Vom Höfling zum Heiligen - Hl. Thomas Becket

2018
Quelle: Distrikt Österreich

Martyrer für die Freiheit der Kirche

Das Mittelalter kannte einen feierlichen, tief bedeutsamen Brauch. Wenn der König vor allem Volk dem Hochamt beiwohnte, trat ein Priester vor ihn hin, zündete ein kleines Bündel Werg an und sprach in Stille die wenigen, aber inhaltsschweren Worte: „Durchlauchtigster König, so vergeht der Glanz der Welt! …sic transit gloria mundi!“ König und Volk sahen darin eine ernste Mahnung, über den zeitlichen Dingen nicht die ewigen zu vergessen. – Das Schicksal des heiligen Thomas Becket zeigt mit erschreckender Deutlichkeit, wohin ein Staat abgeleitet, wenn er das Symbol des Wergbündels vergißt und sich selbst zur letzten und obersten Autorität erklärt.

Liebe Gläubige, Freunde und Wohltäter!

Im Dezember verehren wir auch den heiligen Thomas Becket (Gedächtnis am 29. XII.). Er verdient es durchaus, in der hochheiligen Weihnachtsoktav erwähnt zu werden, da er einer der größten Männer der Kirche ist, ein Martyrer, so wie Stephanus und die Kinder von Bethlehem. Ähnlich wie der heilige Stephanus war er lange Zeit Erzdiakon; gleich wie die heiligen Unschuldigen Kinder, wurde er im Auftrag des Königs ermordet.

Erzdiakon und Lordkanzler

Seine Eltern stammten aus der Normandie, aber Thomas wurde in London 1118 geboren. Sein Vater, ein wohlhabender Kaufmann, konnte es sich leisten, den begabten Sohn auf die Schulen von Paris, Bologna und Auxerre zu schicken. Hier studierte Thomas weltliches und kirchliches Recht.

Der Erzbischof Theobald von Canterbury machte den klugen jungen Mann zu seinem Sekretär. Während dieser Zeit schon entsandte er den geschickten Verhandler als Legaten nach Rom. Auf der Reformsynode von Reims (1148) traf Thomas mit dem heiligen Bernhard von Clairvaux, der größten Persönlichkeit des damaligen Europas, zusammen.

Später (1154) wurde er Erzdiakon von Canterbury und damit Repräsentant des höchsten kirchlichen Gerichts von England und Verwalter der Diözese.

Doch sollte Thomas auf dieser erstaunlichen Erfolgsleiter noch eine Stufe höher steigen. Denn sogar der König von England, Heinrich II., hat die Freundschaft dieses großen Mannes gesucht. Und Thomas war wirklich groß – nicht nur im übertragenen, sondern auch im rein physischen Sinn war er ein Riese. König Heinrich ernannte Thomas Becket zu seinem Lordkanzler. Von da an waren der König und Becket unzertrennlich. Mit seiner Stellung als höchster Beamter des Landes hatte Becket auch das Großsiegel in den Händen und damit alle Gewalt nächst dem König. Er stellte seine genialen Fähigkeiten, seinen politischen Scharfsinn und sein diplomatisches Geschick in den Dienst Englands.

Thomas führte das Leben eines fürstlichen Weltmannes. Sein Haus stand in so hohem gesellschaftlichem Ansehen, daß der König ihm den Thronfolger zur Erziehung anvertraute. Becket machte im Auftrag Heinrichs diplomatische Reisen. Er pflegte sogar mit eigenen Truppen zu Felde zu ziehen, die er persönlich anführte, wobei er großen Mut bewies. Nach dem Kriege verstand er es, dem König die jeweils besten Friedensbedingungen zu sichern. Kurzum, Becket war dem König unentbehrlich.

Ein treuer Diener Gottes

Aber dann kam der Augenblick, an dem die Gnade aus dem Politiker Becket einen treuen Diener Gottes machte. Thomas begann über seine bisherige Lebensführung nachzudenken. Er wandte sich nun dem Gebete und der Buße zu. Man hat von ihm gesagt, daß er von Natur kein guter Mensch war, daß er vielmehr erst lernte, was einem Gottesdiener zu tun aufgetragen ist, und dann hinging und es tat.

