Vor 100 Jahren: Modernistischer Einfluss auf die Katholiken

06. Juli 2022
Quelle: Distrikt Österreich

Vor hundert Jahren, am 23. Mai 1922, veröffentlichte der US-amerikanische protestantische Theologe Harry Emerson Fosdick (1878–1969) seinen bis heute einflussreichen Text „Shall the Fundamentalists Win?“ (Sollend die Fundamentalisten gewinnen?).

Dieser ursprünglich als Predigt vorgetragene Text gilt als modernistische Kampfschrift, die einen bis heute andauernden Kulturkampf im US-amerikanischen Protestantismus zwischen „liberalen“ und „fundamentalistischen“ Gruppen befeuerte.

Man kann sagen, dass der ursprünglich von Evangelikalen positiv verstandene Begriff des „Fundamentalismus“ – eine Besinnung auf die Grundlagen des Protestantismus – von Fosdick zum Kampfbegriff gegen ein dogmatisches Christentum umgeprägt wurde.

O-Ton von Fosdick: „Jeder von uns hat sicher schon von den Leuten gehört, die sich Fundamentalisten nennen. Ihre offensichtliche Absicht ist es, Männer und Frauen mit liberalen Ansichten aus den evangelikalen Kirchen zu vertreiben. Ich spreche umso freimütiger von ihnen, als es keine zwei Konfessionen gibt, die mehr von ihnen betroffen sind als die Baptisten und die Presbyterianer. Wir sollten die Fundamentalisten nicht mit den Konservativen gleichsetzen. Alle Fundamentalisten sind konservativ, aber nicht alle Konservativen sind Fundamentalisten. Die besten Konservativen können den Liberalen oft Lektionen in wahrer Liberalität des Geistes erteilen, aber das Programm der Fundamentalisten ist im Wesentlichen illiberal und intolerant.“

Wer war dieser protestantische Prediger, der traditionstreuen Katholiken unbekannt sein dürfte?  Dabei hatte er indirekt großen Einfluss auf breite katholische Kreise.

Fosdick wurde 1878 im Bundesstaat New York geboren und wurde schon in jungen Jahren baptistisch getauft. Durch eine Glaubenskrise rang er sich, obwohl zum protestantischen Geistlichen bestellt, zu einem „undogmatischen Christentum“ durch.  Sein Leben lang weigerte er sich das „Apostolische Glaubensbekenntnis“ zu sprechen. Die körperliche Auferstehung, die jungfräuliche Geburt, das Gericht am Ende der Zeiten waren für ihn nur symbolhaft zu verstehen. Das ist die Grundbotschaft des oben genannten Textes.

Sein Christentum war „praktisch“ und ohne Dogmen. Im Glauben ginge es um „deeds“, nicht „creeds“, also um soziale Verpflichtungen, nicht religiöse Inhalte.

Der Angriff gegen den Fundamentalismus führte zu einem Konflikt mit dem konfessionellen Christentum seiner Herkunft. Fosdick offenbarte sich als lupenreiner Rationalist und die von Pius X. stammende Beschreibung des Modernismus lässt sich leicht – mutatis mutandis – auf ihn anwenden. Fosdick nannte sich mit Stolz einen „Häretiker“.

Seine Predigt gab zwar eine „religiöse“ Sprache nicht auf, wendete sie aber auf die horizontale Ebene. Das kam bei Millionen von Amerikanern gut an. Der protestantische Fiduzialglaube steht ja immer schon in einer Spannung zum Festhalten dogmatischer Inhalte. Eine Religion für das Industriezeitalter und den neuen Wohlstand emergierte.

Der Industrielle und Multimillionär John D. Rockefeller machte sich das „Evangelium nach Fosdick“ zu eigen und bestellte ihn de facto zu seinem persönlichen Seelsorger. Er versprach ihm die Errichtung einer eigenen „Gemeinde“. Rockefeller steckte ein Millionen-Vermögen in die Errichtung eines riesigen Kirchenbaus in der Nähe der Columbia-Universität in New York, in die nach der angrenzenden Straße benannte Riverside Church. Sechs Jahre dauerte die Errichtung dieses „nicht-konfessionellen“ Predigt- und Betsaales, für den die Architekten Maß an den gotischen Kathedralen von Chartres und Laon nahmen. Diese „gotische Hybris“ ist ein Bild für die hier gepredigte neue Lehre. Die kühn angebrachten Strebepfeiler und mittelalterlichen Formen können das Gebäude nicht halten; das muss ein moderner Stahlkern leisten.

Der mittelalterlich anmutende Komplex, der heute als Touristenattraktion gilt, umfasst auch eine Schule, eine Turnhalle, einen Tanzsaal und einen 22-stöckigem Glockenturm. Fosdick predigte hier sechszehn Jahre lang vor 3.000 Sitzplätzen aber ein „Evangelium“ ohne jeden dogmatischen Anspruch. Es entstand eine progressive, zeitgeistaffine und ausdrücklich „überkonfessionelle“ Gemeinde, die sich aber nicht scheute, liturgische und künstlerische Versatzstücke aus der Geschichte des Christentums zu übernehmen. Sie pflegte höchst unterschiedliche „Gottesdienstformen“.

Als Prediger und Professor für praktische Theologie am Union Theological Seminary war Fosdick ein Exponent des „sozialen Evangeliums“ und der Rezeption von modernen psychologischen und psychiatrischen Erkenntnissen“ in der Pastoral.

Das Evangelium müsse „eine Quelle einer besseren sozialen Ordnung“ werden. Martin Luther King über das Anliegen Fosdicks: „Jede Religion, die vorgibt, sich um die Seelen der Menschen zu kümmern, sich aber nicht für die Slums, die sie verdammen, die Stadtverwaltung, die sie korrumpiert, und die Wirtschaftsordnung, die sie verkrüppelt, interessiert, ist eine trockene, passive Nichtstun-Religion, die neues Blut braucht.“

Fosdick sah sich als Vorkämpfer eines interkonfessionellen und pluralen Glaubens. Großen Einfluss übte er auf die Bürgerrechtsbewegung und deren Exponenten Martin Luther King aus, der Fosdick häufig als Autorität zitierte und sogar als „größten Prediger des Jahrhunderts“ lobte. Fosdicks Rundfunkansprachen erreichten Millionen Menschen, wahrscheinlich mehr als die Predigten von Erzbischof Fulton Sheen.

Durch die protestantische Mehrheitskultur wurde der dogmatische „Liberalismus“ nach dem II. Vatikanum auch in der katholischen Kirche der USA von breiten Kreisen übernommen. Der Ökumenismus förderte diese Geisteshaltung.

Fosdick starb 1969 in New York.