Vorwort: Digitale Medien – Die unterschätzte Pandemie

01. September 2020
Quelle: Distrikt Österreich
Der hl. Don Bosco bei der Primiz seines Schülers und späteren Nachfolgers, des hl. Don Rua.

Liebe Freunde und Wohltäter,

„Bitte nur in ganz verantwortlicher Weise“ – Fahrlässig und naiv?

„Sie können Pubertierenden, die gerade anfangen, in alle möglichen Dinge sich einzurenken und einzufühlen, nicht sagen, benutz‘ Dein Smartphone aber bitte nur in ganz verantwortlicher Weise. Wir wissen doch, wie wir Menschen uns verhalten, und Sex and Crime ist nach wie vor der Hauptinhalt des Internet. Kein 14-Jähriger wird da nicht herangehen und hingucken wollen, 14-Jährige sind so, genauso wie Dreijährige, die Süßes mögen. Das ist unsere Biologie, die ist so. Eine große Blikk-Studie aus dem letzten Jahr, von deutschen Kinderärzten an 6000 Personen gemacht, hat ergeben, dass die 13-Jährigen sich durch das Smartphone überfordert fühlen und dass sie die Kontrolle darüber verlieren, weil das Smartphone suchterzeugende Eigenschaften hat. In Korea gibt es über 30 Prozent Süchtige, wir sind bei acht Prozent. Da können wir nicht sagen, geh verantwortungsvoll damit um!“ [1]

Der Umgang mit digitalen Medien ist in den vergangenen Jahren zu einem Riesenproblem geworden, das sich pandemieartig ausbreitet. Nach einer vor zwei Jahren veröffentlichten Studie der DAK und des Hamburger Uni-Klinikums verbringen die 12- bis 17-Jährigen im Schnitt fünf Stunden allein mit WhatsApp, Facebook, Instagram und anderen sogenannten sozialen Medien. Die Nutzungszeiten für Computerspiele etc. kommen noch hinzu. Insgesamt wenden die Jugendlichen für die Nutzung von Massenmedien acht Stunden pro Tag auf! [2]

„Kultur des gesenkten Blicks“

Studien belegen, dass dieser Dauerkonsum zu Krankheiten und Süchten führt. Jugendpsychologen und -psychiater bestätigen, dass die Internetsucht heute die häufigste Krankheit ist, mit der sie in ihren Praxen zu tun haben. Häufig geht sie mit anderen Krankheiten einher: Pornographiesucht, krankhaftes Übergewicht, Angstneurosen. Letztere bilden ein neues Phänomen, das man Nomophobie nennt. Gemeint ist damit die Angst ohne Handy zu sein. An dieser Angst leiden nach einer PISA-Studie 41 Prozent der sogenannten Digital Natives, also jener Generation, die mit Online-Geräten aufgewachsen ist. Auch ohne Sucht sind die Folgen gravierend. Viele leiden unter Konzentrationsmangel, Schulleistungen sinken, ganz elementare Fähigkeiten wie das Lesen leiden darunter. Die sozialen Fähigkeiten bleiben auf der Strecke.

Und wenn es nicht so weit kommt: Wie viele vergeuden ihre so kostbare Zeit, plätschern an der Oberfläche der Dinge dahin, vernachlässigen ihre Pflichten, lesen nie ein gutes Buch, beschäftigen sich nicht mit dem Glauben, können nicht recht beten, nur weil ihr „Kästchen“ sie ständig in Beschlag nimmt.

Ansteckungsgefahr

Wer könnte abstreiten, gegen diese neuartige Pandemie immun zu sein? Leider ist sie auch in unseren Kreisen längst schon angekommen. Da ist der Vater, der, wenn er zum Essen kommt, gleich sein Handy zückt. Wie der Vater, so der Sohn. In der Freizeit sitzt er in einer Ecke mit dem Smartphone in der Hand. Und die Mutter steht in ständiger Bereitschaft, mit ihren Freundinnen über die Sozialmedien alles zu teilen. Ein französischer Priester erzählte mir, er habe einer gestressten Mutter zur Buße aufgegeben, bis zur folgenden Beichte ab 21 Uhr WhatsApp nicht mehr zu benutzen. – „O nein, das ist unmöglich“, war die Reaktion. Man einigte sich auf 21.30 Uhr, was der Pönitentin schon ein gewaltiges Opfer erschien. Sie hat es gebracht, offensichtlich mit Erfolg. Denn bei der nächsten Beichte bat sie den Beichtvater: „O Pater, könnten Sie mir bitte die gleiche Buße wieder geben?“

