Mitteilungsblatt März 2016

Erzbischof Lefebvre: Missionar und Zeuge -  Bücher von und über Erzb. Lefebvre -  Distrikt-Chronik von Österreich - Die Priesterbruderschaft und das Heilige Jahr - Einkleidungen, Tonsuren und Niedere Weihen - Wir müssen aufstehen! - Selig die Barmherzigen ... 3. Folge: Unwissende lehren und Zweifelnden raten - Msgr. Marcel Lefebvre: Mein Testament - Liturgischer Kalender - Exerzitien und Einkehrtage - Heilige Messen - Buch des Monats - Überlieferung

Liebe Freunde und Wohltäter!

Vor 25 Jahren verstarb der „große Mann der Universalkirche“ wie Papst Benedikt den Gründer der Priesterbruderschaft St. Pius X. einst nannte. Seither ist eine neue Generation herangewachsen, die nicht mehr das Glück hat, diesen Heiligen gekannt oder wenigstens gesehen oder gehört zu haben. „Heiliger“ ist eine erhabene Bezeichnung, die ich aber mit Bedacht wähle.1 Ich selber darf mich zu jenen Glücklichen zählen, die Erzbischof Lefebvre während vieler Jahre gut kannten, mit ihm häufig Kontakt hatten sowie Gelegenheit, mit ihm zu sprechen, ihm ihre Sorgen mitzuteilen oder seinen Rat zu erbitten. Stellvertretend für diese „Privilegierten“ der ersten Generation von Seminaristen und Priestern unserer Bruderschaft darf ich bezeugen, dass wir tatsächlich einem Heiligen begegneten! Wir sahen in ihm das vollkommene Abbild des göttlichen Meisters Jesus Christus. Es ging von ihm eine geheimnisvolle Ausstrahlung aus, die den Verstand erhellte und das Herz mit Freude erfüllte. Seine Worte waren immer gütig und klar, gleichzeitig aber energisch, entschieden und zündend. Sein häufiges Lächeln schenkte Trost und Ermunterung. Sein Beispiel weckte in uns
den lebhaften Wunsch, so zu werden wir er, d. h. uns restlos dem Dienst Gottes und der Kirche hinzugeben. „Niemand hat sich ihm genähert und wäre nicht besser von ihm weggegangen.“

Wir bewunderten in ihm eine unvergleichliche Harmonie heldenhafter Tugendhaftigkeit, die alle gegensätzlichen Pole in Einklang zu bringen vermochte:

  • Seine stete bezaubernde Sanftmut verband sich mit unbeugsamstem Starkmut, der vor keiner irdischen Macht je erzitterte.
  • In seinem Benehmen lag eine seltene Vornehmheit, die indes von einer solchen Einfachheit beseelt war, die jedem die Furcht nahm, auf ihn zuzugehen, nicht ohne indes von tiefer Ehrfurcht erfasst zu werden.
  • Seine tiefe beschauliche Gottversunkenheit in beständigem Gebet strahlte aus seinen Predigtworten, die gleichzeitig von solch mitreißender Entschiedenheit waren, dass jedem klar war, einen Bischof von außerordentlich apostolischer Tatkraft und praktischem Sinn vor sich zu haben.
  • Er war in seinem Urteil vorsichtig, zögernd und abwägend. Aber er kannte keine Zaghaftigkeit. Nachdem er in einer wichtigen Sache gebetet, überlegt und Rat eingeholt hatte, traf er, wie sein Amt es von ihm forderte, eine Entscheidung, deren Durchsetzung niemand verhindern konnte.

Diesen Mann nach dem Herzen Gottes erwählte die göttliche Vorsehung, um ihm in einer Zeit beispielloser Verwüstung der Kirche die Mission zu deren Rettung anzuvertrauen. Seine Worte und Taten hatten prophetischen Charakter, deren Bewahrheitung sich heute mehr und mehr bestätigt. Natürlich ist es in diesen wenigen Zeilen nicht möglich, seine Persönlichkeit und sein Werk umfassend zu würdigen. Ich darf auf die ausgezeichnete Biographie von Mgr. Tissier de Mallerais verweisen. Hier mögen drei Aspekte seines Wirkens genügen, die wie drei Schlaglichter seine Person beleuchten. Er verstand es, mit einfachen, klaren Worten die Nöte und Bedürfnisse der Kirche von heute darzulegen, den Finger gewissermaßen in die Wunde zu legen, dann aber auch die Heilmittel anzugeben und anzuwenden, die zur Gesundung führen, damit die Braut Christi ihre herrliche Schönheit und Sendung wiederfinden könne.

