Weihnachten immer neu

2018
Quelle: Distrikt Österreich

Reimmichl (Kaplan Sebastian Rieger) gibt in diesem Aufsatz neben einer Beschreibung der Weihnachtsbräuche in Tirol einige Ratschläge zur Vorbereitung des Weihnachtsfestes.

In der Kirche werden schon die sieben großen O gesungen, jene wunderbaren, liebeheißen Antiphonen, die alle in den glühenden Sehnsuchtsschrei ausklingen: „Komm, o komm!“, und den Erlöser fast mit Gewalt auf die Erde herabziehen wollen. In den warmen Heimstuben, hinter eisblumenflimmernden Fenstern, sind überall schon die Krippenberge aufgestellt, und das liebe Krippenpersonal ward neu instand gesetzt; durchs ganze Haus zieht kräftiger Tannenduft, die Christbäumlein harren unterm Dach auf Glanz und Gloria. Draußen im Wald sind all die tausend und tausend Bäume und Bäumchen weihnachtlich aufgeputzt mit weichem, weißem Flaum und funkelnden Eiskriställchen. Auf der Alm droben stecken die Heuschuppen bis über die Achseln im Schnee, manche gucken gar bloß mit der Nasenspitze noch ein bißchen hervor, frierende Vöglein schlüpfen unter den Latten hinein und machen sich drinnen ein warmes Nestchen; Häslein bohren an den Wänden hinunter und knuspern an den heraushängenden Heubüscheln; die kleineren Bäumchen rundum sieht man alle nicht mehr, von den größeren ragen noch Gipfelchen hervor, just so hoch, daß sich ein Vöglein daraufsetzen und rasten kann. Die ungeheuer große, reine, blendend weiße Decke, die über der Alm liegt, ist mit Millionen Sternchen besetzt, die am Tage wie Diamanten blitzen, in der Nacht aber gleich Johanniskäferchen träumerisch flimmern. Zur Nachtzeit wird auch der Himmel lebendig. Hunderttausend goldene Äuglein tun sich auf und strahlen so hell und freudig hernieder wie sonst nie im Jahre. Das sind die kleinen Himmelsengel, die still und feierlich über alle Täler hinziehen und allen Menschen mit ihren funkelnden Sternäuglein geheimnisvoll zuwinken, als wüßten sie etwas unendlich Freudiges, das sie noch nicht sagen dürfen. Von ihnen singt die „Tirolerwacht“ gar schön:

„In stiller Nacht, bei finst’rer Nacht,
Schläft tief die Welt im Grunde;
Die Berge stehen ringsum Wacht,
Der Himmel macht die Runde,
Geht um und um, ums Land herum
Mit seinen goldenen Scharen,
Die Frommen zu bewahren.“

Kirche und Haus, Wald und Alm, die Berge und der Himmel darüber, alles harrt in sehsüchtiger, ahnungsvoller Erwartung auf den Einen und Einzigen, den Großen, den Schönen, den Guten, den Innigstgeliebten, der in der Heiligen Nacht kommen und unbeschreibliche Freude, gottessüßen Frieden, himmelreiche Gaben bringen wird, die guten Willens sind.

Mir geht das Herz auseinander wie ein Tor mit zwei Flügeln, und ich möchte grad anheben zu singen und zu jubeln wie eine Lerche, die in den goldenen Morgen hineinsteigt. Steht aber ein Kritischer auf und murmelt: „Warum denn das viele Wesen und Getue? Es sind doch schon mehr als neunzehnhundert Jahre her, daß Christus auf die Welt gekommen ist und das Heil gebracht hat. Daß er nun wieder auf die Welt kommt, ist doch eine bloße Redensart. Wir feiern um Weihnachten nur die Erinnerung an seine Geburt, die vor rund zweitausend Jahren stattgefunden hat.“

Du kühler, nörgelnder Patron, da bist du aber ganz auf dem Holzwege. Die Geburt unseres Herrn und Heilandes ist nicht bloß eine fertige Tatsache, die sich vor neunzehnhundert Jahren vollzogen hat, sondern sie ist eine stets gleichzeitige, immer gegenwärtige Tat, die sich – besonders um Weihnachten – alle Jahre wieder erneuert. Sagt doch der Apostel, daß Christus nicht einem bestimmten Zeitabschnitt angehört, sondern allen Zeiten. „Jesus Christus heri et hodie, ipse et in saecula – Jesus Christus ist derselbe gestern und heute und in Ewigkeit“ (Hebr. 13,8). Uns, die wir nicht vor neunzehnhundert Jahren gelebt haben, sondern jetzt leben, wird die reichliche Erlösung, die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, unseres Heilandes (Tit. 3, 4) eben jetzt erst zugewendet. Was die Hirten von Bethlehem vor neunzehnhundert Jahren an der Krippe des Weltheilandes bekommen haben – all die Liebe, die Gnade, den Segen -, all dasselbe und kein Fünklein weniger empfangen wir jetzt, und zwar ganz besonders am hohen Weihnachtsfest. Der Wirkung nach ist das Weihnachtsfest jedes Jahr genauso beschaffen, als ob Christus eben jetzt erst geboren würde. Darum können wir auch mit vollem Recht sagen: „Die Weihnachten sind immer neu.“

Was folgt daraus? Daraus folgt, daß wir zu Weihnachten ganz die gleiche himmelhelle, hohe, herzaufrüttelnde Freude haben sollen, die die Hirten von Bethlehem einst gehabt haben. Ich will euch einige Winke geben, wie ihr diese Weihnachtsfreude anzünden und so stark beleben könnt, daß sie in den Herzen schier nicht mehr Platz hat.

