Vorwort: 50 Jahre Neue Messe - Erneuerung oder Verwüstung?

2019
Quelle: Distrikt Österreich

Vorwort des Distriktsoberen aus dem Mitteilungsblatt • Distrikt Österreich • April 2019

50 Jahre Neue Messe - Erneuerung oder Verwüstung?

Liebe Freunde und Wohltäter!

Am 3. April 1969 promulgierte Papst Paul VI. den Novus Ordo Missae, die Neue Messordnung (kurz Neue Messe genannt). Dieser schicksalshafte Tag leitete in der katholischen Kirche eine epochale Wende ein. Denn der Papst veränderte mit einem Schlag radikal das Antlitz der Kirche, das vornehmlich in der hl. Liturgie aufleuchtet. Das unerhört Neue der Neuen Messe konnte keinem Gottesdienstbesucher entgehen. Die gemeinsame Ausrichtung auf Gott in der Darbringung des hochheiligen Messopfers wurde ersetzt durch das Gegenüber von Priester und Volk am „Tisch“, um das „Herrenmahl“ zu begehen. Die feierlichen Zeremonien, die bis ins Detail Ehrfurcht, Sakralität und Mystik atmeten und als Einbruch des Himmlischen in diese Zeitlichkeit wahrgenommen wurden, wichen einer kühlen und nüchternen Einfachheit, die an ein weltliches Happening in einer Mehrzweckhalle erinnerte. Statt Gott stand plötzlich der Mensch im Mittelpunkt. Gottesverehrung oder Menschenkult? Das war die bange Frage, die sich Unzählige mit Entsetzen stellten. Man sprach vom einem „Supergau“, der unweigerlich zur Verwüstung führen musste. Haben sich die dramatischen Befürchtungen damaliger besorgter Zeitgenossen bewahrheitet? Natürlich ist die Fragestellung äußerst komplex und emotionsgeladen. Doch der zeitliche Abstand von nunmehr 50 Jahren erleichtert eine ruhige und sachliche Auseinandersetzung. Und diese ist notwendig, denn es geht letztlich um Sein oder Nichtsein der Kirche. Wir beschränken uns hier auf die wesentlichen Kritikpunkte, die seit 50 Jahren immer wieder vorgebracht wurden. Zu späteren Gelegenheiten sollen diese dann vertieft und ergänzt werden. Es sind sowohl liturgische, dogmatische wie auch pastorale Gründe, die bei einer Beurteilung der Neuen Messe vorgebracht werden müssen:

1) Liturgische Gründe
Die Entstehungsweise der neuen Liturgie –  es handelt sich um eine „Neuschöpfung am grünen Tisch“ – widerspricht diametral den Gesetzen der Entwicklung der Liturgie. Noch nie gab es im Verlauf der Kirchengeschichte eine „Liturgie-Fabrikation am Fließband“ [1]. Jeder Ritus ist „unter Eingebung des Heiligen Geistes entstanden, der immerdar der Kirche beisteht bis zur Vollendung der Zeiten“ [2] und hat sich im Verlauf der Jahrhunderte organisch entfaltet: „Die Kirche ist ohne Zweifel ein lebendiger Organismus; deshalb wächst sie und entfaltet sie sich auch im Bereich ihrer heiligen Liturgie und passt sich den zeitbedingten Notwendigkeiten und Umständen an, immer jedoch unter Wahrung der Unversehrtheit ihrer Lehre.“ [3]

Das II. Vatikanische Konzil warnte noch vor revolutionären Forderungen einer komplett neuen Liturgie: „Schließlich sollen keine Neuerungen eingeführt werden, es sei denn, ein wirklicher und sicher zu erhoffender Nutzen der Kirche verlange es. Dabei ist Sorge zu tragen, dass die neuen Formen aus den schon bestehenden gewissermaßen organisch herauswachsen.“ [4]

Doch diese Warnung wurde in den Wind geschlagen, wie Kardinal Ratzinger 1989 schonungslos darlegte: „Was nach dem Konzil weithin geschehen ist, bedeutet etwas ganz anderes: An die Stelle der gewordenen Liturgie hat man die gemachte Liturgie gesetzt. Man ist aus dem lebendigen Prozess des Wachsens und Werdens heraus umgestiegen in das Machen. Man wollte nicht mehr das organische Werden und Reifen des durch die Jahrhunderte hin Lebendigen fortführen, sondern setzte an dessen Stelle – nach dem Muster technischer Produktion – das Machen, das platte Produkt des Augenblicks. Dieser Verfälschung hat sich Gamber mit der Wachheit eines wirklich Sehenden und mit der Unerschrockenheit eines rechten Zeugen entgegengestellt. ... Die liturgische Reform hat sich in ihrer konkreten Ausführung von diesem Ursprung (dem innersten Wesen der Liturgie) immer mehr entfernt. Das Ergebnis ist nicht Wiederbelebung, sondern Verwüstung.“ [5]

2) Dogmatische Gründe
„Der Haupteinwand gegen den Ordo Missae Pauls VI. ist seine Unzulänglichkeit in Bezug auf die Wiedergabe des katholischen Glaubens“ [6]

Die Kardinäle Ottaviani und Bacci brandmarken in ihrer Kritik der Neuen Messe „ein auffallendes Abrücken von der katholischen Theologie der heiligen Messe“ (s. u.). Der Novus Ordo Missae sei „so beschaffen, dass er in vielen Punkten die liberalsten Protestanten zufriedenzustellen vermag.“ – „(Hier) will man mit der gesamten Theologie der Messe ‚tabula rasa’ machen. Im Grunde nähert man sich hier der protestantischen Theologie, die das Messopfer zerstört hat.“ [7]

