Der österreichische Vianney - ein heiligmäßiger Priester aus dem Waldviertel: Teil 1

Quelle: Distrikt Österreich

Ein Priester nach dem Herzen Gottes 

Den französischen Priester, Johann Baptist Maria Vianney, kennen die meisten Katholiken als den heiligen Pfarrer von Ars. Er führte ein hingebungsvolles Leben als Priester und opferte sich für seine Pfarrkinder sowie für alle auf, die seinen Rat suchten – und deren gab es unendlich viele. Er starb im Jahr 1859 und wurde im Jahr 1925 heiliggesprochen.

Wer aber weiß, dass zur gleichen Zeit ein Priester namens Michael Brenner im Waldviertel in Österreich lebte, der nicht nur rein äußerlich sogar eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Heiligen von Ars hatte, sondern der viele Berührungspunkte in seinem Leben und Wirken mit dem französischen Pfarrer aufwies, obwohl sich die beiden niemals kennenlernen konnten und auch nichts voneinander wussten. Das aber verband die beiden: Beide waren Priester nach dem Herzen Gottes.

Michael Brenner wurde am 24. September 1806 in Groß-Siegharts im nördlichen Waldviertel als viertes Kind von Anna und Michael Brenner geboren. Seine Eltern erfreuten sich als Inhaber einer Bänderfabrik eines bedeutenden Wohlstandes. Michael besuchte die Dorfschule und sein Vater ließ ihn frühzeitig im Gesang und im Violinspiel unterrichten. Mit elf Jahren äußerte der Bub den Wunsch, ein Studium absolvieren zu wollen und die Tatsache, dass im Knabenchor des Stiftes Zwettl eine Diskantisten-Stelle zu besetzen war, ebnete ihm den Weg dazu. Im Alter von zwölf Jahren hatte er eine „Stimme wie ein Glöckerl“ und sang vom Blatt weg. So verließ er 1818 das Elternhaus und übersiedelte für vier Jahre in das Internat des Stiftes Zwettl, wo er sich durch seine Heiterkeit, seinen Humor, aber v.a. durch seine musikalischen Leistungen die Bewunderung aller erwarb. Es mag während dieser Jahre gewesen sein, dass er erstmals die Berufung zum Priester spürte. Im Alter von 16 Jahren übersiedelte er für die nächsten zwei Jahre in das öffentliche Gymnasium in Melk. Anschließend absolvierte er die philosophischen Studien in Krems. 

Im Priesterseminar unter erschwerten Bedingungen

Michael Brenner trat am 30. Oktober 1826 in das bischöfliche Klerikalseminar in St. Pölten ein. Die Nachwehen des Josephinismus bedingten es, dass die Erziehung des Klerus auch jetzt noch in den Händen des Staates lag. Er diktierte den theologischen Stundenplan, prüfte die Professoren, schrieb die Lehrbücher vor und überwachte die Prüfungen. Auch wenn die ausführenden Organe Geistliche waren, so agierten diese doch als Beamte, die sich strikt an die Vorgaben des Staates hielten. Somit lag ein enormer Druck auf der Kirche.

Kurze Zeit nach dem Eintritt Brenners, nämlich im Dezember 1826 erhielt die Diözese St. Pölten einen neuen Oberhirten: Dr. Jakob Frint. Dieser war vom eifrigen und schier unermüdlichen Apostolatsstreben beseelt, daneben galt sein Hauptaugenmerk dem Priesterseminar, er strebte danach, den Seminaristen ein guter Lehrer, Vorbild, aber auch Vater zu sein. In seiner nie erschöpfenden Ausdauer, das Wort Gottes zu verkünden, wurde er zu einem großen Vorbild für Brenner. Am 26. Juli 1830 wurde Michael Brenner durch Bischof Frint zum Priester geweiht, die Primiz feierte er in seinem Geburtsort Groß-Siegharts.

Hilfspriester in Gars am Kamp

Einer seiner Lehrer am Seminar, Prof. Bach, wurde zum Pfarrer von Gars am Kamp ernannt. Er erbat sich P. Brenner als Hilfspriester, an dem zunächst in den ersten zwei Jahren seiner Pflichterfüllung nichts Außergewöhnliches auffiel. Im Jahr 1832 wütete die Cholera, besonders im benachbarten Horn, und er dürfte die Menschen angesichts dieser damals lebensbedrohlichen Krankheit aufgefordert haben, Lebensbeichten abzulegen. Das Volk wusste zuvor nichts von einer Lebensbeichte (Generalbeichte) und so wurde Kooperator Brenner von Gars erstmals über die Grenzen der Pfarre hinaus zum Gegenstand des Gesprächs.

