die Seelen, weil Gott ihr die Gnade verliehen hat, sie für das geistliche Leben zu erziehen, sie zu reinigen, zu heiligen und sie sowohl hienieden als auch im Himmel zur Vereinigung mit Gott zu führen.

Maria, die Mutter Jesu, hat als Vermittlerin der Gnaden die ehrenvolle Aufgabe, ihren Sohn in den Kindern der unglückseligen Eva nachzubilden. Diese geheimnisvolle Arbeit vollbringt sie aber nicht in deren Leib, der auf Erden trotz der Gnade immer eine Stätte des Elends und der Sünde bleibt; sie wird in der Seele tätig.

Die Wiedergeburt zum ewigen Leben findet im Innersten des Menschen statt, ohne dass sterbliche Augen etwas Außergewöhnliches wahrnehmen. Das Wunder unseres geistigen Wachstums durch das Wirken Mariens entzieht sich selbst der Wahrnehmung der Gelehrten. Ach, könnten wir doch unsere himmlische Mutter bei der Erfüllung der erhabenen Aufgaben sehen, mit der die Vorsehung sie betraut hat; wie sie unsere Seelen reinigt und ihnen den Geist der Gnade einflößt, wie sie ihnen die Fruchtbarkeit der Tugenden verschafft! Mit welcher Bewunderung wären wir erfüllt und mit welchem Nachdruck würden wir ihr unsere Dankbarkeit erweisen!

Maria will in uns wirken

Maria ist Königin der Herzen, um unsere Herzen zu heiligen, sie hienieden zu würdigen Tempeln des Heiligen Geistes zu machen und sie auf die ewige Seligkeit vorzubereiten. Man versteht nun das Verlangen, mit welchem sie die Seelen sucht. Man hat sie die große Eroberin der Herzen genannt. Sie weiß zu sehr um den Wert der Seelen und den Nutzen für die, welche sich ihrer Führung anvertrauen.

Im Himmel wird es eine unserer Glückseligkeiten sein, den heiligen Eifer, die geduldigen Anstrengungen und die sanfte Beharrlichkeit unserer Mutter zu betrachten, mit der sie uns zu dem Entschluss brachte, unter ihrem Zepter zu leben und uns ihr anzuvertrauen.

Unser freier Wille

Das Herz kann man nicht im Sturm einnehmen wie eine Festung; es schenkt sich, wem es will und wann es will. Diese Tatsache zeigt, wie ernst unser Leben ist. Das Heil hängt von unserer Entscheidung, von unserem freien Willen ab.

Gott bewegt unser Herz durch heilsame Furcht, Hoffnung oder Liebe, um es an sich zu ziehen. Maria bedient sich ihrer Vorzüge, besonders ihrer Güte und Milde, um es in ihr Reich der Gnade einzuladen. Satan dagegen spiegelt ihm Trugbilder vor; die Geschöpfe suchen es mit Hilfe falscher Güter zu fesseln. Aber letztlich bleibt das Herz frei, es gibt sich hin, weil es will, und es gibt sich soweit hin, wie es will.

Maria ist daher nur Königin jener Herzen, die ihrer Liebe entsprechen und bereit sind, sie über sich herrschen zu lassen. Diese Unterwerfung des freien Wesens ist eine herrliche Huldigung an ihre Güte, ihre Macht und all ihre Vorzüge. Maria nimmt diese Huldigung freudig und liebevoll entgegen. Wenn diese Schenkung aber vollkommen ist, wenn sie das natürliche und das göttliche Leben, Leib und Seele, zeitliche und geistliche Güter, Vergangenheit und Zukunft, Zeit und Ewigkeit umfasst, dann erreicht der Mensch die Vollendung der Hingabe und hat wahrhaft das Recht, Maria die Königin seines Herzens zu nennen. Solange er auf der Erde weilt, kann er gewiss höher hinaufsteigen; seine Vereinigung mit Maria und seine Hingabe an sie können wachsen und sich vervollkommnen. Er darf aber schon hienieden in der Gewissheit leben, ihr zu gefallen und ihre Gunst zu besitzen, und darf zu ihr mit den Worten des hl. Ludwig Maria beten: „Gegrüßt seist du, Maria, du Tochter des Vaters, du Mutter des Sohnes, du Braut des Heiligen Geistes. Gegrüßt seist du, meine Herrin, mein Gut, du Königin meines Herzens.“

Ein solch glücklicher Sklave der heiligen Jungfrau darf sich den schönsten Hoffnungen hingeben. Je größer seine Hingabe an die Mutter Christi, der göttlichen Weisheit ist, desto mehr gestattet er ihr auch, ihren zugleich mächtigen und sanften Einfluss auf ihn auszuüben. Was darf ihr Diener nicht alles von derjenigen erwarten, die so gerne schenkt und sich nie an Freigebigkeit und Großmut übertreffen lässt?

Quelle: Pater Louis-Marie Texier