Weisheit – die höchste Gabe des Hl. Geistes

09 Juni, 2019
Quelle: Distrikt Österreich

Die besondere Gunst, welche der Heilige Geist der treuen Seele erweist, ist die Gabe der Weisheit.

 

Sende Deine Weisheit hernieder von Deinem heiligen Himmel und von dem Throne Deiner Hoheit, daß sie mit mir sei und mit mir arbeite, damit ich wisse, was Dir wohlgefällig ist; denn sie weiß und versteht alles und wird mich in all meinem Tun verständig leiten und mich durch ihre Macht bewahren“ (Weish 9,10f)

Die besondere Gunst, welche der Heilige Geist der treuen Seele erweist, ist die Gabe der Weisheit. Es ist die Gabe die von allen sieben am höchsten steht, denn durch sie wird Gott nicht bloß erkannt, sondern vielmehr gekostet und besessen. Genau nach dem Wort des Psalmisten: „Verkostet und sehet, denn der Herr ist gütig“ (Ps 33,9).

Zu Pfingsten erfleht die Kirche für uns die Gnade, daß wir Gott „recht verkosten [recta sapere]“, denn die Vereinigung der Seele mit Gott erfahren wir hier mehr durch das Verkosten, als durch das Anschauen. Wir werden durch den Heiligen Geist zur Wahrheit hingelenkt, wir sehen sie noch nicht, aber die göttliche Glaubenswahrheit vermag schon hier auf Erden unsere Seele lebhaft zu erfreuen und wir können sie auch zum Teil verkosten. Der Heilige Geist vermittelt uns durch die Gabe der Weisheit gewissermaßen den Vorgeschmack des Himmels.

Vereinigung mit Gott

Wie die Gabe des Verstandes die Erleuchtung bewirkt, so bewirkt die Gabe der Weisheit unsere Vereinigung mit Gott. Nun vollzieht sich aber diese Vereinigung mit dem höchsten Gut nicht nur durch den glaubenden Verstand sondern auch durch den liebenden Willen.

Unsere Vereinigung mit Gott geschieht durch den Glauben (der seinen Sitz im Verstand hat), aber ganz besonders auch durch die Liebe (deren Sitz im Willen ist). Die Gabe der Weisheit steht am höchsten von allen, weil sie das Wesen Gottes durch die Liebe am innigsten berührt und das höchste Gut kostet.

So läßt sich die Weisheit definieren als eine Gabe, die uns Gott und die göttlichen Dinge in deren erhabensten Ursachen unterscheiden, beurteilen und verkosten läßt und dadurch die Tugend der Liebe vervollkommnet.

Die ewige Weisheit

Die erste Gabe trägt den schönen Namen Sapientia – Weisheit, und dieser Name kommt ihr von der ewigen Weisheit zu. Die ewige ungeschaffene Weisheit ist Gott selbst und die Gabe der Weisheit macht uns durch die Glut der Liebe gottähnlich.

Im Besonderen ist die ewige Weisheit das göttliche Wort, der Logos, der für uns Fleisch angenommen hat, weil Er sich von uns schon in unserem irdischen Leben verkosten lassen will.

Die menschgewordene ewige Weisheit hat uns dann auch den Heiligen Geist gesandt, um uns zu heiligen und Ihm zuzuführen. Das Wirken des Geistes Christi besteht gerade darin, daß Er unsere Einigung mit dem Herrn Jesus Christus zu Stande bringt.

Durch den übernatürlichen Glauben sehen wir die Herrlichkeit Jesu als des Eingeborenen des himmlischen Vaters, voll Gnade und Wahrheit. Er machte sich aber auch unserer niedrigen Natur teilhaftig und so gibt Er sich schon in dieser Welt zum Verkosten hin. Die ungeschaffene Weisheit können wir schon hienieden durch die geschaffene Gabe der Weisheit verkosten; diese erschaffene Weisheit gießt uns der Heilige Geist als Seine erhabenste Gabe ein.

Weltgeist gegen Weisheit

Glücklich ist darum jeder, in dem diese köstliche Weisheit herrscht. Dagegen „der irdisch gesinnte Mensch“, wie der hl. Apostel Paulus lehrt, „erfaßt nicht, was des Geistes Gottes ist“ (1Kor 2,14). Um zu erfassen, was des göttlichen Geistes ist, muß der Mensch mit dem Geist erfüllt werden, er muß geistig werden, er muß sorgsam auf den Willen Gottes achten; erst dann kann der Mensch zu seinem Ziel gelangen.