Im Jahr 1833 ließ sich die Redemptoristen-Kongregation in Eggenburg im ehemaligen Franziskanerkloster nieder. Bei diesen fand er nicht nur seinen Beichtvater, sondern durch den Umgang mit den, in der Lehre des hl. Alphons von Liguori geschulten Geistlichen gewann er solide Grundsätze für Beichtstuhl und Seelenführung. Das war eine entscheidende Wende in seinem geistlichen Wirken, von da an, wurde er zu einem unermüdlichen Glaubensverkünder, durch seine Predigten, ganz besonders über die vier letzten Dinge, rüttelte er die lauen Christen auf, er traf sie mitten ins Herz und die Menschen strömten zu ihm in den Beichtstuhl, wo P. Brenner nun die meiste Zeit verbrachte und den er später als sein "Paradies" bezeichnete. Ihm war ein dauernder Erfolg wichtig, daher ermunterte er diejenigen, die eine Lebensbeichte abgelegt hatten und auch guten Willen zeigten, öfter zu den heiligen Sakramenten zu gehen. Das war in jener Zeit sehr ungewöhnlich, denn die meisten begnügten sich mit der Osterbeichte und der Osterkommunion. Nun aber gab es in Gars an allen Sonn- und Feiertagen Kommunikanten.

Auch mit der Einführung des „lebendigen Rosenkranzes“, eines Gebetsvereins, förderte er die geistliche Entwicklung seiner Beichtkinder. Bald gab es derartige Gebetsvereine nicht nur in Gars, sondern auch in Schiltern, Gföhl, Krumau, Idolsberg, Weitra usw. Durch diesen Verein wurde er zum Mittelpunkt der Diözesanpriester, sie holten sich bei ihm Rat und folgten seinem Beispiel. Im Metternich’schen Polizeistaat musste ein solches Handeln aber die Aufmerksamkeit der Behörde auf sich ziehen. Bischof Wagner von St. Pölten, der den Hilfspriester Brenner hochschätzte, konnte die Angelegenheit bei der Behörde für ihn erledigen. Der „lebendige Rosenkranz“ weitete sich immer mehr aus, zu den öffentlichen Zusammenkünften kamen die Menschen aus allen Gegenden, sogar „vom Jaidhof“, das in einer Entfernung von 20 km liegt, wofür man zu Fuß etwa vier Stunden benötigte.

So wie der hl. Pfarrer in Ars versuchte auch Kooperator Brenner unermüdlich, die jungen Leute, v.a. die Mädchen von Tanzveranstaltungen abzuhalten, wissend um die Gefahr, die ihnen da drohte, die jungen Männer hielt er auch vom übermäßigen Alkoholkonsum ab. Er war klug genug, zu wissen, dass er den jungen Leuten dafür etwas anderes anbieten müsse und so richtete er eine Leihbibliothek im Pfarrhof ein, was ihm prompt eine Anzeige wegen illegalen Buchhandels einbrachte. Weder Hitze noch Kälte, weder Regen noch Sturm konnten ihn vom katechetischen Unterricht in mehreren Schulen der Umgebung abhalten. Um die Kinder zum eifrigen Lernen anzuspornen, kaufte er aus eigener Tasche kleine Geschenke, aber auch Kleidung für die Kinder aus mittellosen Familien.

Fünfzehn Jahre lang war Michael Brenner Hilfspriester in der Pfarre von Dechant Bach und die Beziehung zwischen beiden waren die besten. Aber so wie jeder Priester, der seinen Beruf ernst nimmt, sich irgendwann mit Anfeindungen konfrontiert sehen muss, war es auch hier: Die Wirte beschwerten sich zunehmend, dass ihr Geschäft durch Kooperator Brenner geschädigt werde. Es war nahezu unmöglich geworden, Tanzveranstaltungen abzuhalten, da es an Tänzerinnen mangelte. Brenner wurde öffentlich mit bösen Schimpfworten bedacht. Die Konflikte außerhalb setzten sich in das Pfarrhaus fort, Dechant Bach musste wegen seines Hilfspriesters immer wieder Berichte verfassen und Erklärungen abgeben, was selbst den friedfertigen Dechant aus dem Gleichgewicht brachte.