Gegenstand unserer Gewissenserforschung sollte unbedingt die Frage sein: Wie gehe ich mit den elektronischen Kommunikationsmitteln und Medien um? Gelingt es mir, sie zu beherrschen oder lasse ich mich von ihnen beherrschen? Welche Maßnahmen muss ich konkret ergreifen, um mich zu bessern? Wer ständig am Handy hängt, auf jede Nachricht sofort reagiert oder jede vermeintlich wichtige Sache mitteilen muss, tut sich und anderen nichts Gutes. Ständig abgelenkt, zerstört er den inneren Frieden sowie den Geist der Innerlichkeit und Gottverbundenheit. Scheinbare „Kleinigkeiten“ verhindern so, auf dem Weg der Heiligkeit voranzuschreiten! Wir müssen Vorbilder für Andere sein.

Was tun?

Pauschal gesprochen, glückliche Ausnahmen wird es immer geben: Der Medienkonsum muss eingeschränkt werden. Viele Pädagogen, Psychologen empfehlen eine „screen-time“
– die Zeit, in der man auf einen großen oder kleinen Bildschirm schaut
– von weniger als zwei Stunden pro Tag. Einschränkung allein genügt indes noch nicht. Wir müssen lernen bzw. unsere Kinder und Jugendlichen lehren, die verfügbare Freizeit sinnvoll und kreativ zu verbringen. Wenn heutzutage 89 % der Jugendlichen täglich im Internet surfen und nur noch 14 % zu einem Buch greifen [3], so vollzog sich in den vergangenen Jahrzehnten eine folgenschwere Verschiebung der Freitzeitaktivitäten. Die Lektüre guter Bücher bildet den Geist und gibt jungen Menschen einen wertvollen Fundus an Wissen und Herzensbildung mit im Leben, was man von Youtube-Filmchen wahrlich nicht behaupten kann. [4] Eltern können nicht genug angeregt werden, die Freizeit in der Familie gemeinsam zu verbringen mit Spielen, Musizieren, Gesprächsrunden und Ausflügen etc. Wie wichtig ist es, die Familienbande zu stärken und der Gefahr des exzessiven Individualismus entgegenzuwirken!

Eine Freiburger Gruppe von Verhaltensforschern empfiehlt: Am Abend keine digitalen Medien nutzen! Bewegte Bilder wirken im Kopf nach und beeinträchtigen den Schlaf. – Was aber tun in dieser Zeit? Die Antwort heißt: Lesen. Auf Papier lesen, nicht auf dem Bildschirm. Das Gehirn verarbeitet anders, memorisiert anders. Ideal ist, vor allem bei kleinen Kindern, das Vorlesen. Die Kommunikation ist tiefer und persönlicher. Bei größeren Kindern, etwa bei neun oder zehn Jahre alten Kindern, stärkt es das Selbstvertrauen, wenn es selber vorliest.

Die Abendlektüre findet übrigens im pädagogischen System des hl. Don Bosco in etwa ihre Entsprechung in der täglichen Übung der „Gute-Nacht-Ansprache“. Nach Überzeugung des hl. Don Bosco verleihen erbauliche Gedanken zum Abschluss des Tages Kindern und Jugendlichen unvermerkt eine Fülle von Eindrücken, die sie bereichern und womit sie sich beschäftigen können. Disziplin und Pflichtgefühl werden ihnen dadurch zu selbstverständlichen Gewohnheiten. „Die Übung der Gute-Nacht-Ansprache ist der Schlüssel zur Bewahrung der Sittlichkeit, der guten Entwicklung und des glücklichen Erfolges in der Erziehung.“

Schenke Gott uns Allen Einsicht und Disziplin für den verantwortungsbewussten Umgang mit den Medien, damit diese uns auf dem Weg zum Himmel hilfreich seien und nicht zum Fallstrick werden.

Mit priesterlichem Segensgruß

P. Stefan Frey

[1]  Prof. Dr. Manfred Spitzer, Psychotherapeut und Hirnforscher in Ulm, in einem Interview mit dem Deutschlandfunk am 8.März 2018.
[2]  Wobei bloß fünf Prozent der Jugendlichen täglich in eine Tageszeitung hineinschaut (Jim-Studie aus dem Jahr 2019, Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger).
[3]  Erwähnte Jim-Studie.
[4]  Ganz abgesehen davon, nutzen Jugendliche das Internet in der Freizeit nur zu 10 % zur Beschaffung von Information (erwähnte Jim-Studie).