St. Josephs-Blatt • Jänner 2020

02 Januar, 2020
Quelle: Distrikt Österreich

Aus dem Vorwort des St. Josephs-Blattes / Priorat Wien, von Pater Waldemar Schulz.

Liebe Gläubige,

immer wieder ist es sowohl in der Weltgeschichte als auch in der Kirchengeschichte zu beobachten, wie sich große Ereignisse, bedeutende historische Entwicklungen, Marksteine des Weltenlaufes in ihrem Aufbau und gleichermaßen dann wieder in ihrem Abbau lange vorher ankündigen. Sehr häufig können (dessen wird man sich aber oft erst später bewusst) die ersten Impulse, nicht selten sehr schlichte Anfänge, die langsame Ausgestaltung und das weitere Wachstum trotz und in mancherlei Rückschlägen bzw. Hemmnissen wahrgenommen werden, wenn es gelingt, aufmerksam und sachlich, mit Weitsicht und kluger Abwägung die Geschehnisse zu verfolgen und zu bewerten. Dabei wird man feststellen, dass dies stufenweise und allmähliche Fortschreiten von kleinsten Anfängen bis zur Höhe ihren Widerpart auch beim Wiederabgleiten und Zerfallen einer bedeutenden Bewegung erfährt. Je größer, bedeutender und wichtiger, ja dominierender der Impuls ist, je mehr er geistig, politisch, kulturell, religiös, ideologisch Triebkraft hat, desto länger dauert in aller Regel der Aufbau, während es beim Zerfall durchaus auch einmal schnell gehen kann. Die griechischen Reiche und noch mehr das römische Imperium in der Antike sind klassische Beispiele letztlich sogar weltbestimmender Reichsysteme, die – wenigstens im Laufe ihrer jeweiligen Geschichte – nicht nur politisch-militärisch, sondern durchaus auch in den Bereichen der Gesetzgebung, der Wirtschaft, der Kultur, Philosophie, Kunst und nicht zuletzt der Religion – wenn auch lange Zeit heidnisch dominierter Religionen – die Geschichte und das Leben in gesamten Mittelmeerraum und darüber hinaus bestimmten. Das Frankenreich eines Karls des Großen und wiederum noch viel stärker und quasi vollendeter die Entstehung des christlichen Abendlandes unter dem Patronat des Heiligen Römischen Reiches legen ebenso für diesen wellenartigen Fortgang der Welthistorie Zeugnis ab. Auch in der Neuzeit finden wir solche Vorgänge, aber sie werden entsprechend dem Lebensrhythmus des Menschen und der Menschheitsgeschichte immer kurzatmiger, schneller schwingend und bald abgelöst, was man an den Ereignissen des großen Reiches des Sonnenkönigs (Ludwig XIV.) in Frankreich nachverfolgen kann, und dann - stets rascher und kürzer – bei Napoleon, beim Deutschen Kaiserreich mit Reichskanzler Bismarck, bei den diversen „1000-jährigen“ Reichen im 20. Jahrhundert.

Ein ähnliches Bild der Ereignisse findet sich auch in der Kirche wieder. Die ganz schlichten Anfänge bei der Gründung der Kirche durch unseren Heiland, die vielen Nachstellungen und Verfolgungen, die sie aber letztlich nur zum Erstarken und Wachsen beitrugen, bis zum ersten Höhepunkt des kirchlichen Lebens mit den großen Konzilien und den großen Kirchenlehrern im 4./5. Jahrhundert, wenn auch immer dem Leben, Leiden und Opfern des Herrn entsprechend unter mancherlei Kreuzen und Auseinandersetzungen. Zu Beginn des Mittelalters sehen wir trotz zwischenzeitlichem Verfall das weitere Erblühen des Glaubens durch die Missionen unter den Germanen und Slawen, die Geburt einer christlichen Welt im Abendland bis hin zu den Zeiten des Triumphes der Kirche und des Papsttums im Hochmittelalter. Aber auch hier, es scheint menschliches Schicksal zu sein und vom Herrgott in Seinem Weltenplan mit eingeordnet: Wie gewonnen, so zerronnen!