Pfarrer in Roggendorf bei Horn

So verließ P. Brenner Gars und trat im Jänner 1846 eine Stelle als Aushilfspriester in Roggendorf, nordöstlich von Eggenburg an, der dortige Pfarrer war kränklich und konnte seinen Pflichten nicht mehr nachkommen. Da dieser sich auch nicht mehr von seiner Krankheit erholte, wurde P. Brenner nur kurze Zeit später, am 21. Mai als Pfarrer in Roggendorf, wo damals etwa fünfhundert Menschen wohnten, eingeführt. In seiner Antrittspredigt versteht er sich für seine Pfarrkinder als „Wegweiser zum Himmel“ und fügt hinzu: "Meine erste Pflicht ist es, die Lehre Jesu Christi rein und unverändert zu verkünden, wie sie aus Seinem Mund gekommen ist. Wir reisen zu einem großen, mächtigen und strengen Herrn; ich fürchte mich vor Ihm und jetzt noch mehr, seitdem ich euch in meine Leitung übernommen habe." Als geistlicher Vater und Seelenhirt sieht er sich aufs Engste mit den ihm Anvertrauten verbunden. Die Roggendorfer hatten sich einen „guten Pfarrer“ gewünscht, also einen, der sie schonte und nach ihrem Willen handelte, sie hatten aber einen „guten Hirten“ bekommen und da gingen die Vorstellungen der Pfarrkinder und des Hirten wohl zunächst etwas auseinander.

Nach kurzer Zeit strömten aber auch hier die Menschen, zutiefst betroffen durch seine Predigten, zu ihm in den Beichtstuhl und er verbrachte ungezählte Stunden und Tage an dem Ort, wo er die Schwachen stärken, die Geplagten trösten und die Starken zur Vollkommenheit ermutigen konnte. Über seine Predigten sprach man in der ganzen Gegend, er schonte die Menschen nicht: In seiner Predigt am 3. Sonntag im Advent seines ersten Jahres in Roggendorf richtete er einen „Aufruf an die Trunkenbolde“ zur Mäßigung. Roggendorf ist von Weingärten umgeben und naturgemäß war die Trunksucht ein großes Problem in der Bevölkerung.

Die katechetische Arbeit in der Schule setzte er auch in Roggendorf fort und arbeitete eng mit den Lehrern zusammen, mit denen er immer eine gute Beziehung pflegte. Er drang auf einen regelmäßigen Schulbesuch und schreckte auch nicht davor zurück, wenn alle Ermahnung der Eltern, die Kinder zur Schule zu schicken, nichts nutzte, seine Autorität in die Waagschale zu werfen und die Eltern bei der Behörde anzuzeigen. Der regelmäßige Schulbesuch der Kinder und somit auch des Katechismusunterrichtes war ihm wichtiger, als von allen geliebt zu werden. Die Kinder aber liebten ihn sehr, er verteilte Heiligenbilder, Kreuzchen, Medaillen und Rosenkränze für besondere Leistungen unter ihnen und wenn er sie auf der Straße traf, so bargen die Taschen seiner Soutane oft ein kleines Geschenk für die Kinder. Den Tag der ersten Heiligen Kommunion vergaß keines „seiner“ Kinder. Sorgfältig vorbereitet, wurde der Tag zu einem großen Fest für sie und alle waren entschlossen, dem Heiland durch ihr zukünftiges frommes Leben Freude und Ehre zu machen.

Er gründete Bruderschaften und Standesvereine und das Ansinnen, das ihn dabei bewegte, war immer die Förderung der Tugend, die Menschen von den Gelegenheiten zur Sünde abzuhalten. Dafür gestaltete er selbst die Sonntagnachmittage im Pfarrhaus mit seinen humoristischen Einfällen, ließ Bücher vorlesen, Lieder singen und Theaterstücke aufführen, die er teilweise selbst geschrieben hatte - heute würden wir das "Kulturnachmittage" nennen. 

- wird fortgesetzt - 

 

Quellen: 

Der österreichische Vianney - Ein Lebensbild von Anton Erdinger (Professor am theologischen Seminar zu St. Pölten), 1873

Pfarrer Michael Brenner - Ein heiligmäßiger Priester aus dem Waldviertel von Johannes Müllner, Schriftenreihe des Waldviertler Heimatbundes, Band 24, Krems 1981