Sonst bleibt der Mensch nur ein Knecht seiner niederen Natur, ein Sklave des Fleisches. Ähnlich jener, der nur ein Kind seiner Zeit ist; ein solcher vermag ebensowenig zu begreifen, was die Gabe der Weisheit bedeutet. Die der Welt ergebenen Menschen können die echte Weisheit nicht in sich haben. Der Heiland lehrt uns ausdrücklich: „Die Welt kann nicht den Geist der Wahrheit empfangen; denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht“ (Joh 14,17).

Wir, die wir treue Katholiken sind, wir sehnen uns nach dem höchsten Gut, darum wissen wir auch, daß wir uns von dem erniedrigenden Welt- und Zeitgeist befreien, loslösen müssen. Wir dürfen nicht so tanzen, wie die moderne Welt pfeift, wenn wir wahrhaft weise sein wollen. Wer mit dem mondänen Geist erfüllt ist, kann den Geist Gottes nicht in sich haben. Wer nur ein Kind seiner Zeit bleibt, wird nie mit der Gabe der Weisheit erfüllt werden. Der Geist Gottes und der Weltgeist stehen sich unversöhnlich gegenüber wie Weisheit und Stupidität.

Vergänglichkeit erkennen

Gerade die Gabe der Weisheit bewirkt, daß wir die Vergänglichkeit der irdischen Dinge gut erkennen und nur Gott als das höchste Gut ansehen. Dazu ein kleiner Vergleich: Wenn die Sonne untergeht, so wirft sie einen großen Schatten; wenn sie aber im Mittag steht, so ist der Schatten sehr klein. Ähnlich verhält es sich mit dem Menschen: Je mehr der Heilige Geist von ihm gewichen ist, um so größer erscheinen ihm die Dinge dieser Welt; ist aber der Heilige Geist in der Mitte seines Herzens, dann erscheinen sie ihm gering und nichtig.

Die Heiligen erkannten und schätzten den hohen Wert der ewigen Güter. Zur römischen Jungfrau Domitilla, die auf die Pflege ihrer Schönheit viel Zeit verwandte, sprach ihr christlicher Diener Nereus: „Wenn du doch auch so viel Zeit verwenden würdest, deine Seele für Gott zu zieren! Welche Glückseligkeit würdest du erlangen!“ Wer gut erkennt, was vergänglichen und was unvergänglichen Wert hat, der besitzt die Gabe der Weisheit.

Stark und frei

Das Eigentümliche der Gabe der Weisheit besteht darin, daß sie der Seele eine große Stärke und Kraft verleiht. Die mit Weisheit erfüllte Seele fühlt sich gänzlich gesund, ähnlich wie ein Mensch der die passende Nahrung zu sich nimmt. In einer mit Weisheit durchdrungenen Seele gibt es keinen Widerspruch zwischen dem Willen Gottes und dem eigenen menschlichen Wollen, darum fühlt sich eine solche Seele gesund, stark und wahrhaft frei – wie der hl. Apostel Paulus schreibt: „Wo der Geist des Herrn ist, das ist Freiheit“ (2Kor 3,17).

Nur muß eine solche Seele immer sorgfältig über ihre Demut wachen. Denn auch wenn sie mit der Weisheit erfüllt und mit Gott verbunden ist, kann sie der Stolz schnell zum Fall bringen. Eine solche Seele, die nicht die Demut bewahren würde, würde dann um so tiefer stürzen, je höher sie gestiegen war. Die Weisheit muß also stets durch Demut begleitet werden, sonst ist alles eitel.

Erflehen

Lassen wir, liebe Gläubige, in unserem Flehen zum Heiligen Geist nicht nach! Bitten wir Ihn, daß Er uns die kostbare Gabe der Weisheit nicht versage, die uns zu Jesus Christus, der unendlichen ewigen Weisheit, leitet.

Schon ein Weiser des Alten Bundes sehnte sich nach dieser Gabe, da er die tiefen Worte schrieb: „Ich bat, und es ward mir Verstand gegeben; ich rief, und der Geist der Weisheit kam zu mir“ (Weis 7,7). Man muß also diese Gabe inständig erflehen. Darum mahnt der hl. Apostel Jakobus: „Fehlt es aber jemanden an Weisheit, so erbitte er sie von Gott … und sie wird ihm gegeben werden. Er bitte aber im Glauben, ohne zu zweifeln“ (Jak 1,5f).

Quelle: Pater Jaromír Kučírek