Predigt zum Sonntag Gaudete

2018
Quelle: Distrikt Österreich

Das innige, in Gott frohe Wesen ist Erkennungszeichen des echten Christen

Liebe Gläubige!

Die Sonntage des Advent sind beherrscht von einer großen Idee: die Menschen hinzuführen zu Christus dem Erlöser. Der erste Sonntag war ein kräftiger Aufruf an alle: Erwachen aus dem Traumleben des bloßen Diesseitsdenkens zur Wahrheit in der Religion. Der zweite Sonntag stellte das übernatürliche Leben durch Christus als Inhalt der Religion dar. Der Grundgedanke des heutigen dritten Sonntags ist die stille, unerschütterliche Freude, die aus der Zugehörigkeit zu Christus durch die Religion herrührt.

„Freut euch allezeit im Herrn. Noch einmal sage ich: Freuet euch.“ So lauten die bekannten Worte des Introitus der heutigen Hl. Messe. Wo ist denn die wahre Freude zu finden? Und der hl. Paulus gibt uns sofort die Antwort auf diese Frage, die doch jedem Menschen unter den Nägeln brennt: „in Domino“ – „im Herrn“! Die Kirche jubelt heute wahrhaft auf, um uns eine Lehre zu erteilen. Sie unterbricht offenbar den ernsten Bußcharakter der adventlichen Liturgie und kleidet sich in rosafarbene Gewänder, die Orgel spielt fröhliche Lieder, Blumenschmuck steht am Altar. Aber doch ist es Advent, Zeit der Buße und Vorbereitung.

Liebe Gläubige! Dieses innige, in Gott frohe Wesen ist ein Erkennungszeichen des echten Christen. Manche meinen, die frommen Christen müssten ein finsteres, mindestens aber ein ernstes Gesicht zeigen. Das Gegenteil ist wahr. Und das zeigen uns die Heiligen. Sie waren alle frohe Kinder Gottes. Der hl. Johannes Berchmans wurde etwa sogar „Bruder Immerfroh“ genannt. Der hl. Franz von Assisi nannte sich und seine Brüder „die Spielleute Gottes“. Die katholischen Missionare machten immer die Erfahrung, dass die heidnischen Völker mit der katholischen Religion auch die Freude gleichsam als neues Erbgut erhalten! Die Strenge der persönlichen Buße und die unermüdliche Liebeshingabe an Gott und den Nächsten geht immer Hand in Hand mit der christlichen Freude. Es gibt einen Heiligen, bei dem diese übernatürliche Freude ganz besonders leuchtet. Es ist der hl. Philipp Neri, der Apostel Roms im 16. Jahrhundert.

Die Verweltlichung der Kirche war damals grenzenlos, denn der Wille zur Macht, zum Geld und zur Lust feierte seine Orgien in der Christenheit, bei Laien und bei Klerikern; die Pracht einer von der heidnischen Klassik berauschten Kultur, die den Menschen als Maßstab aller Dinge erhoben hatte, überflutete die innersten kirchlichen Lebensräume, von den Klöstern bis zum päpstlichen Hof. Das rein irdisch Schöne wurde zum allgemein angebeteten Götzen, das Kreuz zum Dekorationsobjekt, die Theologie zum kümmerlichen Bruchstück des Humanismus, die kirchlichen Ämter zu prunkvollen Fürstengewalten. Die Sittenlosigkeit in jedem Lebensbereich führte zu blutigen Kämpfen, zu einer zunehmend beängstigenden Unsicherheit. Die Ewige Stadt erlebte damals inmitten einer Woge sinnlicher Berauschung die vielleicht schlimmste Epoche ihrer Geschichte.