3) Pastorale Gründe
Bereits 1969 beklagen die Kardinäle Ottaviani und Bacci die verheerenden pastoralen Schäden der Liturgiereform. Sie führte „zur totalen Verwirrung der Gläubigen; diesen merkt man bereits an, dass sie die Änderungen nicht mehr ertragen können und an der Glaubenssubstanz unzweifelhaft Schaden leiden. Unter den Besten des Klerus zeigt sich dies in einer quälenden Gewissenskrise, wofür uns täglich zahlreiche Zeugnisse zugehen.“

Die von Mgr. Lefebvre geprägte Formel: „Die neue Messe kommt aus der Häresie und führt in die Häresie“ hat sich in den vergangenen 50 Jahren aufs Bitterste bestätigt. Die meisten Katholiken haben den Glauben verloren und haben keine Ahnung von der hl. Messe, vom Geist der Anbetung und des Opfers. Gemäß einer Umfrage anlässlich des „Kirchentages“ in München 2010 gaben mehr als 90 % der praktizierenden Katholiken an, für sie gäbe es keinen Unterschied zwischen katholischer Messe und protestantischem Abendmahl. – Die verheerende Glaubenskrise äußert sich auch im unaufhaltbaren Rückgang des sonntäglichen Gottesdienstbesuches. In Wien besuchen nur noch 3 % der Katholiken regelmäßig die Sonntagsmesse, in Frankreich gar nur noch 1,8 %!

Opfer oder Mahl?
Die von Kardinal Ratzinger erwähnte Verwüstung drang leider bis in den innersten Kern des Christseins ein, der in der Nachfolge Christi besteht und vom hl. Paulus wunderschön beschrieben wird: „Ich will Ihn kennenlernen sowie die Gemeinschaft mit seinem Leiden und die Macht seiner Auferstehung“ (Phil 3).

Seit Jahrzehnten konnte man den Versuch moderner Theologen beobachten, alles was an Kreuz und Opfer erinnert, zu unterdrücken und gleichfalls auch aus der Liturgie zu eliminieren. Papst Pius XII. sah mit Besorgnis diese Entwicklung und wollte ihr energisch entgegenwirken: „Da aber sein bitteres Leiden das eigentliche Geheimnis ist, aus dem unser Heil erwächst, entspricht es ganz dem katholischen Glaubensgeist, jenes Leiden in volles Licht zu rücken, ist es doch auch das Kernstück unserer Gottesverehrung, sofern das eucharistische Opfer es täglich vergegenwärtigt und erneuert, und alle Sakramente in engstem Zusammenhang mit dem Kreuz stehen.“

Die Warnungen des weisen Papstes wurden leider in den Wind geschlagen, es kam eine neue Messe, die ihres Wesenskerns entbehrte: Je nachdem, wie sie gelesen wird, ist der Opfergedanke fast oder ganz ausgelöscht. Das war wirklich das Schlimmste, das passieren konnte – gerade in der heutigen Zeit, die sich als „Spaßgesellschaft“ und „Wellness-Kirche“ definiert. Wie soll der Christ sein tägliches Kreuz tragen, die Schwierigkeiten des Lebens meistern und dann noch ein tugendhaftes Leben führen, wenn sein Opfergeist in der hl. Messe keine Belebung und Nahrung mehr findet? Wie sollen insbesondere Priester und Ordensleute die Opfergabe ihres abgetöteten Lebens darbringen, wenn sie sich nicht täglich mit dem göttlichen Opferlamm vereinigen, um sich für die Ehre Gottes und die Rettung der Seelen hinzugeben? Darf man sich da über die Identitätskrise und das Absterben des gottgeweihten Lebens noch wundern? Der heutige erschütternde Zusammenbruch in der Kirche – bis hin zu all den furchtbaren Skandalen – findet er nicht seine tiefste Ursache in der liturgischen Verwüstung?

Geheimnis der Passion und der Auferstehung
Lieben wir unsere traditionelle Liturgie, die allein in der Lage sein wird, auf den Ruinen des Zerfalls wieder eine christliche Zivilisation hervorzubringen! Lieben wir es, uns mit dem geopferten Jesus uns zu vereinigen, all unsere Sorgen Ihm zu übergeben, damit auch wir die Macht der Auferstehung in uns erfahren. Sterben und Auferstehen mit Christus ist der Inbegriff des christlichen Lebens, auch der hl. Messe. Wer sich mit Ihm opfert, wird sich aufs Innigste mit seiner Auferstehung verbinden. In der hl. Kommunion empfangen wir den verklärten Heiland in seiner verborgenen Herrlichkeit, der uns mit seiner Freude, seiner Kraft und wahrem himmlischen Trost erfüllt.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gnadenreiche Passionszeit und frohe, gesegnete Ostern!

Ihr

Pater Stefan Frey

[1]    Klaus Gamber, Ritus modernus, S. 63ff; Fragen an die Zeit, Pustet 1989, S. 94-108.
[2]    Pius XII., Mediator Dei, Mensch und Gemeinschaft in christlicher Schau, Nr. 268.
[3]    ebd. 259; siehe auch: Michael Fiedrowicz, Die überlieferte Messe, Carthusianus Verlag 2011, S. 54-67.
[4]    Vatikanum II, Sacrosanctum Concilium, Nr. 23.
[5]    Kard. Ratzinger, in der Gedenkschrift für Klaus Gamber, Simandron – der Wachklopfer von W. Nyssen, 1989.
[6]    Georg May, Die alte und die neue Messe.
[7]    Zitate aus: Kurze kritische Untersuchung des neuen Ordo Missae, S. 3, 7, 5.

Quelle: Mitteilungsblatt • Distrikt Österreich • April 2019