„Das große Geheimnis und die Wurzel der christlichen Kultur“

Den tiefsten Grund der heutigen weltweiten Katastrophe erblickte Erzbischof Lefebvre in der Verleugnung dessen, was er „das große Geheimnis und die Wurzel der christlichen Kultur“ nennt. Gemeint ist die gekreuzigte Liebe unseres Erlösers und unsere Vereinigung mit seinem Opfer. Lassen wir ihn selber sprechen:

„Die ganze Heilige Schrift ist ausgerichtet auf das Kreuz, auf das Opferla mm der Erlösung, das in der Herrlichkeit aufleuchtet; und das ganze Leben der Kirche ist ausgerich tet auf den Opferaltar; folglich ist ihre hauptsächliche Sorge die Heiligkeit des Priester tums."2 "Der Begriff des Opfers ist ein zu tiefst christlicher Begriff. Unser Leben kann das Opfer nicht entbehren, seit Unser Herr Jesus Christus, Gott selbst, einen Leib wie den unseren annehmen wollte und uns gesagt hat: 'Folget Mir nach, wenn ihr gerettet werden wollt', Er, der uns das Beispiel des Kreuzestodes gegeben und Sein Blut vergossen hat. Hierin liegt das große Geheimnis, die Wurzel der christlichen Kultur. Dieses besteht im Verständnis des Menschen für das Opfer in seinem täglichen Leben, im Erfassen des christlichen Leidens, indem man es nicht mehr als ein Übel betrachtet, als einen unerträglichen Schmerz, sondern sein Leid und seine Krankheit mit Unserem Herrn Jesus Christus teilt und dabei das Kreuz ansieht und so die heilige Messe feiert, die die Fortdauer des Leidens Unseres Herrn auf Kalvaria ist - begreift man dieses Leiden, dann wird es zur Freude; und vereint mit dem Herrn, vereint mit allen Märtyrern, vereint mit allen Heiligen, allen Katholiken, allen Gläubigen der Welt wird es zu einem unaussprechlichen Schatz für die Bekehrung der Seelen und das Heil der eigenen Seele."3

Unbeugsamer Streiter gegen die Zerstörung

Doch von diesem Geheimnis wollten gewisse "aufgeklärte“ Menschen in der Kirche nichts mehr wissen. Die Nachfolge Christi war zu mühsam und kreuzigend. Christus stieß ja schließlich überall auf Widerspruch, eckte an, machte sich bei den führenden Kreisen unbeliebt, musste leiden und sterben, weil er "gekommen ist, Zeugnis von der Wahrheit abzulegen“ Die Wahrheit eckt eben an, v. a. wenn es eine absolute Wahrheit ist, der sich jeder Geist fügen soll. - Der ganze Modernismus in all seinen Spielarten bis in die heutige Zeit verdankt sein Entstehen dem Bemühen, ein neues Christentum zu gestalten, das angenehm und bequem ist, das nicht mehr aneckt, sondern sich überall beliebt macht, das nicht mehr Bekehrung, Opfer und Abtötung einfordert. Zu diesem Zweck musste man die Gottheit Christi leugnen, wie es heute allenthalben geschieht. So ist das Problem mit der absoluten Wahrheit gelöst. Die Relativierung der Wahrheit hat den Vorteil, dass man nun die moderne Welt mit ihren Ideologien sowie die anderen Religionen loben kann, um deren Freundschaft zu gewinnen. Eine Liturgie, die das neue moderne Bewusstsein spiegelt und die auf Bekehrung, Sühne und Opfer verzichtet, war nur die logische Folge dieser Umformungen. Und all dies "verkaufte“ man im Namen des Aggiornamento, der Pastoralen Erneuerung und der Ökumene.