Die erste Ursache zu diesem Wandel soll ein Buch des Johannes von Salisbury gewesen sein, das scharfe Kritik an den Zuständen am englischen Hof übte. – Ähnlich bleibt es auch für uns wichtig, Bücher zu lesen, die sich kritisch mit der heutigen Zeit, mit dem modernen Zeitgeist auseinandersetzen.

Inzwischen suchte der König einen neuen Mann für den Posten des Erzbischofs von Canterbury und Primas von England. Er schlug Becket vor, weil er meinte, in Becket ein willfähriges Werkzeug für die Reichspolitik zu haben. Thomas aber zögerte und sagte dem König: „Sollte das geschehen, so würde sich die Liebe, die Ihr jetzt zu mir hegt, in bitteren Haß verwandeln; denn Ihr würdet von mir manches verlangen, das ich nicht ruhig ertragen könnte.“

Aber auf Wunsch des Königs wählte das Domkapitel doch Thomas. Er wurde 1162 zum Priester und zum Bischof geweiht. Allerdings zur Verblüffung des Königs legte er gleichzeitig sein Kanzleramt nieder. Denn Thomas war fest entschlossen, ein guter Bischof zu werden.

Sofort fiel die völlige Änderung seiner Lebensgewohnheiten auf. Er pflegte fortan in aller Frühe aufzustehen, nahm am Chorgebet der Mönche teil, trug statt der eleganten Weltkleider die lange schwarze Kutte, hörte bei den Mahlzeiten fromme Lesungen und teilte freigebig Almosen aus.

Thomas richtete sein Gewissen konsequent nach der Lehre der Kirche und scheute sich nicht, sich unbeliebt zu machen. Er stellte die damals üblichen Plünderungen von Kirchen und Klöstern unter schwere Strafen und forderte von den Baronen das gestohlene Kirchengut zurück. Den Abt eines Augustinerklosters, der ein sündiges und üppiges Weltleben führte, machte er sich zum Feind, indem er ihn streng zur Ordnung rief.

Die Rechte der Kirche verteidigen

Er mußte auch die Rechte der Kirche gegen den Staat verteidigen. Thomas Becket stellte sich kraft seiner Würde als Erzbischof den Bestrebungen Heinrichs II. offen entgegen. Der König wollte nämlich aus der Kirche in England eine Nationalkirche machen. Seit die Normannen, gestützt auf ihr scharfes Schwert, in England regierten, war das frühere gute Verhältnis zwischen Staat und Kirche in England empfindlich getrübt. Hochmütig und grausam verkündeten die normannischen Könige das Recht der Gewalt auch über die Kirche, rissen die kirchlichen Stiftungen an sich, bevormundeten Bischöfe und Äbte und maßten sich auch die geistliche Gerichtsbarkeit an. Heinrich II. suchte dasselbe Ziel mehr auf listigen Umwegen als durch rohe Gewalt zu erreichen. In der Grundidee, daß die Kirche sich unter das Joch des Staates zu beugen habe, war er mit seinen Vorgängern durchaus einig.

Da der König merkte, daß er mit der Willfährigkeit des Primas nicht rechnen kann, trachtete er, ihn zu beseitigen. (Auf dem Reichstag zu Clarendon im Jahr 1164 kam der Gegensatz zwischen Staat und Kirche zu offenem Ausbruch. Der Erzbischof weigerte sich entschieden, die sogenannten Königlichen Sonderrechte zu beschwören, die die Kirche zur Magd des Staates herabwürdigten. Der König stieß heftige Drohungen gegen ihn aus. – Der Gerichtstag von North­ampton, auf dem er mit riesigen Geldstrafen belegt und tätlich angegriffen wurde, überzeugte jedoch den Erzbischof, daß man ihn beseitigen wolle.) Man stellte Thomas vor Gericht, weil er sich dem staatlichen Gesetz widersetzte. Die übrigen Bischöfe waren ängstlich und ließen ihren Erzbischof im Stich, indem sie das ungerechtfertigte Urteil des Königs billigten.

