Zur Ehrenrettung des hl. Franz von Assisi

29. Oktober 2020
Quelle: Distrikt Deutschland

Am 3. Oktober 2020 unterzeichnete Papst Franziskus auf dem Grab des hl. Franz seine neue Enzyklika Fratelli tutti, die ein umfangreiches Plädoyer für die Verwirklichung eines – wie er sagt – „Traumes“ darstellt: den Traum einer universalen Geschwisterlichkeit unter allen Menschen.

Sein Traum setzt sich leider ganz offensichtlich ab von der katholischen Vision einer globalen Geschwisterlichkeit unter den Menschen, wie sie z. B. Papst Pius XII. in seiner Weltweihe an das Unbefleckte Herz Mariens (1942) zum Ausdruck gebracht hat: die Vision, dass alle Jesus Christus als ihren Herrn erkennen mögen und somit in IHM zu Geschwistern werden, die gemeinsam den einen himmlischen Vater verehren. Entsprechend heißt es in dem Gebet:

„Königin des Friedens, ... Gewähre Deinen Schutz auch den Ungläubigen und denen, die noch im Todesschatten liegen ... Lass für sie die Sonne der Wahrheit aufsteigen. Lass sie mit uns vor dem einen Erlöser der Welt die Worte wiederholen: ‚Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind.‘“

Im Gegensatz zu dieser Geschwisterlichkeit in der gemeinsamen Anbetung des himmlischen Vaters spricht der Papst von einer Geschwisterlichkeit, die ihren Grund in der Achtung der Menschenwürde habe. Im achten Kapitel führt er aus, dass nicht nur das Christentum, sondern „die Religionen“ im Dienst an der Geschwisterlichkeit in der Welt stünden.

Mit der gewollt symbolträchtigen Unterzeichnung seiner Enzyklika auf dem Grab des hl. Franz nimmt der Papst nun diesen wunderbaren Heiligen für eine Geisteshaltung ein, die keineswegs die seine war. Dieses Ansinnen wird schon gleich zu Beginn der Enzyklika offenbar, im dritten und vierten der insgesamt 287 Punkte.

Hier heißt es, der hl. Franz sei ein liebevoller Vater gewesen, „der den Traum einer geschwisterlichen Gemeinschaft verwirklichte“, weil er ein „Herz ohne Grenzen“ hatte, „im Verlangen, alle zu umarmen“. – Ein Herz, das „den Graben der Herkunft, der Nationalität, der Hautfarbe und der Religion“ überspringen konnte, um anderen Menschen zu helfen, „mehr sie selbst zu werden“, ohne „Wortgefechte“ zu führen, „um seine Lehren aufzudrängen“.

Ob sich der hl. Franz treffend damit charakterisiert sehen würde, darf nicht nur stark bezweifelt werden: Der Papst zitiert als Beleg für seine Behauptung eine Lebensregel, die der hl. Franz seinen Brüdern gegeben und durch einen „Besuch“ bei Sultan Malik-al-Kamil in Ägypten praktiziert habe. Diese Regel wird allerdings nur verkürzt (!) wiedergegeben. Warum, wird sehr schnell deutlich, wenn man es sich näher ansieht:

Der Papst schreibt, der hl. Franz besuchte den Sultan „in der Einstellung, die er von seinen Jüngern verlangte, dass nämlich keiner seine Identität verleugne, der ‚unter die Sarazenen und andere Ungläubige gehen will, […] und dass sie weder zanken noch streiten, sondern um Gottes Willen jeder menschlichen Kreatur untertan sind‘.“

Ungekürzt lautet dieses Zitat: „Die Brüder, die aus Liebe zu Christus zu den Ungläubigen ausziehen, können auf zweierlei Art mit ihnen verkehren. Die eine Art ist die, dass sie nicht mit Worten streiten oder sich zanken, sondern um Gottes Willen allen Geschöpfen untertänig sind und dabei bekennen, dass sie Christen sind. Die andere Art ist diese, dass sie, wenn sie sehen, dass es dem Herrn gefällt, Gottes Wort verkünden und dazu auffordern, an Gott den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist zu glauben und sich taufen zu lassen und Christen zu werden.“

Das Zitat im Ganzen gesehen lässt die wahre Motivation, die den hl. Franz beseelt hat, aufscheinen: Er hatte in der Tat das Verlangen, alle Menschen zu „umarmen“, aber in dem Sinn, dass er alle für Christus gewinnen wollte, und nicht um ihnen zu helfen, „mehr sie selbst zu werden“.

Dementsprechend war seine Reise zum Sultan nicht ein „Besuch“, um eine Art interreligiösen Dialog zu führen mit dem Ziel, zwischen dem Sultan und den Kreuzfahrerheeren einen Frieden zu erreichen, sondern es ging ihm sehr wohl um Missionierung, um genau das, was im zweiten Teil des Zitats gesagt ist.

Konkret setzte er sich in dieser Situation aus Liebe zu den unsterblichen Seelen dieser Ungläubigen sogar der Lebensgefahr aus, um dem Sultan den wahren Glauben nahe zu bringen, indem er im Vertrauen auf Gottes Beistand furchtlos das Lager des Feindes aufsuchte. Der Sultan scheint ihm seine Predigt nicht übelgenommen zu haben, schickte ihn aber wieder fort mit den Worten: „Bete für mich, dass Gott mir offenbaren möge, welcher Glaube ihm am wohlgefälligsten ist.“

Sowohl das verwendete Zitat, als auch das damit in Verbindung gesetzte historische Ereignis sind somit nicht ersprießlich, um die Behauptung zu belegen, dass der Heilige von Assisi vorbildlich Pate stehen würde für den in der Enzyklika entfalteten freidenkerischen Traum einer allgemeinen Weltverbrüderung ohne maßgeblichen Bezug zu Christus und seiner Kirche.

Ein solches Denken ist nicht nur dem hl. Franz, sondern auch der Tradition der Kirche fremd. Wenngleich die Kirche natürlich anerkennt, dass Gott der Schöpfer aller Menschen ist, ist ihr aber auch etwas anderes klar: Die natürliche Geschwisterlichkeit unter ihnen lässt sich infolge der Verwundungen, die die Erbsünde in der menschlichen Seele hinterlassen hat (insbesondere die Neigung zum Bösen – zum Stolz und zum Egoismus) nur durch den Einfluss der Gnade wieder heilen. Der wirksame Beitrag der Kirche zu einer wahren Geschwisterlichkeit unter den Völkern besteht darum seit ehedem darin, sie zum Glauben an Jesus Christus und seine Kirche zu führen und ihnen den Zugang zu den Quellen der Gnade zu eröffnen.