Aber nicht eine saure Donnerpredigt und ein bitteres, abstraktes Moralisieren hat Rom gerettet, sondern die zähe Milde und die himmlische Freude des hl. Philipp Neri, auf dessen breitem Rücken man übernatürlich gesprochen Holz spalten konnte. Zähe Milde und himmlische Freude macht wirklich stark in den größten Widrigkeiten. Er erkannte, wie kaum mehr ein anderer danach, die Zeichen der Zeit, aber wurde nicht Professor, sondern Apostel! Er verschmähte Ämter und Titel, Meetings und Diskussionen, und widmete sich den einzelnen Seelen, lange Zeit als Laie, später - von seinem 36. bis zu seinem Tod im 80. Lebensjahr - als Priester, immer als Freund aller Römer. Er hatte eine ungemeine Kontaktfreudigkeit, und seine lodernde Liebe zu Christus, seine täglichen langen Stunden Gebet, führen ihn hinaus in alle Gassen der Stadt, auf die Märkte und in die Schulen, in die Werkstätten und Ateliers, in die Schenken und Kaufgewölbe, in die Spitäler und Paläste … wo er alle ansprach, schlicht und fromm, gelegen und ungelegen, immer freudig und unverblümt … so dass er zur populärsten Gestalt Roms wurde. Dann aber, als Priester, verbrachte er die meisten Stunden des Tages im Beichtstuhl und in seinem Aussprachezimmer, an dessen Tür Handwerker und Dichter, Bürger und Fürsten, Priester und Kardinäle, bekannte Sünder und bekannte Heilige wie Karl Borromäus, Ignatius von Loyola, Camillus von Lellis und Franz von Sales anklopften auf der Suche nach Trost und Rat.

Denn nicht nur seine anziehende Bescheidenheit und Weisheit wurden bekannt und geschätzt, sondern auch seine außergewöhnlichen Gaben: seine wunderbare Unterscheidung der Geister, seine Ekstasen während der Hl. Messe, seine Weissagungen und Erkenntnis der Geheimnisse des Herzens, seiner Wunderheilungen etc. Ein Mystiker also unter den Größten, der sich aber mit einer hinreißenden Fröhlichkeit umhüllte, die alle erstaunte und nicht wenige verblüffte. "Siate allegri, ragazzi, siate allegri! seid froh, ihr Burschen, seid froh," rief er zu den Straßenbuben immer wieder aus! … und er war im Stande mit einer großen Schar von jungen Leuten nicht nur zu den 7 Kirchen Roms sehr oft zu pilgern, sondern mit ihnen zu musizieren, zu spielen, Scherze und Witze zu machen.

Alle wahren Heiligen versuchen ihre Verdienste, ihre heroischen Tugenden und hohen Charismen zu verstecken, aber das Merkwürdige, fast Einmalige beim hl. Philipp Neri ist die Art und Weise es zu tun, die er ausgesucht hat: das Spiel, der Spaß, der Scherz, die komischen Gebärden und Handlungen … ein ganz skurriles Werkzeug, eine Narrenkappe mit der er seine mystischen Gaben verhüllte und jede Bewunderung ins Schwanken brachte.

Aber es wird vermutet, dass seine unwiederholbare Komik und tiefe, echte Freude auch das dröhnende Lachen über die Lächerlichkeit der weltlichen Eitelkeit war, die durch schockierende Mittel erschüttert werden kann, wie es auch dem hl. Franz von Assisi gelungen ist. Mehr noch und tiefer: Philipp Neri war im letzten Geheimnis des Glaubens verankert, in der alles überragenden Freude des Himmels, die den meisten Menschen verschlossen bleibt. Er war von dieser gewaltigen himmlischen Freude ergriffen, die Rom schließlich bekehrt hat.

Ungetrübte Quelle der Freude kann also nur Gott selbst, kann nur der Himmel sein. Das lernen wir vom hl. Philipp und darum sollten wir Gott heute und in diesen letzten Tagen vor Weihnachten in besonderer Weise bitten. Wie wunderbar ist unser Glaube an Gottes Vaterherz, dessen Güte selbst dann nicht zu Ende ist, wenn unser Auge keine Liebe mehr sieht und dessen Weisheit da einzugreifen anfängt, wo unser Verstand aufhört. Dieser Vater sendet seinen eigenen Sohn in die Welt, um uns zu retten.

