St. Josephs-Blatt • Dezember 2018

2018
Quelle: Distrikt Österreich

Aus dem Vorwort des St. Josephs-Blattes / Priorat Wien, von Pater Waldemar Schulz.

Liebe Gläubige,

ein ganz besonders herrliches und herzliches Fest steht vor den Türen unseres Herzens und unserer Seelen, das heilige Weihnachtsfest. Gerade Weihnachten zeigt sich imstande, Herz und Sinn zu erheben und sie zu öffnen für den Glauben an die Liebe, um gleichzeitig die Menschenseele in so mancher Sorge und Betrübnis zu trösten und zu ermutigen, wenn der Mensch nämlich inne wird, dass Gott nahe ist. Allerdings hat der Mensch in unserer Zeit mit ihren technischen, mobilen und digitalen Möglichkeiten es auch nötig, wieder um die Tiefe und Schönheit dieses hochheiligen Festes zu ringen. Die sogenannte „Stille Zeit“ erweist sich längst als ungemeiner Stress, davon bleiben selbst ganz christlich eingestellte Familien nicht verschont. Allüberall Advent- und Weihnachtsmärkte, Geschenke ordern, Advent- und Weihnachtsfeiern in Firmen, an Arbeitsplätzen, Schulen, Kindergärten etc. Dazu wird zu Hause geputzt, gebacken, gebraten und geschmückt; es soll ja auch für Weihnachten schön und reichlich und behaglich werden. Alles recht! Doch besteht die stets noch wachsende Gefahr, einerseits am eigentlichen Inhalt, am hinreißenden Wunder dieses Festes vorbeizuschlittern, wie viele, viele Menschen es bereits tun, die gar nicht mehr wissen, worum es da (ursprünglich) geht und was sie da eigentlich feiern. Nach Untersuchungen und Befragungen können beträchtliche Teile der europäischen Bevölkerung – bezieht man die Anhänger anderer Religionen mit ein, springt der Anteil der um den Festinhalt Unkundigen mitunter bis gegen oder sogar über 50 Prozent – nicht mehr erklären, was den Bedeutungsgehalt von Weihnachten ausmacht bzw. (muß man fast schon sagen) ausgemacht hat. Doch selbst dort, wo noch auf den Kern der Festfeier geschaut wird, geraten die Tage selbst nicht selbst zu einem Desaster, weil Familie, Freunde, Bekannte schon zuvor durch die Vorbereitung und dann durch die diversen Feiern bereits so beansprucht, gestreßt und genervt sind, um nur ja alles optimal, prächtig und wohlig herzurichten, daß harmonische Feierstunden schon im Vorhinein nur schwer zustande kommen können, wenn sie nicht schon regelrecht sabotiert werden. Und da ist noch nicht einmal die Rede von der Besinnlichkeit, Verinnerlichung und der beschaulich-erbaulichen Vertiefung in die Festgeheimnisse, wie sie es eigentlich erfordern.

Doch für uns Christen muß es einen Weg geben, wobei sicher auch eine gewisse Reduzierung der Vorbereitung, des Feiermarathons und der Geschenke-Hysterie erforderlich ist, um das große Geheimnis zu feiern, es zu bewundern, den darin verborgenen Reichtum fürs Innere und die Seele zu bergen und sich das von Vater für uns gewährte Geschenk in unser Denken und Lieben, in unser Herz und unser Gemüt zu schreiben. Wenn dieser Schatz verlorengeht, besteht große Not, dass Herz und Seele Schaden leiden oder sich gar fern von Gott verlieren, denn „wo Dein Schatz ist, da wird auch Dein Herz sein.“ (Mt. 6,21)

Mag Charles Dickens es vielleicht auch etwas anders als wir Katholiken verstanden haben, so schrieb er doch ein schönes Wort, ein Wort mit echtem Lebenswert, wenn wir es gläubig verstehen: „ich will Weihnachten in meinem Herzen tragen und versuchen, es das ganze Jahr über zu bewahren.“ Denn es kommt ja Gott selbst, der ewige Gottessohn, vom Vater gesandt und zwar für uns gesandt. Das ist der eigentliche Schatz des Weihnachtsfestes und der Schatz für uns: Gott kommt, Er wird Mensch, Er nimmt unsere Menschennatur an – und zwar für uns; und so bleibt Er auch für uns und bei uns! Wenn wir Weihnachten wirklich im Herzen tragen, dann tragen wir Gottes Sohn in unserem Herzen und wollen tatsächlich danach trachten, dies das ganze Jahr über zu bewahren, ja alle Jahre darüber hinaus bis hin zum himmlischen Vaterhaus.