Fürs erste setz ich euch eine Warnungstafel her. Hütet euch vor dem schwarzen Raggesbart! Zu Weihnachten macht der böse Feind Doppelschicht, und wo er nur zukommt, sucht er all die dürftigen Freudenblümlein in den Herzen und Häusern zu zertreten und auszurotten. Ich erinnere mich noch aus meinen jungen Jahren, wie er einmal in einem Hause, wo ich war, zu Weihnachten einen solchen Unfrieden gestiftet hat, daß alle Freude elendiglich zugrunde ging. Noch heute möchte ich weinen, wenn ich daran denke, was das für traurige, düstere Weihnachten waren. Laßt euch nicht aus dem Zirkel bringen, mag der Gottesfeind noch soviel Verdruß und Unordnung und Widerwärtigkeiten anrühren, kräftigt euch in Geduld, macht ein heiteres, freundliches Gesicht, seien die Dinge, wie sie wollen, singet eins, wenn ihr könnt, und seid extra frohgemut und aufgeräumt – dem Teufel zum Trutz, euch selber zu Nutz!

„Bin a lustiga Bue,
Laß dem Teuxel ka Rueh,
Und die Engel im Himmel,
Die lachen dazue.“

Nur in einem reinen Herzen kann die Weihnachtsfreude blühen. Wenn es aber in deiner inneren Ökonomie fehlt, wenn du Sündenschulden stehen hast bei Gott dem Herrn, wenn du gar an der Seele halb oder ganz verkracht bist, dann mußt du trachten, aus dem Schlamassel heruaszukommen. Bezahlen kannst du deine Schulden nicht, aber um Nachlaß bitten kannst du. Tritt reumütig zu Gott hin, bitt ihn wie ein Kind um Gnade und Barmherzigkeit, weine ein Tröpflein, wenn du kannst – notwendig ist solches aber nicht -, mache hernach einen Rutscher in das Bußgericht und laß dir vom Stellvertreter Gottes, das ist der Beichtvater, deine Schulden liquidieren. Diese Liquidation ist unerläßliche Bedingung für das Aufkommen einer echten und rechten Weihnachtsfreude.