Somit war sich Thomas seines Lebens nicht mehr sicher, und mußte das Land heimlich in Verkleidung verlassen. Er flüchtete nach Flandern und wurde im Zisterzienserkloster Pontigny aufgenommen. Von dort setzte er seinen Kampf um die Freiheit der Kirche in England fort. Sonst lebte er aber als einfacher Klosterbruder, mit den niedrigsten Arbeiten beschäftigt, und das jahrelang.

Aber auch hierher verfolgte ihn die Rachsucht des Königs. Er beschlagnahmte Beckets Vermögen, verbannte dessen Freunde, Verwandte und Dienstleute. Der französische König Ludwig versuchte, eine Versöhnung zwischen Heinrich II. und Thomas Becket zu vermitteln. Erstaunlicherweise gab König Heinrich II. nach einer gewissen Zeit auch scheinbar nach. So konnte der Primas von England, Thomas Becket, nach sechsjähriger Verbannung nach Canterbury zurückkehren. Er wurde dabei von der Geistlichkeit wie auch vom Volk umjubelt. Aber Thomas sah tiefer, noch eher er den Kontinent verlassen hatte, sagte er zu einem Freund: „Ich gehe nach England, um zu sterben.“

Für den Namen Jesu und für die Kirche

Der Erzbischof geriet nach seiner Rückkehr in einen Wirbel von Freundschaftsbezeugungen und offener Feindschaft. Als man dem König berichtete, daß Thomas weiter auf den Rechten der Kirche besteht, soll Heinrich ausgerufen haben: „Habe ich nur Feiglinge in meinem Königreich? Gibt es niemanden, der mir diesen unruhigen Priester vom Halse schafft?“ Vier Ritter verließen daraufhin schweigend die Halle und begaben sich heimlich nach Canterbury.

Am Weihnachtstage des gleichen Jahres, 1170, hielt der Erzbischof in seiner Kathedrale ein feierliches Pontifikalamt. In der Predigt sagte er zu seinen Gläubigen, Gott werde ihnen bald einen neuen Martyrer schenken.

Vier Tage später am 29. Dezember 1170 wurde Thomas Becket, als die Glocken zu Vesper läuteten, von den vier Rittern, die mit Gewalt eingedrungen waren, in seiner Kathedrale mit Schwertern erschlagen.

Das Römische Brevier berichtet: Einige gottlose Hofleute … überfielen den Bischof, welcher in Kirche der Vesperandacht beiwohnte. Als die Geistlichen die Türen der Kirche verschließen wollten, trat er zu ihnen, öffnete selbst die Türen und sprach zu den Seinigen: „Die Kirche Gottes darf nicht wie ein Militärlager verteidigt und geschützt werden, ich will herzlich gerne für die Kirche Gottes den Tod erdulden.“ Hierauf redete er die Soldaten so an: „Ich befehle es euch im Namen Gottes, nehmet euch wohl in Acht, daß ihr keinem der Meinigen einen Schaden zufügt!“ Nun warf er sich nieder auf seine Knie und empfahl Gott, der allerseligsten Jungfrau Maria, dem heiligen Dionysius und den übrigen heiligen Patronen seiner Kirche, die Kirche Gottes und seine Seele und bot sodann sein Haupt dem gottlosen Schwerte dar mit derselben Standhaftigkeit, mit welcher er auch den Gesetzen des ungerechtesten Königs widerstanden hatte, am 29. Dezember 1170, und das ganze Kirchenpflaster ward mit dem Blute dieses Zeugen überronnen.

„Ich nehme den Tod an für den Namen Jesu und für die Kirche“, waren die letzten Worte des Erzbischofs.

Als einer der Mörder nach der Untat im Weggehen triumphierend meinte: „Der steht nicht mehr auf!“, hat er sich, wie alle Rohen und Verblendeten dieser Welt, geirrt.

Der Gemarterte siegte

Was Thomas zu seinen Lebzeiten nicht gelungen war, erreichte er nach seinem Tode: die kirchenfeindliche Konstitution wurde widerrufen! König Heinrich tat bald nach dem grausamen Mord öffentliche Buße und ließ sich an Beckets Grab von Mönchen geißeln. – Welcher von den heutigen (christlichen) Politikern wäre fähig, seine Fehler so schnell einzusehen und dann noch öffentliche Buße zu tun?!

Die Kirche in England wurde durch Thomas’ Martyrium stärker als zuvor. Die Tyrannei des absolutistischen Königtums wurde durch die christliche Milde und Treue gebrochen.