In der Tat schenkt uns Weihnachten den Schatz, den wahren und größten Schatz überhaupt, nämlich Unseren Heiland Jesus Christus. Er ist der Schatz schlechthin, Den uns der himmlische Vater bereitet hat, der Schatz unseres Glaubens. Denn das heilige Fest der Geburt des Herrn Jesus ist auch ein vorrangiges Fest des Glaubens! Wir glauben nämlich, daß uns da mit Ihm nicht nur ein großer Mensch, ein unvergleichlicher Gotteskenner, ein Apostel und Verfechter religiöser und sozialer Anliegen, ein Menschfreund gegeben worden ist, sondern „Gott von Gott, Licht vom Lichte, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater: durch Ihn ist alles geschaffen. Für uns Menschen und um unsres Heiles willen ist Er vom Himmel herabgestiegen.“

Weil wir an Weihnachten dieses abgründige Gottesgeheimnis feiern, ist das Fest schon seit alter Zeit ein Hauptfest des christlichen Glaubens gewesen, ein Zentralpunkt unseres Glaubensbekenntnisses, ein Herzstück unter den Feiertagen. Es ist heute auch noch ein ganz besonderer Zeitraum im Kalenderjahr, wenn sich auch die Bindung an den eigentlichen Kern der Advent- und Weihnachtszeit immer mehr verflüchtigt und vielerorts auch die Freude und die Begeisterung für die Weihnachtszeit und die mit ihr seit alters verbundenen Festtage (wie St. Martin, hl. Nikolaus, hl. Stephanus, die hll. Unschuldigen Kinder) kontinuierlich rückläufig sind. Stattdessen tauchen vermehrt Festivitäten und Gedenktage auf (fast an jedem Tag gibt es ja bereits den „Tag irgendeines Gedenkens“), manchmal rein weltlich, manchmal noch an einst christlich angesehene Tage erinnernd (wie der Valentinstag im Februar). Hier und da lassen diese „Feste“ bedenkenlos heidnische Bräuche in unserem ach so aufgeklärten Zeitalter wieder aufleben oder vermischen Christliches und Heidnisches ohne Hemmungen (wenn man nur an Halloween denkt, das man mit teils heidnischen, teils christlichen Elementen hat wiederstehen lassen, das einst natürlich auch christliche Wurzeln besitzt als Abend vor Allerheiligen und Allerseelen – All Hallows‘ Eve, also Allerheiligenabend, ursprünglich daher ähnlich wie Heiligabend – Christmas Eve), wobei der kommerzielle Charakter meist mehr oder weniger deutlich zu Tage tritt.

Es ist kaum zu bestreiten, daß der Wandel im Verständnis des Weihnachtsfestes und der Wechsel zu anderen Festivitäten nicht nur mit schier unersättlichen Hunger der Menschen nach Events und Feten und Erlebnissen zu tun hat, sondern auch mit der inneren Verabschiedung vieler Seelen vom eigentlichen Glaubensinhalt der Weihnachtsfeier. Der Glaube an einen wahrhaften Gott und Gottessohn, Der aus einer Jungfrau geboren zu unserer Erlösung vom Himmel herniederstieg, wird allenfalls noch als schönes, ergreifendes Weihnachtsmärchen vorgelesen. Aber wirklich daran glauben und vor allem sich auch danach richten, ist den allermeisten unserer Zeitgenossen eine geistig nicht mehr zu verarbeitende Anstrengung – dann lieber mit Masken, Lichtern, mit Tanz, Getränk und Hörnern auf dem Kopf längst entchristlichte Sonnenwendfeiern und Halloweens! Aus denselben Gründen fiel es letztlich auch dem Coca-Cola-„Weihnachtsmann“ leicht, den die Firma ab 1931 nach vereinzelten Darstellungen aus dem 19. Jahrhunderts für ihre Produkte und ihre Werbung mit riesigem Erfolg adaptierte, sich St. Nikolaus genauso wie dem Christkind an die Seite zu stellen, ja bald die christlichen Figuren und Symbole zu überflügeln und an den Rand zu drücken. Ganz profan: In vielen Geschäftsauslagen – in Deutschland noch bedeutend stärker als hier in Österreich – findet man reichlich Schokoladen-Weihnachtsmänner, hat aber mitunter richtig Mühe, will man den Kindern noch einen solchen Nikolaus besorgen.

Zusammengefasst heißt es für uns Christen: Nutzen wir Weihnachten zur Besinnung auf unseren Glauben, für das Willkommen des uns gesandten Gotteskindes und für die geistige Freude an Gottes Tun. Lassen wir uns das Wesen des Festes selbst durch den ganzen Aufwand und Stress für eine sicher auch, wenn mit Besonnenheit durchgeführt, angemessene Vorbereitung der äußeren Feier nicht nehmen, sonst gewinnen wir vielleicht Geschenke, Gänse, Schokoladen und Weihnachtsmänner, verlieren aber Weihnachten. Es ist doch Weih-Nacht, die geweihte Nacht, in der uns der Vater im Himmel Sein ganz einzigartiges, größtes, herrlichstes Geschenk gab und gibt, das Er uns überhaupt hat gewähren können – Seinen einzigen göttlichen Sohn, Den wir vielmehr mit festem Glauben, in seliger Hoffnung und treuer Liebe empfangen und bewahren wollen.

Das wünscht Ihnen, liebe Gläubige, herzlichst und mit priesterlichem Segen

Ihr

Pater Waldemar Schulz

Quelle: Gottesdienstordnung • Dezember 2018 • Priorat St. Klemens Maria Hofbauer • Wien