Fürs zweite haltet die äußeren Weihnachtsbräuche, die ihr von Vater und Großvater ererbt habt, treulich ein, und wenn sie zum Teil abgekommen sind, frischt sie alle wieder auf. Schmückt eure Stuben und Zimmer mit Tannenreisig, denn es kommt einer zu euch, der viel vornehmer ist als Bischof und Kaiser. Richtet die Weihnachtskrippe, wenn ihr eine habt, ja sicher auf! In solchen Hauskrippen liegt ein wunderbarer Reiz und Festduft, sie rücken das süße Geheimnis der Menschwerdung Christi allen Hausbewohnern in unmittelbare Nähe, und gewiss läßt sich das Christkind in solchen Krippenstuben mit besonderer Freude nieder. Ihr merkt es förmlich, daß es unter euch ist. – Wenn ihr’s im Brauch habt, stellt euch einen Christbaum auf; denn im Christbaum haben wir ein überaus sinniges gemütstiefes Weihnachtszeichen, das aus unserem Volke hervorgegangen und wesensgemäß ist. Ein berühmter Mann sagte einmal, die Haupteigenschaft unseres Volkes bestehe darin, daß es herzlich sei. Dieser Charakter zeigt sich ganz hervorragend in der Weihnachtsfeier, und gerade im Christbaum ruht ungemein tiefe Herzlichkeit und Innigkeit. Aber der Christbaum soll nicht nur im Flitterglanz und Lichterschein, umgeben von reichen Geschenken, dastehen, sondern etwas muß immer noch dabei sein – die Hauptsache -, nämlich eine Figur oder ein Bild des Christkindes am Fuße des Bäumchens; denn vom Christkind geht alle Weihnachtsfreude aus, wie alle Lichtfünklein von der Sonne. – Weiterhin nehmt am Heiligen Abend den althergebrachten Weihnachtsgang vor mit Räucherwerk und Weihwasser durch Haus und Hof, Stube und Gaden, und bittet das Christkind, da? Es euer ganzes Besitztum segne und weihe durch seine göttliche Heimsuchung. Betet an diesem Abend, wie es seit alters Brauch war, die drei Weihnachtsrosenkränze. Und wenn ihr hernach die Krippe beleuchtet oder den Christbaum angezündet habt, dann soll ein Kind oder der Hausvater selbst in Gegenwart aller Hausbewohner das altheimelnde Evangelium von der Heiligen Nacht vorlesen: „In jener Zeit ging vom Kaiser Augustus ein Befehl aus, das ganze Land zu beschreiben“ usw. (Luk. 2) – Horchet in der Heiligen Nacht auf die heimlichen Laute in der Natur, horchet mit Innigkeit auf den nächtlichen Glockenjubel, der über alle Berge aus und in alle Talwinkel und Schluchten hineinsingt. Gehet dann so zahlreich als möglich zur Christmette und zum lichterstrahlenden Engelamt in der Heiligen Mitternacht. – Selbst das Weihnachtsmahl und den Zeltenlaib am Heiligen Tag sollt ihr, wenn es angeht, nicht abkommen lassen. All diese äußeren Zeichen sind Öltröpflein, mit denen das Licht der inneren Freude genährt wird. – Auch dem „Sternsingen“ möchte ich ein Wörtlein reden. Wo nicht Mißbrauch und Unfug und Nachtschwärmerei unterlaufen, sondern wo es ernst und fromm geübt wird, soll man es nur herzhaft durchführen. Es bringt viel Weihnachststimmung und warme Christfreude in die Häuser... Da lebte zuunterst im Unterinntal drunten ein gottinniger Mann, ein richtiger Kerntiroler, hatte schneeweiße Haare, himmelklare Augen und ein Gesicht wie ein Prophet. Mit dem Taufnamen hieß er Michael, den Haus- und Schreibnamen weiß ich leider nicht mehr. Dieser Patriarch ging noch in seinen ältesten tagen „Sternsingen“. An jedem Heiligen Abend kleidete er sich als Hirt und ging dann, unter dem einen Arm eine Geige, unter dem andern ein Evangelienbuch, von Haus zu Haus. Wo er zur Stubentür hineintrat, grüßte er: „Gloria in excelsis Deo et in terra pax hominibus!“ Dann las er eines von den drei Weihnachtsevangelien vor und knüpfte eine kurze, aber warme Mahnung daran. Hernach stimmte er seine Geige und sang mit eigner Begleitung eines der rührenden alten Krippenlieder. Dabei rannen ihm die hellen Tränen über die Wangen. Und wie er gekommen, ging er wieder fort, ernst und feierlich, ohne ein Wörtlein zu plaudern, ohne irgendwo einen Trunk oder einen Kuchen oder sonst was zu nehmen. Die Leute erwarteten ihn überall mit freudiger Spannung. Sobald er kam, wurde es mäuschenstill wie in einer Kirche. Und wenn er fortging mit dem herzinnigen Gruß: „Der Segen und die Freude unseres lieben Herrn sei und bleibe bei euch!“, sagten alle: „Vergelt’s Gott!“ Das war ein Sternsinger, der mit seinem Häusergang mehr gewirkt hat als oft ein Pfarrer mit der schönsten Weihnachtspredigt.

Merkt euch: Für Weihnachten ist nichts zu schön und nichts zu gut und nichts zuviel. Je mehr ihr äußerlich vorkehret, desto größer wird die innere Freude sein. Und nun kommt zum dritten die Hauptsache, nämlich die innere Christtagsfreude. Wer nicht einen bodenleeren Kopf und ein eisstarres Herz hat, dem wird es leicht, dieses Christfreude recht sonnenhell in der Seele aufleuchten zu lassen. Mach es so. Bei allem, was du daheim tust und anrichtest, denk herzhaft und innig: „Heute kommt der Gottheiland selber mit dem Himmelssegen und Himmelsglück!“ – Und wenn du bei der hochfeierlichen Mitternachtsmesse in der Kirche kniest und die Weihnachtsweisen ertönen und die Orgel mächtig rauscht, vielleicht auch etwelche Geigen, Flöten und Schalmeien dazu erklingen, dann stell dir recht lebhaft vor, die Kirche wäre das Feld von Bethlehem, und du wärst ein Hirt, und durch das Kirchengewölbe herein schaute der sternbesäte Himmel. Alsdann denke dir, du hörtest eine liebliche Stimme: „Fürchtet euch nicht, ich verkünde euch eine große Freude: Heute ist euch in der Stadt Davids der Heiland geboren worden, Christus der Herr!“ Und wenn dann das Gloria aufjubelt, so stimme ein mit Herz und Mund: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind.“

Und letztlich vergiß ja nicht, dem heiligen Christkind etwas zu schenken. Der Heiland hat einmal gesagt, daß er alles, was man dem geringsten seiner Brüder Gutes tue, so annehmen werde, als hätte man es ihm selber getan. Darum wurden in alter Zeit die Armen und bedürftigen mit dem schönen Namen „die Gottesleute“ bezeichnet. Um Weihnachten muß jeder Christ, der irgendwie kann, ein Almosen geben. Weihnachten ohne christliche Liebesgabe sind keine Weihnachten.

Auszug aus: Reimmichl, Weihnacht in Tirol, Tyrolia 1981.