Erzbischof Lefebvre sah von Anfang an die teuflische Taktik dieses Vorgehens, die in den freimaurerischen Laboren ausgeheckt wurde. Unermüdlich erhob er seine Stimme gegen diese überaus gefährlichen Irrlehren und Irrwege, die zur Zerstörung des geoffenbarten Glaubens, des hl. Messopfers, der Mission der Kirche und des ganzen kirchlichen Lebens führen würden. Er wurde so zu einem unüberhörbaren Echo der Stimme der Päpste, die früher bereits all diese Häresien energisch verurteilt hatten. Wegen seines Mutes und seiner Liebe zur Wahrheit teilte er das Schicksal Christi und so vieler Bekennerbischöfe. Nicht zu Unrecht nannte man ihn den „Athanasius des 20. Jahrhunderts.“

Wiedererbauer der Christenheit

In Zeiten des Zerfalls heißt es aber auch, zu retten, was zu retten ist, und wieder aufzubauen. Als langjähriger eifriger Missionar durfte er mit eigenen Augen sehen, wie aus der Kraft der christlichen Wahrheit und des Messopfers die Menschen sich bekehrten und heiligten, wie eine heidnische Gesellschaft umgewandelt wurde in eine christliche: "Ich konnte in Afrika sehen, wie diese vollkommen heidnischen Dörfer christlich wurden und sich nicht nur geistlich und übernatürlich wandelten, sondern auch physisch, gesellschaftlich, wirtschaftlich, politisch, weil diesen heidnisch gewesenen Menschen plötzlich bewusst wurde, dass es notwendig ist, seine Pflicht zu erfüllen trotz der Prüfungen, trotz der Opfer, seine Abmachungen, besonders die Verpflichtungen der Ehe, einzuhalten. So wandelte sich das Dorf allmählich unter dem Einfluss der Gnade des heiligen Messopfers. Viele Seelen haben sich auch Gott geweiht; Ordensmänner, Ordensfrauen, Priester weihten ihr Leben Gott; das sind die Früchte der heiligen Messe."4

Hier findet sieh die Lösung letztlich aller Probleme der Zeit. Die Kirche ist vom göttlichen Erlöser gesandt, in aller Welt das Evangelium zu predigen, die Gnaden der Erlösung auszuspenden und so die Völker zu bekehren, das Böse und Irrige zu überwinden, die Welt zu heiligen. So lautet der göttliche Auftrag. Darum kann es heute nur eine Devise und einen Weg geben: Rückkehr zur Tradition! Rückkehr zum gottgegebenen Erbe und zur gottverliehenen Sendung! 

Unser Erzbischof wollte mit gutem Beispiel vorangehen. Er erkannte es als seine Aufgabe, "angesichts des fortschreitenden Verfalles des priesterlichen Ideals das katholische Priestertum Unseres Herrn Jesus Christus weiterzugehen in der ungetrübten Reinheit der Lehre, in seiner grenzenlosen missionarischen Liebe, wie Er es seinen Aposteln übertragen hat und so wie es die römische Kirche bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts übertragen hat." - So entstand seine Priesterbruderschaft, die nach dem großen heiligen Reformpapst Pius X. benannt ist. Aus unscheinbarsten Anfängen blühten in über 70 Ländern Oasen einer wiedererrichteten lebendigen Christenheit mit ungezählten kinderreichen Familien und Schulen auf. Von überall her strömten junge Menschen in die Priesterseminare und Klöster der Tradition. Gegen die unaufhörlichen Anfeindungen und Widerstände erbat der Erzbischof in Rom wiederholt ganz einfach die Freiheit, "das Experiment der Tradition“ machen zu dürfen. Wenn wir nach den Worten Christi den guten Baum an seinen Früchten erkennen sollen, scheint dieses Experiment gelungen zu sein und den Weg in eine hoffnungsvolle Zukunft für Kirche und Gesellschaft zu weisen. Erzbischof Lefebvre gebührt unser aller innigster Dank, dass er diesen Weg aufgezeigt und tapfer gegangen ist. Gebe Gott, dass er unter den Hirten der Kirche immer mehr Nachahmer finde!

Mit priesterlichem Segensgruß

P. Stefan Frey

 

 

  • 1. Selbstverständlich möchte ich mit diesen Ausfuhrungen über die Helligkeit unseres Gründers dem Urteil der Kirche nicht vorgreifen, die eines Tages darüber befinden wird. Hier soll nur der Eindruck dessen geschildert werden, was viele Zeitgenossen von Mgr. Lefebvre an ihm gesehen haben.
  • 2. Artikel vom 4.6.1981 in Cor Unum
  • 3. Predigt zum goldenen Prlesterjubiläum am 23.9.1979
  • 4. Predigt zum goldenen Priesterjubiläum