Liebe Gläubige! Gott im Herzen, Gott vor Augen! Haben wir das Christkind, unseren Erlöser im Herzen und vor Augen! Das ist die echte Weihnachtsfreude, die heute erstmals hell aufstrahlt. Das ist auch das Geheimnis des christlichen Lebens, unseren Kampf hier auf Erden gut zu meistern und zu Ende zu führen… Mitten in den Sorgen und der Trübsal, sorglos und in Gott froh zu sein. Die irdisch gesinnten Menschen mit ihren vergänglichen Freuden, etwa dem Besitz von Geld und Gütern, dem Sinnengenuss und den Vergnügungen werden das nie erleben. Wie viele unserer Zeitgenossen erleben Weihnachten als Verbindung von Schlemmer-Reise und Wellness-Urlaub, sie hungern sich fast zu Tode für den vergänglich-schönen Leib, um dann andererseits sich in der Unmäßigkeit jeder Art und Weise austoben zu dürfen. Diese scheinbaren Freuden sind wie die Kometen, jäh aufleuchtend im Glanz, aber rasch verschwindend und versinkend im Dunkel. Nach solchen Vergnügungen rennt, wer keine echte christliche Freude kennt. Unser Land versinkt heute im gottlosen Neuheidentum. Bestenfalls gibt es da oft noch einen selbst erfundenen Gott nach eigenen Wünschen und Gelüsten. Und Weihnachten ist zu einem Konsumfest der eiskalten Herzen geworden. Wie viele unserer Zeitgenossen kommen zu Weihnachten in eine tiefe Sinnkrise? Wie viele sind verzweifelt, verlassen und allein? Allein in jeder Hinsicht.

Wo finden wir die wahre Freude? In Domino – im Herrn! Weihnachten ist etwas ganz anderes. Weihnachten ist ein Fest, an dem wir das wichtigste historische Ereignis feiern, so wichtig, dass alle Menschen, auch die Feinde der katholischen Religion, dieses Ereignis immer als Zeitenwende bezeichneten. Aber Weihnachten ist noch mehr: Weihnachten ist das Fest der Geburt Christi, des Sohnes Gottes, wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich. Und darüber freuen wir uns inniglich.

Niemals dürfen wir pharisäisch herabblicken auf jene, die diesen Glauben aufgegeben haben, der allein wahrhaft Weihnachten feiern lässt und uns die wahre Freude schenkt. Nehmen wir uns doch den hl. Philipp als ein Vorbild, gegen die Verweltlichung in unserer eigenen Umgebung zu kämpfen. Und sogar an Weihnachten kann ein kleines Lächeln, das aus dem Herzen kommt für einen selber eine fruchtbare Abtötung sein, eine Loslösung vom Egoismus und ein Vorankommen in der Liebe. Und für unseren Nächsten wird es vielleicht das Mittel sein, dass ihn wirksam zu Gott führt, weil es ihm die Wahrhaftigkeit und Schönheit der einzig wahren Religion vor Augen führt.

„Freut euch allezeit im Herrn. Noch einmal sage ich: Freuet euch.“ – Schließen wir mit Worten, mit einer Bitte von unserem Gründer, Erzbischof Lefebvre: „Bitten wir die allerseligste Jungfrau Maria, bitten wir den hl. Josef, bitten wir die Hirten, bitten wir die hl. Engel, die Jesus bei seiner Geburt in Bethlehem umgeben haben und die ihn aus ganzen Herzen begrüßt haben, bitten wir sie, uns dieses Herz zu geben, dass sie hatten, damit auch wir Jesus würdig in unser Herz aufnehmen können,“ - damit auch wir wirklich fröhliche, selige und gnadenbringende Weihnachten feiern können. Amen. (Zitat aus: Predigt in Econe, 25.12.1978)

Quelle: Pater Johannes Regele