Der Ermordete lebte mächtiger denn je. An seinem Grab geschahen große Wunder, besonders wunderbare Heilungen. Man nannte deshalb den neuen Heiligen den „Arzt von Canterbury“.

Wenige Tage nach seinem Tod schon wurde sein Name im ganzen Abendland verehrt und angerufen. Selbst in Sizilien und Palästina weihte man ihm Kirchen und Altäre. Keine drei Jahre nach der Ermordung (1173) wurde Thomas   Becket als Martyrer durch Papst Alexander III. heilig gesprochen. Die Wallfahrt nach Canterbury wurde eine der berühmtesten der Christenheit. Selbst Kaiser und Könige knieten und opferten am Sarkophag des heiligen Thomas.

Über Becket ist von den Zeitgenossen mehr erzählt und geschrieben worden als über irgendeinen anderen Menschen des frühen Mittelalters. Bis in die neueste Zeit beschäftigen sich Historiker, Theologen, Politiker und Dichter mit dieser Persönlichkeit. (Noch im 20. Jahrhundert sind zwei viel beachtete Bühnenwerke erschienen. T. S. Eliot behandelt in seinem Mysterienspiel „Mord im Dom“ das Phänomen des Heiligen, während Jean Anouilh in seinem Schauspiel „Becket oder die Ehre Gottes“ sich mehr der politischen Seite des großen Erzbischofs zuwendet.)

Die Freiheit der Kirche lieben

Der große Benediktinerabt Dom Prosper Guéranger faßt die Bedeutung Beckets treffend zusammen: „Er steht in den vordersten Reihe der Martyrerlegion… Dieser glorreiche Martyrer hat sein Blut nicht [direkt] für den Glauben vergossen, er wurde nicht vor die Richterstühle der Heiden und Abgefallenen geführt, um die von Christus offenbarten und von der Kirche verkündeten Glaubenslehren zu bekennen. Christliche Hände haben ihn geschlachtet; ein katholischer König hat sein Todesurteil gefällt und in seinem eigenen Land wurde er von der Mehrzahl seiner Brüder preisgegeben und verwünscht. Wie nun ist er Martyrer geworden? Das geschah dadurch, daß er Martyrer für die Freiheit der Kirche gewesen ist.

Die Kirche hält den schönen Satz des heiligen Anselmus, eines Vorgängers des heiligen Thomas Becket, hoch, daß nämlich Gott in dieser Welt nichts so sehr liebt, als die Freiheit Seiner Kirche; und im 19. Jahrhundert verkündet der Heilige Stuhl durch den Mund Pius’ VIII., wie ehedem durch den Mund des heiligen Gregor VII.: ‚Kraft göttlicher Einsetzung ist die Kirche, die reine Braut des makellosen Lammes Jesus Christi, frei und keiner irdischen Gewalt unterworfen.‘

Die Freiheit der Kirche bildet die Schutzwehr des eigentlichen Heiligtums; jede Verletzung derselben würde zur Hierarchie Bresche legen und vielleicht selbst den Glauben bloßstellen.

Der Hirte darf nicht fliehen wie der Mietling; er darf auch nicht schweigen wie die stummen Hunde, von denen Isaias spricht (Is 56,10).

Möge der heilige Thomas bis ans Ende der Zeiten der Schrecken aller derer sein, welche die Freiheit der Kirche bedrohen, und nicht minder die Hoffnung und der Trost derjenigen, welche diese von Christus mit Seinem Blute erkaufte Freiheit lieben.“

Liebe Gläubige, mögen wir vom heiligen Thomas Becket lernen den guten Kampf zu kämpfen – wenn notwendig bis zur Vergießung des Blutes, oder – was viele schwerer finden – bis zur „Vergießung“ des eigenen guten Rufes, indem wir ruhig ertragen, von anderen ungerecht angeklagt, mißachtet oder verleumdet zu werden.

Mit priesterlichem Segensgruß

Pater Jaromír Kučírek

Innsbruck, 1. XII. 2017

Quelle: Gottesdienstordnung  • Advent 2017 u. Weihnachtzeit • Priorat Maria Hilf • Innsbruck