Denn auch dieser Umstand lässt sich bei den großen Formationen und Umorientierungen sowohl universalgeschichtlich wie kirchenhistorisch registrieren, dass der meist kleine, geringfügige und nicht selten als lächerlich und belanglos eingestufte Auftakt einer alsbald tatsächlich bahnbrechenden Entwicklung oder aber eines immensen Zerfalls geradezu im Zentrum, auf der Höhe (oder beim umgekehrten Falle in der Tiefe des Abgrunds) erste Triebe in sich trägt. Im strahlenden Glanz der Machtentfaltung und des Reichtums im Römerreich erkannten Weitblickende bereits die ersten Keime des Zerfalls; im meisterhaft geformten Frankenreich nagten schon bald nach dem Tode Karls des Großen Erbstreitigkeiten an dessen Wurzeln; auf der politisch-militärisch-kulturellen Höhe des Sonnenkönigs in seinem Reiche bohrte sinnlich-irdische Zügellosigkeit die ersten Löcher ins Fundament. Auch im kirchlichen Geschehen war es im Großen und Ganzen gesehen nicht viel anders. Immer, wenn es sehr gut, ja zu gut, zu prächtig, zu mächtig ging, kamen Häresien wie im Altertum, kam Zerfall im frühen Mittelalter, kam im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit kirchliche Revolution und Reformation mit Hus, Luther, Zwingli, Calvin und all‘ den anderen Neuerern.

Aber andererseits darf ebenso wenig übersehen werden, dass aller gute Neubeginn, aller wirklicher Aufbruch, jeder wahre Reformwille die allerersten, in der Regel zunächst nur winzigen, dürftigen und zuerst auch spärlichen Knospen inmitten der Krise sprossen lässt. So erwuchs aus den bereits vor und um 1500 aktiven, wenn auch noch sehr bescheidenen „Bruderschaften der göttlichen Liebe“ die erste für die Erneuerung der Kirche jener Zeit ganz bedeutende Ordensgenossenschaft der Theatiner, die dann mit den Jesuiten und mit einer Reihe im guten Sinn erneuerter Zweige der älteren Orden einen maßgeblichen Beitrag zum Glanzstück katholischer Erneuerungsbewegung mit dem Konzil von Trient und den nachfolgenden Reformen leisteten. Ebenso finden sich schon zurzeit der Blüte des Revolutionszeitalters um 1800 die ersten Ansätze einer katholischen Restauration, die dann – speziell nach dem Sturz Napoleons – in Mitteleuropa einsetzte. Dergleichen Beispiele gibt es eine Reihe, ebenso große und bedeutende wie viele kleinere.

Wenn ich auf diese Ereignisse hinweise, liebe Gläubige, dann nicht zuletzt deshalb, um Ihnen und uns allen Mut zuzurufen. Unsere heutige Zeit ist mindestens in Europa (noch) nicht gekennzeichnet durch eine äußerlich-körperliche Verfolgung, unsere Krise und damit auch unser Kampf ist aber ein ungeheuer vehementer, ein geistig-geistlicher. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um den Glauben, um den Gottesbegriff, um die Kirche, um das Heil. Je mehr die Seele und das Herz gefährdet sind, umso gefährlicher, ja schrecklicher ist die Bedrohung. Und doch! Feiern wir nicht dieses Jahr das 50-jährige Jubiläum des offiziellen Bestehens der Priesterbruderschaft? Und ist sie mit Ihnen, liebe Gläubige – denn ohne Sie geht auch nichts! – trotz all‘ der geistigen Verfolgungen, der Nachstellungen durch Rom (sogar) und den Episkopat und durch viele, viele Theologen, trotz aller furchtbaren Prüfungen, Verluste (an Priestern, Mitgliedern, Gütern, Kirchen …) und Verleumdungen nicht eine solche zunächst winzige, bescheidene, geringgeachtete Knospe für die Bewahrung und den Wiederaufbau in Glaube und Sitte, Kirche und Gesellschaft? Der Herrgott liebt es, aus „Nichts“ etwas zu machen, um das „Hohe“ zu beschämen, damit offenbar werde, dass Er Seine Hände im Spiel hat und letztlich doch geschehen wird, was Er will. Darum wollen wir, liebe Gläubige, dieses Neue Jahr 2020 nicht beginnen, ohne unser festes Vertrauen auf die Gnade und Liebe Unseres Herrn zu erneuern, unsererseits aber Ihm und durch Ihn dem himmlischen Vater unseren beharrlichen Glauben und unsere standhafte Treue zu versprechen, damit es beginne mit Seinem Segen und so ende, dass es kein verlorenes, sondern ein gewonnenes Jahr für die Ewigkeit werde.

Dies wünscht Ihnen, liebe Gläubige, von Herzen

Ihr

P. Waldemar Schulz

Quelle: Gottesdienstordnung • Jänner 2020 • Priorat St. Klemens Maria Hofbauer • Wien